Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Heimat – und ihre Narrative

Nun ist für die neue Regierungskoalition ein Heimatministerium geplant, welches – mit Horst Seehofer besetzt – den Begriff wieder mit den national-konservativen Inhalten füllen soll. Liberale Inhalte sollen allenfalls aus dem Bereich national-ökonomischer Herkunft stammend Einzug halten. Der Verdacht kommt auf, dass die Inhalte wieder mehr das abgrenzende, vorurteilsbehaftete, dumpfe Gefühl der Ausgrenzung des Anderen stärken soll. Der Heimatbegriff wird der Springflut der Blut-und Bodenideologie ausgeliefert sein, so wie es Polen, Ungarn, die östlichen Länder am Rande Russlands und die Hillbillies des Donald Trump und der Teaparty-Bewegung schon vorgemacht haben.

Ideologisch das Gewehr bei Fuß stehen schon AfDler bereit, die braune Flut weiter anzufachen. Die Gemengelage von romantisierenden, nostalgischen Gefühlsduseleien bis zum faschistischen und rassistischen Terror ebnet der ideologischen Flut Tür und Tor.

Wie diffizil der Umgang mit dem Begriff „Heimat“ sein kann, zeigt sich an den überall aus dem Boden sprießenden Heimatvereinen. Insbesondere dann, wenn die seltene Aufarbeitung von politischer Geschichte im Mittelpunkt des Interesses steht. Zu oft liegt der Schwerpunkt auf das Plattdeutsche und die Dialektpflege. Wenn der soziologische Unterbau fehlt, wenn die Dekonstruktion nicht erfolgt, kommt eher die Nostalgie im Sinne von „Früher war alles besser“ und die völkische Facette zum Tragen.

Noch sind die Zeitzeugen unter uns, die die Auswirkungen des Nazi-Deutschlands erlebt haben. Und dennoch erfolgt die Dokumentation von Vorgängen der Judenverfolgung, der Bereicherung an der Arisierung der Vermögen der Verfolgten und das angstbesetzte Mitmachen oder Weggucken mit besonderer Vorsicht und manches Mal auch nur dezent und unaufdringlich, statt mit der Wucht der berechtigten Anklage.

Die Rücksichtnahme auf die Familien und ihre Verstrickungen in der Nazizeit soll das zarte Pflänzchen der Aufklärung nicht gleich am Anfang schon wieder gefährden. Eine Rücksichtnahme, die aus der Tradition der direkten Nachkriegsjahrzehnte stammt, in der von Adenauers Staat die Aufarbeitung beiseitegeschoben wurde und die falschen Signale gesendet wurden durch die Integration der Globkes, Gehlen, Filbinger und Kiesinger in die Machtpositionen bis hin zum Bundeskanzler.  Statt Aufarbeitung erfolgte Behinderung und Verdrängung. Die Unfähigkeit zu trauern (Mitscherlich) über die Verstrickung in die Gräueltaten des Faschismus und das im privaten gehegte Denken und seine Gesinnung des Faschistischen sind bis heute wirksam – eine Ursache für das Wiedererstarken der rechten Politik.

Das neue Heimatministerium soll nun den Teufel mit dem Beelzebub austreiben- ein Konzept, das schon immer in die Hose ging! Rechte Gesinnung und Denken salonfähig machen, stärkt nur die falsche Seite. Welche Auswüchse im Falle der Machtübernahme durch die Rechtsradikalen erfolgen, kann an dem Agieren der polnischen Regierungsmehrheit nachvollzogen werden: es wird mit Gefängnis bestraft, wer die Mitschuld polnischer Staatsangehöriger am Holocaust benennt. Wahrheiten unterdrücken ist schon immer ein Prinzip diktatorischer Regierungen gewesen, welche die Rechtsstaatlichkeit beseitigt und auf Gesinnung aufbaut. (siehe Türkei, Polen, Ungarn u.a.)

Heimat – das ist einerseits die Herkunftsseite, die Sozialisierung des Menschen von Kindheitsbeinen. Lief diese gut, ergab sich die Erinnerung an das Geborgen sein, das wohlige Gefühl einer unbedrohten Kindheit. Lief es noch besser, dann waren die Anteile eines kritischen fördernden Erlebens der Boden, auf dem humanistische Geisteshaltung sich entwickeln konnte. Neugier, Gerechtigkeitsempfinden, Empathie und der unbedingte Freiheitswille, ein friedvolles Leben in Gemeinschaft zu sichern, das sind die positiven Seiten eines Heimatbegriffes.

Heimat, das ist auch die Region, die gegen die Ausbeutung durch die Ökonomie geschützt werden muss. Heimat, das ist der Lebensraum, der gegen die Bevorzugung des Aktiengesetzes gegenüber den Menschenrechten verteidigt werden muss. Heimat, das ist der Raum, in denen sich die Lebensentwürfe von Menschen realisieren lassen müssen, ohne in die Zwänge von Hartz-IV zu geraten, weil die Gesetze den Unternehmen diese Möglichkeit über Gebühr ermöglicht. Heimat, das ist die Region, die gegen Fracking, Feinstaubverseuchung, Atomkraftwerksgefährdungen und Braunkohlenraubbau geschützt werden muss. Heimat, das ist auch das Grundwasser, das weder durch die Gülleverseuchung noch durch den Gülletourismus und das Füllen der Geldtaschen weniger Landwirte gefährdet werden darf.

Und das Gleichmachen von Heimat, das Einebnen des Unterschiedlichen- auch gegenüber eines bajuwarischen Narrativs, wie es im Heimatministeriums eines CSU-Fürsten zu befürchten gibt  – dazu formulierte Adorno: „Keine Heimat überlebt ihre Aufbereitung in den Filmen, die sie feiern, und alles Unverwechselbare, wovon sie zehren, zum Verwechseln gleichmachen.“ (Th. W.Adorno, Résumé über Kulturindustrie)

Wir brauchen keine Gleichmacherei und die Anpassung an das bayrisch verzerrte Heimatgefühl, von dem Horst Seehofer formulierte:  „Wir werden uns gegen Zuwanderung in deutsche Sozialsystem wehren – bis zur letzten Patrone.“ – Eine Brandstifterformulierung, wie sie auch in der AfD zuhauf zu finden ist.

Heimat hat viel mit persönlichen Bildern zu tun, ist zudem, was die eigenen Lebensentwürfe betrifft, mit utopischen Elemente versetzt, die jedoch immer auch ein Grundbedürfnis zu befriedigen haben: Wohnen, Sicherheit und Urvertrauen in das freie Gestalten dieses Wohn- und Lebensraumes. Ein Staat, eine Nation kann niemals Heimat sein, allenfalls der vertragliche Boden für das gemeinsam zu gestaltende Gerüst eines Gemeinwesens.

Und Gesinnungen schaffen keine Zukunft! Sie verhindern sie.

Das wusste auch Ernst Bloch, als er formulierte:

„Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat. (Prinzip Hoffnung)

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