Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Gelungenes Leben – Ergebnis von Gerechtigkeit oder Glück? Teil I

“Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit.” – Theodor W. Adorno, Resignation, 1969

“Den Guten nenne ich glücklich. Wer aber Unrecht tut, den nenne ich unglücklich. (Sokrates)” – Platon, Gorgias

“Ohne Rechtschaffenheit ist es nicht leicht, in äußerem Glück die Bescheidenheit zu wahren.” – Aristoteles, Nikomachische Ethik

Ein glückliches Leben führen, das wünschen sich die meisten Menschen. Und Glück war bei den antiken Philosophen schon ein Thema und Gegenstand ihres Denkens. Das hat sich bis zum heutigen Tag bei den Menschen nicht geändert. Da werden dann Glücksorte in den Kommunen festgelegt und die „Woche des Glücks“ ausgerufen. Das mag man bewerten wie man will, es ist  Ausdruck eines Bedürfnisses und damit nicht frei von Verwertungsabsichten.

Vor allem aber ist Glück immer ein sehr subjektives Empfinden. Wer ständig unter Schmerzen leidet und kaum durchschlafen kann, was dann zur Folge hat, beruflich den Anforderungen kaum mehr standzuhalten, der ist glücklich, wenn ein Mittel – ohne große Nebenwirkungen zu entfalten – die Schmerzen erträglich macht. Glücklich wäre er ebenso, wenn die Ursachen für die Schmerzen erkannt und behandelt werden könnten. Während der schmerzfreie Mensch seinen Zustand kaum zu würdigen weiß und dies selten als Glück empfinden würde, sondern seine Vorstellung von Glück darauf kapriziert, durch Lottospielen seine materiellen Wünsche durch den erhofften Gewinn realisieren zu können, so ist der nächste Mensch glücklich, wenn er per Zufall nicht in ein Flugzeug eingestiegen ist, das abstürzte und alle Insassen mit in den Tod riss. Für bestimmte Zustände nutzen verschiedene Sprachen auch mehrere Wörter. In der englischen Sprache wird unterschieden nach „ to be a lucky man“ und „ to get  a lot of happiness“ – Sein und Haben des Glücks – oder Glück per Zufall und Glück als Schicksal.

Und ein glückliches Leben zu führen, dazu führen viele Wege nach Rom – ein Rezept dazu gibt es nicht. Zuvor soll aber das Griechenland des Platon, Aristoteles und Epikurs in den Blick genommen werden.

Platon lässt seinen Sokrates in seiner Schrift „Der Staat“ den Zusammenhang von Gut/Böse und gerechtem Handeln als Form des wirklichen Glücks entwickeln und zum Fazit kommen, dass nur der Gerechte auch ein wirklich glückliches Leben führen kann. Und ein gerechter Mensch ist jemand, der sein Seelenleben im Gleichgewicht hält. Dieser Zustand ist dann auch Glück. Wie stellt Platon dies dar? Er beschreibt die Seele als aus drei Teilen bestehend. So ist ein Teil der Sitz der Begierden und Wünsche nach Bequemlichkeit, der Genuss und des extensivem Auslebens von Sex, Spaß und Völlerei jeglicher Art.  Das Leben ist nur Party! Im zweiten Teil seien Mut, Ehrempfinden und Liebe beheimatet. Aber auch diese könnten in der ganzen Bandbreite der Emotionen von angemessenem Verhalten bis Raserei und damit von Hingabe bis Manipulation und Unterdrückung schwanken. Im dritten Teil der Seele sei die Vernunft, Einsicht, Abwägung und Erforschung beheimatet. Die widerstreitenden Teile des Menschen müssen wie zwei gegensätzliche Pferde in einem Gespann durch die Vernunft als Lenker auf die richtige Bahn geführt werden. Platons Vorstellung eines gelungenen Lebens sei dann möglich, wenn die Vernunft das Handeln leitet, der Mut und die Liebe zur Umsetzung beitragen und die Emotionen und Begierden mit Mäßigung in Zaum gehalten werden. Die Seele somit in Harmonie sich befindet und Glück nur in diesem Zustand vorhanden ist.

In der „Nikomachischen Ethik“ bezeichnete Aristoteles „das Glück als höchstes Gut“ sowie als „die für den Menschen spezifische Tätigkeit“. Ethik wird in diesem Sinne zur Vereinbarung, das Leben in der Gemeinschaft zu regeln und allen ein glückliches Leben zu ermöglichen. Ein glückliches Leben besteht aber nicht in der Erreichung dieses Ziels durch einzelne Facetten (ich will reich sein, ich will Präsident werden, ich will berühmt werden etc.), sondern in der Meisterung des Lebens selber.

Zu einem gelungenen und damit gleichzeitig glücklichen Leben gehört nach Aristoteles die Entwicklung von Fähigkeiten und indem der Mensch seinen Anlagen gemäß lebt (capability approach). Wer gerne handwerklich tätig ist, aber zur Existenzsicherung einen Bürojob annimmt, den er hasst, kann kein erfülltes Leben führen. Dieser Ansatz realisiert sich auch in Adornos Aphorismus „Es gibt kein richtiges Leben im falschen!“ (Quelle: Minima Moralia)

Ein Staat, der im Neoliberalismus nur eine bestimmte Klientel fördert, verhindert das erfüllte Leben und damit ein glückliches Leben bei den meisten Bürgern. Und genau diese Seite des gemeinschaftlichen Lebens, die politische und soziale Dimension eines Staates  ist nach Aristoteles zu beachten und die Rahmenbedingungen sind dafür zu gestalten.  Für Aristoteles sind die ethischen Tugenden wie Mut, Menschlichkeit, Wahrhaftigkeit, Freundlichkeit jene Tugenden, die zu einem gelungenen Leben beitragen und Voraussetzung sind. Sie kristallisieren sich auch in den Menschenrechten – (https://www.amnesty.de/alle-30-artikel-der-allgemeinen-erklaerung-der-menschenrechte ). Staatsformen und Wirtschaftssysteme, die diese außer acht lassen, verstoßen gegen die Menschenrechte.

Epikur wird zwar als Philosoph des Glücks bezeichnet, der vor allem der Lust, der Begierde und der Orgien fröne. Das wäre zu kurz gegriffen, wenn auch Epikurs Ansatz in sich eine Verkürzung der Aspekte und Merkmale darstellt, die Platon und Aristoteles zur Gestaltung eines gelungenen Lebens beschrieben. Dennoch scheint es zutreffend, wenn Epikur in seiner Vorstellung eines gelungenen Lebens sich im Wesentlichen auf die Abwesenheit von Unglück – frei von Leiden und sorgen –  beschränkt.

Die vielen Wege nach Rom als Wege zum Glück führen auch über den Philosophen Seneca, einem Römer und Lehrer Neros. Auch bei Seneca stehen Tugenden im Blickfeld der Beschreibung, wie der Mensch ein gelungenes, damit glückliches Leben führen kann. Ein Aspekt ist jener, der sich auch im Begriffsfeld „mit dem Strom schwimmen“ wiederfindet. Glücklich wird nach Seneca der Mensch, der in Übereinstimmung mit dem Zeitgeist sich befindet. Er braucht dazu nur die „passiven Tugenden“: Gleichgültigkeit und Gleichmut als eingeschränkte Gelassenheit. Am besten vermeidet der Mensch Sorgen und Leid, wenn er sich in die Welt einfügt, wie sie sich gerade zeigt und wie sie von anderen, stärkeren, skrupelloseren Mitmenschen geprägt wurde. Die Frage stellt sich aber, ob das Mitschwimmen im Strom des jeweiligen Zeitgeistes bei einem menschenfeindlichen System wie im Nationalsozialismus oder des IS überhaupt ein Glücksgefühl entstehen kann?

(Im Aphorismus  von Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ findet sich Senecas Ansatz wieder.)

Gehörten zu den Ansätzen von Platon und Aristoteles zu einem gelungenem Leben noch die aktive Beteiligung am politischen und gesellschaftlichen Leben, so sind für Epikur und den gegensätzlichen Ansätzen der Stoa und des Stoikers Seneca der Rückzug ins rein Private charakteristisch. Kurz gefasst, sich aus allem raushalten, wird zur Lebensmaxime. (Dass dies nicht gelingen kann, wenn Zeiten und diktatorische Staatsformen wie bei den Nazis die Oberhand gewinnen, kann jeder qua Vernunft nachvollziehen!)

“Da, wo du nicht bist, ist das Glück.” So mögen viele Menschen empfinden und ständig Reisen buchen. Es ist anzunehmen, dass  dies ein Beispiel dafür ist, wie der Mensch auf der ständigen Suche nach dem Glück und der Gier nach Abwechslung einem falschen Begriff von Glück hinter herläuft.

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