Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

7. September 2021
von JvHS
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Blogphilosophie

Dieser Blog generiert seine Texte mit dem Ziel, den Blick zu schärfen für aktuelle Entwicklungen im wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und historischen Umfeld sowie ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die individuell bedingten Gestaltungen für ein gelingendes Leben. Basierend auf den Menschenrechten, den demokratischen Grundrechten und rechtsstaatlichen Verfassungen sowie den Erkenntnissen der Sozialwissenschaften und der Philosophie stehen Kommentare, Essays und Berichterstattungen dem Leser zur Verfügung. Bild- und Textsprache sind die Mittel der Darstellung. Sie stehen im Spannungsfeld von Vernunft und Emotionen. 
 
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29. Juni 2022
von JvHS
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Anatomie der Macht – Noam Chomskys Analyse spiegelt sich im Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes wider

Noam Chomsky erwiderte in einem seiner vielen Vorträge und Diskussionen – wiedergegeben in seinem Buch „Anatomie der Macht“ –  auf den Einwand eines Teilnehmers (ein Journalist), dass Chomskys „Mediensicht“ ein falsches Bild darstelle, wenn er die Medien als insgesamt mit ihren Darstellungen der Gesellschaft zu sehr auf Seiten der Reichen verortet. Der Teilnehmer hielt Chomsky entgegen: „Einer der größten Wirtschaftszweige in dieser Gegend ist die Erschließung neuer Gebiete, und wenn es um den Konflikt zwischen Erschließungsinteressen und Umweltschutz geht, lasse ich regelmäßig beide Perspektiven zu Wort kommen.

Chomsky antwortete darauf: „Sie haben ein Thema gewählt, bei dem die Geschäftswelt gespalten ist und die Presse daher »beide Seiten« zu Wort kommen läßt. Aber wenn Sie den Versuch unternehmen, alle Geschäftsinteressen als solche in Frage zu stellen, werden Sie nicht lange Journalist bleiben. Vielleicht behält man sie nur so zum Spaß als Querkopf, aber wenn Sie an dem Punkt sind, wo sie die Einstellung der Menschen zu Macht und Politik beeinflussen können, dann müssen Sie mitspielen oder Sie haben ausgespielt.“

Er solle sich als Journalist einmal die Reaktion überlegen, wenn er seiner Zeitung das Thema „Umverteilung der Einkommen“ von oben nach unten oder Erhöhung der Steuern zwecks Förderung  wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen (Finanzierung der Gemeinwohl- und Daseinsfürsorgeaufgaben des Staates) vorschlage.

Worauf Chomsky hinauswollte, war die These, dass Medien im Verbund mit Politikern die Interessen der Vermögenden wahrten, auch weil Verlage und Presse darauf ihr Geschäftsmodell gründeten.

Der Auszug aus seinem Buch betraf Untersuchungen aus dem Zeitraum Ende der 1990er bis Anfang der 2002er Jahre in den USA. Heute – nach zwanzig Jahren – ist dieser Zustand ist den westlichen Demokratien noch immer – jedoch viel verschärfter – vorhanden. Befeuert werden die Spaltung der Gesellschaft und das weitere Auseinanderdriften durch die aktuellen Belastungen des Ukraine-Kriegs und die steigende Inflation, als Folge der Erhöhung der Kosten für Energie und Lebensmittel sowie durch die Klimakrise, die alles gesellschaftliche Leben weltweit bedroht. Die Umverteilung der Ressourcen durch die geplanten Militärinvestitionen (100 Mrd. in Deutschland), verhindert nicht zuletzt, dass weitere Maßnahmen zur Abfederung der für viele Menschen nicht mehr zu tragenden Kostensteigerungen beim Energiebedarf und Kraftstoffen nicht vorgesehen sind. Dagegen werden die Abgaben für die Sozialversicherung sich ebenso erhöhen, wie die Gebühren der Städte und Gemeinden. 

Der jährliche Armutsbericht(*) des Paritätischen Gesamtverbandes zeichnet ein klares Bild von den existenziellen Bedrohungen, die nicht nur die unteren Einkommensschichten betreffen, sondern deutlich größere Teile der Mittelschicht schon erreicht habe.

(* Download Armutsbericht hier!)

Und so macht das Fazit von Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, deutlich, dass der „blinde Fleck“ der Einsicht bei der FDP liegt, wenn er formuliert: „»Wer sagt, dass er auf keinen Fall die Steuern erhöhen wird, wird die Armut nicht bekämpfen.«

Und hier schließt sich der Kreis, den Chomsky vor rund 20 Jahren schon damit beschrieb, dass das Thema „Umverteilung“ und Solidarität in der Gesellschaft auf Widerstand stoßen werde und in den Medien kaum den Druck erzeugen werde, um die Politik zum Umschalten und Wenden zu bewegen.

Wie Schneider belegt, gilt die Erkenntnis Chomskys bis heute auch für Deutschland. Schneider erinnert daran, dass nur zwei der 29 Milliarden Euro, die das Entlastungspaket der Bundesregierung koste, an einkommensschwache Haushalte gingen. Und die notwendige Steuergerechtigkeit durch Vermögenssteuern, Erbschaftssteuer-Neugestaltung und Transaktionssteuern auf Anlagegeschäfte verhindert weiterhin die FDP!  Die Resterampe des Neoliberalismus agiert noch immer zum Nachteil der Lohn-Einkommensbezieher. 

Die Kritik an den Vorgängen bei der documenta 15 (Antisemitische Propaganda – gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Kunst) hat seine Berechtigung. Wer jedoch in seinen Kommentaren und Stellungnahmen diese Thema überproportional betont, muss sich der Versäumnis und Einseitigkeit seines Weltbildes und des Scheuklappenblicks auf die Gesellschaft strafen lassen!

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27. Juni 2022
von JvHS
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Krieg und Frieden – Война и миръ

Es ist Krieg (Это война)!

Krieg und Frieden (Война и миръ) lautet der Titel eines Romans von Leo Tolstoi. In seiner endgültigen Form erschien Tolstois Werk  – als eines der bedeutendsten der Weltliteratur eingeordnet –  1868/69. Dem Genre des historischen Romans zugeschrieben, gelingt Tolstoi eine Analyse der russisch-zaristischen Feudalgesellschaft Anfang des 19. Jahrhunderts auf dem Hintergrund der russischen Kriege zwischen Napoleons Frankreich und Russland zwischen 1805 und 1812. Tolstoi  wählte zunächst den Titel „Krieg und Gesellschaft“,  was einerseits nicht nur der kleine Unterschied in der Schreibweise des gleichklingenden Wortes „міръ“ für Gesellschaft, „миръ“ für Frieden (Quelle) zeigt, sondern auch, dass er den Zustand der zaristisch-feudalen Gesellschaft in den Mittelpunkt seines Werkes stellte. Als Mittel der Machterweiterung und Machtausweitung war Kriegsführung schon immer bei den Machthabern im Zentrum ihres Handelns verankert.

Die Themen Krieg oder Frieden stehen auch heute wieder im Mittelpunkt der Verteilung der Macht und globalen Einfluss-Sphären – und wie schon zu Zeiten Napoleons ist Russland aufgrund der Machtkonzentration von irrational agierenden Führungsfiguren beteiligt. Diesmal als Aggressor. Und wieder sind die entstandenen gesellschaftlichen Veränderungen geprägt von „feudalen“ Strukturen, den Oligarchen, die den „modernen Adel“ mit ihren Unterdrückungs- und Ausbeutungsstrukturen repräsentieren.

Schon in Tolstois Roman finden sich bei den handelnden Protagonisten Verhaltensweisen á la „Nibelungentreue“, in dem die Profiteure des Systems zu staats- und gesellschaftsschädigenden Entscheidungen der Staatsführung schweigen und die Fehlverhalten dulden. Die Mitverantwortung dieser korruptionsaffinen Amigos, die Tolstoi aufzeigte, sind bis heute in den engsten Kreisen Putins ebenso zu finden. So wird ohne äußeren und inneren Widerstand gegen diese Clique – damals wie heute –  sich weder an den Herrschaftsstrukturen noch an der realen Lage in Politik und Gesellschaft zum Schaden der Mehrheitsbevölkerung etwas ändern.

(Es ist wie immer in solchen Situationen, dass dem Aggressor gegenüber ein Stellvertreter-Krieg geführt wird. Und wenn das schon so ist, dann macht dieses Land und seine Bevölkerung schnellstens wehrhaft. Das gilt auch für die Ukraine. Wenn sie nicht stark gemacht wird durch schnelle und ausreichend wirkungsvolle Systeme, die eine kriegsführende Macht wie Russland zurückdrängen kann, dann wird es nicht gelingen, weitere Länder vor Russlands Expansionssucht zu schützen! Denn die Apokalypse des Atomkrieges schwebt weiterhin über den Globus, spätestens dann, wenn Putin in die Baltikums-und Nato-Länder einfallen würde.)

Friedensähnliche Phasen in Kriegszeiten haben immer entfremdende und befremdliche Wirkungen, obwohl sie eine Realität vortäuschen, deren Illusionen sich die Menschen dann gerne unterwerfen.

Und was in Friedenszeiten beim Vergleich von Hochzeit und Beerdigung eine witzige und humorvolle Wendung hat, klingt im Kriegszustand dann nur daneben oder geht allenfalls  als Galgenhumor durch:

So äußerte sich die unverheiratete Fünfzigjährige, dass sie mittlerweile lieber zur Beerdigung gehe, weil das Essen als Leichenschmaus auch gut sei, aber man brauche im Gegensatz zur Hochzeit kein Geschenk mitzubringen. Außerdem werfe da niemand mit den Blumen-Kränzen, um zu bestimmen, wer als nächster dran sei. 

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26. Juni 2022
von JvHS
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Vom Prinzip Hoffnung – Furcht vor der Wahrheit oder Aufbruch in eine konkrete Utopie?

In der Hoffnung steckt immer die Furcht vor der Wahrheit: Was wäre das Geständnis für die religiösen Menschen, wenn ihnen (ihr) Gott mitteilen würde, dass er Atheist ist? (JWB)

Ernst Bloch hat in seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ der Bedeutung des Begriffes „Hoffnung“ nachgespürt und von der Grundlegung über die Konstruktion einer besseren Welt bis zur konkreten Utopie einer lebenswerten Weltgestaltung den Weg aufgezeigt, wie eine konkrete Alternative zum Neoliberalismus, zur Unterdrückung und Menschenfeindlichkeit durch Tyrannen und Diktatoren aussehen kann.

„Das Wirkliche sei vernünftig“, formulierte Hegel seine Abneigung gegen  Kritik als These. Wo Hegel irrte, begannen Adorno, Bloch und Horkheimer die Welt auf die Füße zu stellen. Wie entscheidend falsch Hegels These war und ist, sei an dem Beispiel von Putins Angriffs- und Vernichtungskrieg aufgezeigt. Es kann niemals vernünftig sein, Krieg zu führen, um die eigenen Machtgelüste und geopolitische Phantasien zu befriedigen. Angriffskriege zu führen zur Errichtung einer menschenfeindlichen Diktatur und Unterdrückung  ist die Unvernunft par excellence – sie bewirkt nur Tod, Leid und Zerstörung. Das aber kann kein Ziel und eine Motivation für eine menschenrechtsorientierte Weltgestaltung zu sein.

Kritik wird departmentalisiert. Aus einem Menschenrecht und einer Menschenpflicht des Bürgers wird sie zum Privileg derer gemacht, die durch ihre anerkannte und geschützte Stellung sich qualifizieren. Wer Kritik übt, ohne die Macht zu haben, seine Meinung durchzusetzen, und ohne sich selbst der öffentlichen Hierarchie einzugliedern, der soll schweigen. … Durch die Teilung
zwischen verantwortlicher Kritik, als der von solchen, die öffentliche Verantwortung tragen, und unverantwortlicher, nämlich der, die solche üben, die man für die Konsequenzen nicht zur Rechenschaft ziehen kann, wird vorweg Kritik neutralisiert. … All dies ist unausdrücklich und nicht institutionell verankert, aber so tief im Vorbewussten Ungezählter vorhanden, daß eine Art sozialer Kontrolle davon ausgeht.“ (T. W. Adorno GS 10 S.789) 

Während Hegel Materie der Selbstentwicklung des Geistes als dessen Produkt unterordnet (das Bewusstsein bestimmt das Sein), verbindet Karl Marx aus der  sozialpolitischen Sicht Materie und Bewusstsein (Das Sein bestimmt das Bewusstsein). Auf dem Boden von Marx fügt Bloch nun einen  weiteren Aspekt hinzu – den zwischen Sein (Materie) und Utopie.

Während Heidegger dem „Nichts“ nur die Eigenschaft zuordnet, dass es „nichtet“, was immer das sein soll, gilt für Bloch, dass Utopie erreichbar ist, weil es die Bedeutung des Noch-Nichtsein beinhaltet, das sich realisieren  kann in Sein.

Für Bloch sind nämlich Sein und Bewusstsein nur unterschiedliche Zustände der Materie. Hoffnung wird nach Bloch als das Bewusstsein des möglichen Fortschritts  (zu einer menschenfreundlichen Welt) . Zukunft steht als Dimension synonym für das Hoffen. Nicht-Sein ist nicht Nichts, sondern ein Nichts im Sein, das als Noch-Nicht-Sein zum Sein aufgehoben werden kann. Denn das erste, womit der Mensch konfrontiert wird, ist der Mangel: Er hat nicht, was er haben müsste, um ein lebenswertes Leben gestalten zu können. Das aber umfasst die Sicherstellung der Grundbedürfnisse Essen, Wohnen, Bildung, Arbeit, Freiheit in den Grenzen, die die Freiheit des anderen betrifft. 

„Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat. ( Ernst Bloch – Das Prinzip Hoffnung)

Putins Angriffs-Krieg (und die jedes Anderen…) ist nichts anderes als die Verhinderung von echter Heimat, wie sie nur unter realer Demokratie und der gemeinsamen, solidarischen Zurverfügungstellung und Sicherstellung der Grundbedürfnisse möglich ist. Jedes ökonomische Modell – insbesondere der Neoliberalismus in seiner kruden Vorstellung, dass der „Markt“ alles regele, und der gefährlichsten Ausformung als Finanz- und Investitionskapitalismus – das Heimat im Sinne Ernst Blochs bedroht und verhindert, ist eine Form des Krieges gegen die Menschlichkeit.

Das Moment der Ungleichzeitigkeit an Erkenntnis, Bereitschaft zur Machtbeschränkung  und zur Gestaltung einer friedlichen Welt ist eine weitere Barriere, die den Menschen und den Planeten nicht zur Ruhe kommen lässt. 

Das Ziel ist klar – wenn auch durch die Ungleichzeitigkeit nicht für alle zur gleichen Zeit greif- und verstehbar. Die Realisation wird jedoch immer wieder blockiert von den Figuren á la Putin, Orban, Xi Jinping, Trump, Bolsonaro, Erdogan. Und so bleiben Fragen „Wie wird die Menschheit sie wieder los?“, „Was kann und muss man tun, dass jene Typen nicht erst in ihre Machtpositionen gelangen?“ und nicht zuletzt: „Wie ist die Verteidigung bei welcher Eskalationsstufe zu organisieren?“ müssen wir gemeinsam die Antworten darauf finden.

 

 

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25. Juni 2022
von JvHS
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Vor dem Gewitter

Weil ich so ganz vorzüglich blitze

Weil ich so ganz vorzüglich blitze,
Glaubt Ihr, daß ich nicht donnern könnt!
Ihr irrt Euch sehr, denn ich besitze
Gleichfalls fürs Donnern ein Talent.
 
Es wird sich grausenhaft bewähren,
Wenn einst erscheint der rechte Tag;
Dann sollt Ihr meine Stimme hören,
Das Donnerwort, den Wetterschlag.
 
Gar manche Eiche wird zersplittern
An jenem Tag der wilde Sturm,
Gar mancher Palast wird erzittern
Und stürzen mancher Kirchenturm!
Heinrich Heine 

Angst, du giftige Schlange,
Schwarze, stirb im Gestein!
Da stürzen der Tränen
Wilde Ströme herab,
Sturm-Erbarmen,
Hallen in drohenden Donnern
Die schneeigen Gipfel rings.
Feuer
Läutert zerrissene Nacht. 

Auszug aus Das Gewitter von Georg Trakl

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25. Juni 2022
von JvHS
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Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch auf Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

Was ist die alle fünf Jahre stattfindende documenta inhaltlich und formal? Eine Werkkunstschau, somit eine zur Schau gestellte Übersicht, Einsicht oder Ansicht von künstlerischen Werken? Oder doch nur ein 100 Tage dauerndes Spektakel mit jeweils anderen Schwerpunkten, ausgewählt von Kuratoren und künstlerischen Leitungen, deren Subjektivität der Auswahlkriterien immer im Diskurs  mit der Fachwelt und der Kasseler Bevölkerung steht, diese zu verteidigen, durchzusetzen oder zurückzunehmen?

Was 1955 mit der Vergangenheitsbewältigung – gleichzeitig auch das Kernthema der documenta 1 – begann, war verbunden mit dem Ziel, eine Korrektur des „Sündenfalls“ der Nazi-Aktionen vorzunehmen – die die Kunst der Modernen als „entartet“ diffamiert und ideologisch motiviert zu vernichten begonnen hatten. Realisiert wurde dieses Ziel in der ersten documenta mit dem Anspruch, die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in ihren bedeutendsten Werken zu präsentieren. Wie sich auch in den nächsten fast sieben Jahrzehnten bis zu documenta 15 zeigen sollte, klaffte nicht selten eine Lücke zwischen Anspruch und Realisierung.

Auch wenn die Vergangenheitsbewältigung 1955 im Mittelpunkt des Ausstellungskonzeptes stand, war die Grundkonzeption schon ausgerichtet auf den Anspruch, eine Übersicht der Gegenwartskunst zu gewährleisten. Das jedoch impliziert, die Kunstrichtungen in ihren Entwicklungen zu erfassen, die Veränderungen der ästhetischen Wahrnehmungen begrifflich zu benennen und im Diskurs die zeitgeistigen Einflüsse und kunsttheoretischen Ansätze miteinander zu verbinden und terminologisch zu vereinbaren.

In diesem Anspruch ist das oftmalige Scheitern – sichtbar an den Skandalen –  immanent schon enthalten. Die nunmehr fast sieben Jahrzehnte von Innen- und Außenausstellungen ist auch eine Geschichte des öffentlichen Nachdenkens über die Inhalte, Motive und Realisationen von Kunst und Kultur, von Anregung und Aufbruch, von Akzeptanz und Ablehnung.

Vor allem die Außenausstellungen mit ihren Objekten sind sowohl für die Stadtentwicklung Kassels wie auch für die kulturelle und ästhetische Weiterentwicklung der Menschen in und über Kassel hinaus von Meinungen und Reaktionsformen gekennzeichnet.

So definierte Harald Kimpel 1992 – noch in der Funktion als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Kulturamt der Stadt Kassel –  in seinem Buch die jeweiligen Reaktionsstufen von der Aversion über Duldung, Gewöhnung, Gleichgültigkeit bis zur Akzeptanz. Ein nachvollziehbarer Ansatz.

An einem exemplarischen Beispiel – >>Rahmenbau<< von Haus-Rucker-Co (Künstler-Gruppe aus Österreich/ Ein riesiger Rahmen, kombiniert mit einem weiteren kleineren Rahmen ergibt eine Begrenzung für den Blick auf das Fulda Tal. Zuvor muss ein dazu gebauter Steg betreten werden!) – macht Kimpel nachvollziehbar, was nach den 100 Tagen nicht selten mit Außenausstellungsobjekten zu bewerkstelligen ist. Da ist vor allem die Duldung oft eine Frage der Finanzierung der Folgekosten!

Die Künstlergruppe Haus-Rucker-Co beschäftigte sich mit den Problemen des städtischen Lebens und der Stadtgestaltung. Ziel dieser Stahlkonstruktion als provisorische Architektur war, „als Vermittlungsform zwischen Architektur und Skulptur den Umraum zu markieren und durch Nutzung eine bewusste Auseinandersetzung des Nutzer in seiner Rolle als Rezipient mit seiner Umwelt zu provozieren“. (Kimpel)

 Ironisch kommentierte Peter Sager im Zeitmagazin 32/1977, S.5 diesen Anspruch mit:

„Den monumentalen Ausguckbetreten die Schaulustigen in der Erwartung, endlich im Rahmen der Kunst das gelobte Land zu erblicken und nicht nur das Fulda-Tal. Manche strengen sich an wie beim Augenarzt, um die verheißenen >neuen Wahrnehmungsfelder< zu entdecken. Einige behaupten: Nichts zu sehen. Manche freilich kehren von diesem Instrument zur allmählichen Verfertigung der Bilder beim Sehen zurück mit einem medienspezifischen Flackern in den Augen.“

Der aversive und ablehnende Augenblick kommt in diesem Beispiel nach dem Ende der documenta 6 zum Tragen. Ein Sturm im November 1977 hatte Spuren an dem Objekt hinterlassen, weil Teile der Konstruktion hinunterhingen. Dieser Zustand war auch noch nicht im Januar 1978 behoben. Da selbst die Absperrbänder aus Plastik schon teilweise zerstört waren, begann die Diskussion um die Wirkung als „negative Visitenkarte“ für die Künstlergruppe wie für die Stadt Kassel. Die Restauration des schon rostenden Rahmens dauerte bis Herbst 1978 an. Die Finanzierung übernahm ein Finanzinstitut. Eine Schenkung an die Bundesgartenschau –ebenfalls in Kassel – integrierte das Objekt dann in dieses Konzept zu Beginn des Jahres 1979. Ende 1979 stürzte dann der kleine Rahmen ab. Eine erneute Reparatur ließ das Objekt dann am gleichen Platz stehen – und wohl im Rahmen der Wahrnehmungssättigung – das ehemalige „Kunstobjekt“ verdrängen im Bewusstsein der Parkbesucher. Verdrängung ist wohl kaum Akzeptanz, vielleicht noch Gleichgültigkeit, zumindest aber Gewöhnung und Nichtmehr-Wahrnehmung.

Die künstlerischen Leitung der documenta 9 wollte dann nach 15 Jahren dieses Exponat abbauen lassen. Aber selbst am Ende der 9ten documenta stand das Ding immer noch.

Nichts ist so haltbar wie ein Provisorium – selbst als „Provisorische Architektur“!

Ergänzung vom 28.06.2022

Ein Kommentar von Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives, zu den antisemitischen Bildern, die das indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi auf der documenta 15 zeigte.

Die Arolsen Archives sind das internationale Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit umfassendsten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes und ist eine wichtige Wissensquelle für die heutige Gesellschaft.

„People’s Justice“ – ein Banner ethisch und ästhetisch außer Rand und Bann? – documenta Machwerk von Taring Badi verhüllt!

Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?

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