Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Anpassung – das einzige Ergebnis der Sozialisation in neoliberaler Wirklichkeit?

Woran denkt der geneigte Bildungsbürger, wenn von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit die Rede ist? An eine evangelische Pfarrerin, die mit ihrem Lebensentwurf in dieser von Gleichmacherei, Stromlinienförmlichkeit und Aal glatter Anpassungsfähigkeit kleingeschliffenen Arbeitswelt auf Bibelzitate zurückgreift, wenn ihrerseits berechtigte Kritik an Freihandelszonen-Abkommen geübt wird? Oder denkt der heutige Mensch mit bildungsbürgerlichem Hintergrund doch eher an die Medien erprobten Berufspolitiker, oder an die Managementsöldner in von Lifstyle orientierten Zielvereinbarungen verfremdeten und verzerrten Neuausrichtungen in Medienhäusern und Mittelstandsunternehmen á la Leica Camera AG oder Gruner & Jahr?

Wie viel Einfluss haben die Entwürfe der ehemaligen Revolutionen, die mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit Staats- und Gesellschaftsmodelle bezeichneten, aus denen dann auch ein Sozialstaat wie jener der BRD erwachsen ist? Welche Inhalte stehen für diese Begrifflichkeiten in den Bildungseinrichtungen von Schule und Hochschule und wie werden diese dort gelebt und vermittelt?

In dem Buch „Warum unsere Studenten so angepasst sind“ (Christiane Florin) wird aus der Sicht einer Lehrbeauftragten an einer Universität der von ihr so beschriebene „Ist-Zustand“ in den Diskurs gestellt. Unterstellt wird dabei, dass die Studenten angepasst sind im Sinne des „Mitmachens“, „Mitlaufens“ in der gleichgeschalteten Ausbildungs- und Arbeitswelt. Vom Ausbildungsplan so festgezurrt, dass keine kreative Eigenständigkeit mehr übrigbleibe. Antipolitisch als Summe der erlebten Sozialisation, Diskurs unfähig gestempelt, ganz auf die Anforderungen des ausbeutenden und wenig sicheren Arbeitsmarktes ausgerichtet, immer von der Hoffnung angetrieben, das Leistungsprinzip zu bejahen und zum gewinnenden Teil zu gehören, wird die Studentengeneration des letzten Jahrzehnts gekennzeichnet.

Gerechtigkeit werde als störendes Kriterium eingeschätzt, Freiheit sei die des ICH_ICH_ICH und Gleichheit nur im Sinne eines inneren von facebook und twitter gebannten Zirkels verstanden, dem man schnellstens als dazugehören wollend wahrnimmt. Etwas Anderes wird erst gar nicht mehr – weder im ökumenischen Sinne, noch im ethischen Verständnis – in den Fokus genommen. Opportunismus wird zum Standardverhalten, weil auch von Zeitvertrag zu Zeitvertrag, von Leihvertrag zu Leihvertrag der Blick für die Gefahr der Auslöschung der Werte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, für die Menschenrechte und Menschenwürde verloren geht.

Die innere Logik des Neoliberalismus mit der Unterwerfung aller Lebensentwürfe und Lebensziele zur Gestaltung von Profitmaximierung als einzige Ausrichtung hat seine Wirkung nicht verfehlt. Dass heute die Wirtschaftsblöcke alle dem „Tanz ums goldene Kalb“ huldigen, den Verteilungskampf um die Ressourcen mittels Kriege wieder als führbar ansehen und vorbereiten, ist aber ebenso aus dem Fokus der Altvorderen wie der als angepasst bezeichneten Studenten geraten. Die Ungleichzeitigkeit der Erkenntnisse und Lebensziele wird einhergehen mit großem Leid und vielen Verlusten. Solange, bis die Zustände irgendwann enden in einer zukünftigen Gleichzeitigkeit einer friedlichen Revolte á la Montagsdemonstration. Dann wird wieder – hoffentlich lange genug – eine Zeit sich Bahn brechen, in der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Solidarität Werte für ein anders geformtes Zusammenleben bilden.

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