Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Von politischer Verbohrtheit – oder den Balken im eigenen Auge nicht sehen

Im Spiegel der Erkenntnisse

Bei einem Artikel auf SPON (Spiegel online) ist es notwendig, die dort genannten Thesen zu überprüfen und weitere Fragen zu stellen. Kernthema ist die „Politische Borniertheit“. Autor des Textes ist Jan Fleischhauer, der sich selbst beschreibt als Konservativer, der im Dogmatismus eines sozialdemokratischen Elternhauses aufgewachsen sei. Als Wirtschafts- und Hauptstadtredakteur des Spiegels gehört er zur Riege der Vertreter des neuen Spiegel-Selbstverständnisses, den Medien-Mainstream zu bestimmen. Den Spirit des Spiegels der ersten Nachkriegsjahrzehnte unter Rudolf Augstein vertritt er nicht. Im Gegenteil, wie er in seinem autobiografischen Erstlings-„Sachbuch: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ darlegt. Seine angelsächsische Orientierung ist nicht nur dem eigenen Loslösungsprozess vom Elternhaus geschuldet, sondern auch seiner nicht zu verkennenden Begeisterung für die Sichtweise der westlichen, neoliberalen Wirtschaftspolitik.

Zur Sache: Fleischhauer formuliert mit Blick auf gesellschaftliche Bewegungen, die den Rechtsruck in Gesellschaft und Politik kritisieren und zum Protest aufrufen, dass diese eine Prägung an Überheblichkeit hätten und reine Gesinnung seien – vergleichbar der der „Identitären“ – also einer real den Rechtsstaat ablehnenden Splittergruppe. Vokabeln wie Multikulti mit ihrem in der Bedeutung negativen Beigeschmack gehen ihm ebenso leicht von der Hand, wie den Verfechtern der offenen Gesellschaft elitäre Positionen zu unterstellen – bei ihm im Text als „Exklusivität“ beschrieben. Die Kulturschaffenden der bildenden Kunst bis hin zum Kabarett bezeichnet er unterstellend  und verallgemeinernd als „Kulturbetrieb“, ebenfalls verächtlich und mit negativer Konnotation versehen. Ihr gesellschaftliches Selbstverständnis sei geprägt von „Wir sind die Vielen“ – die anderen seien alles Nazis und Deppen.

Dass der Autor dabei mehr von sich selbst verrät, als eine korrekte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Gruppen gelingt, ist im besten Stil der Schreiberlinge der „AdG – Achse des Guten“  und  deren  „Arroganz der Gebildeten“ vorgenommen. Zur Methode dieser Vertreter gehört, dem kritischen Gegenüber genau das zuzuordnen und zu unterstellen, was selber praktiziert wird: sich als die Guten zu bezeichnen, Gesinnung zu praktizieren und in einer Filterblase und Echokammer zu verharren mit dem Ziel, Zugehörigkeiten (Fleischhauers Vokabel lautet an dieser Stelle „Identität“) zu markieren. Da fliegt dem Leser das biblische Sprichwort förmlich zu: Den Splitter im fremden Auge zu erblicken, den Balken im eigenen Auge jedoch zu ignorieren! Modern: Das Brett vorm Kopf ist dick und dicke Bretter zu bohren ist schon immer eine schwierige Aufgabe gewesen.

Dass er als These für das Verhalten eine korrekte Einschätzung formuliert – Intelligenz und Bildung begünstigen nicht Selbstkritik und Erkenntnisfähigkeit – schützt ihn nicht vor eigener Blindheit.

Zitat:

Wie der Harvard-Professor David Perkins zu zeigen vermochte, konnten Studenten insgesamt mehr Argumente zu Papier bringen als Nichtakademiker, allerdings blieb die Zahl der Gegenargumente unverändert. Der Hang zur Rechthaberei nimmt also, das muss man daraus folgern, mit dem Grad der Bildung nicht ab, sondern zu. Oder wie der Evolutionspsychologe Leander Steinkopf schreibt: “Intelligenz und Bildung begünstigen nicht Selbstkritik und Erkenntnisfähigkeit, sie verstärken, was ohnehin im menschlichen Gehirn steckt: kognitive Verbohrtheit.”

Zitatende (Quelle:)

Die weiteren Schlussfolgerungen enthalten Thesen, die diskursfähig sind. So werden vom Autor Fleischhauer folgende genannt:

  • Es sei naiv zu glauben, dass Rechtsradikale und Rechtskonservative (und Identitäre) durch Dialoge zum Überdenken ihrer Positionen zu bringen seien.

(Das gilt auch für die AfD – Anhänger und – Mitglieder, die leugnen, rechtsradikale und Nazi-Ansichten zu haben respektive diesen zuzustimmen, auch wenn die Begeisterung für Höcke, Pegida und Co. das gerade belegen. Hier ist es noch die Angst, in der demokratische Gesellschaft Nachteile erleiden zu können, die das Leugnen bestimmt!)

  • Die nächste These ist jedoch wieder zu hinterfragen, wenn Fleischhauer betont, dass die Bezeichnung von Menschen mit rechter Gesinnung die Ursache dafür sei, dass sie in die Radikalisierung getrieben würden.

Hierauf ist wohl eher zu antworten, dass die Grenzüberschreitung führender AfDler die Rechtsorientierten ermutigen, ihr Weltbild radikaler und vehementer in der Öffentlichkeit zu praktizieren. Sie haben ja auch vom Rechtsstaat kaum was zu befürchten, weil rechte Gesinnung bis in Justiz und Exekutive sich breitgemacht hat, wie nicht wenige Beispiele im Osten des Landes belegen.

Zu hinterfragen ist also, obwohl das Potenzial rechter Gesinnung bei bis zu 25 % innerhalb der Gesellschaft verankert ist, warum nach Fleischhauer der Verweis auf diesen Ursprung zur Selbstradikalisierung führe, wenn der andere Teil der Gesellschaft sagt, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ein dreckiges Unterfangen sei.

Genau das zu sagen, muss möglich bleiben. Ebenso wie Gauner als Gauner zu bezeichnen sind, sind Nazis als Nazis zu bezeichnen!

Ergänzung: Aus der Mitte der rechtskonservativen Bürgerlichkeit und Herrenzimmer-Ideologie – ein weiteres Beispiel!

image_pdf(c) JvHSimage_print(c) JvHS

Kommentare sind geschlossen.