Das Böse – real, banal und alltäglich?

Das Böse, ein Begriff moralischer Normen, hat die Menschen seit ihrer Menschwerdung begleitet. Es manifestiert sich in Handlungen, die monströs, maßlos, grenzüberschreitend und existenzgefährdend oder existenzauslöschend sind. Schriftliche Zeugnisse gibt es seit Jahrhunderten darüber. Ob es die Folterungen der Inquisition sind, die Hexenverbrennungen, die Pogrome während der letzten 2000 Jahre oder der Holocaust der Nazis mit ihren KZs und den Bestien wie der Arzt Mengele, über die vielen Beteiligten aus der Armee oder den Mörderbanden der SS bis hin zu den Schreibtischtätern á la Eichmann. In der jüngsten Vergangenheit gehören der Massenmord durch Anders Brevik und die vielen Terroraktionen des IS ebenso dazu. Beispiele finden wir in der Geschichte der Menschheit zuhauf. Sie werden von anderen Menschen oft als wahnsinnige Tat bezeichnet, um eine Erklärung dafür zu haben, was an unmenschlichem geschehen war.

An den genannten Beispielen wird nachvollziehbar, dass, diese Taten als böse zu bezeichnen, berichtigt ist. Wenn von grenzüberschreitend und existenzauslöschend oder von monströs gesprochen wird, dann sind dies Zuordnungen auch in eine moralische Norm, die eine ungefähre Ahnung davon geben, welche unselige Tiefe sie im Bösen haben. Wo aber sind die Orientierungen dafür, wo das Böse anfängt? Sind die Mitarbeiter der Waffenhersteller schon dazu zu zählen? Denn sie werden wissen, dass die Pistolen, Maschinengewehre, Schnellfeuerwaffen, Granaten, Mienen, Mörser, Panzer, Bomben und ferngelenkte Drohnen Menschen töten werden! Sind sie mit ihrer Beteiligung an der Produktion schon als Täter des Bösen einzuordnen? Und betrifft dies auch die Anleger, die ihr Vermögen in diese Firmen durch Aktienkäufe investieren? Und gilt dies auch als Mitarbeiter beim Einkauf der Textilien, die unter unmenschlichen Umständen und ohne Schutz vor Giften in den Herstellerländern von Bangladesch bis China hergestellt werden, ebenso mitverantwortlich für das Sterben der Menschen dort?  Oder sind sie als Lohnempfänger, die ihre Familien damit ernähren, von der Mitverantwortung freigestellt? Sind dann nur die Manager als Entscheider und die Unternehmensführungen der Waffenschmieden, der Textil- und Bekleidungsketten und Pharmabetriebe die Bösen?

Hannah Arndt hat den Begriff von der „Banalität des Bösen“ geprägt, also die Zuordnung jener Taten der Schreibtischtäter wie die des Adolf Eichmann, der nicht spektakulär mit Vergasung, Erschießung und direkter Einwirkung getötet hatte, aber durch seine schriftlichen Befehle und planmäßige Verwaltung die Tötung von Millionen Menschen in Auftrag gab und damit zum Inbegriff des Bösen wurde. Damit werden auch die unternehmerischen und politischen Entscheidungen, die getroffen werden, wissend, dass diese zur Verarmung, zur Existenzvernichtung führen, zur Freiheitseinschränkung etc. als Taten des Bösen  zwar banal und alltäglich, aber ebenso Bestandteil des Bösen.

In allen Menschen, die sich als Mitläufer hinter den vielen möglichen Entschuldigungen verstecken, steckt das Potenzial des Bösen. Der Schritt zur Mittäterschaft ist kürzer als gedacht. In dieser jederzeit möglichen Mittäterschaft zeigt sich die „Banalität des Bösen“ nach Hannah Arndt auch als „das größte Begangene Böse, dass von Menschen wie Händewaschen begangen werden, wenn sie sich weigern, Verantwortung zu übernehmen oder Mitmenschlichkeit zu praktizieren.“ Jeder Verzicht  auf Recht und Unrecht  zu besinnen, ist Teil des Bösen. Wer kein Gewissen hat, wer kein Gedächtnis hat, wer kein Mitgefühl hat, praktiziert das Böse!  Tötung und Mord, sowie seine vielen Vorstufen und Formen und Folgen, sind Ausdruck des Bösen. Unmenschlich sein, dass ist das Böse. Das Nichtböse äußert sich darin, menschlich zu sein. Miteinander in empathischer, mitfühlender Art in Beziehung zu treten. Verantwortung für sich und den Mitmenschen zu haben. Das geschieht durch menschenfreundliche Kommunikation und Beachtung des eigenen wie fremden Tuns.

Philosophen wie Thomas von Aquin haben Ethik in Normen gegossen, um Handlungsgrenzen und Handlungsanleitungen zu geben, damit das Böse nicht den Alltag dominiert. Sein Ansatz war ein Katalog, in dem böses Verhalten benannt wurde, welche vermieden werden sollte. In der christlichen Lehre wurden Zorn, Trägheit, Neid, Hochmut, Geiz, Völlerei und sexuelle Wollust als Todsünden bezeichnet, die es zu vermeiden galt. Heute werden Persönlichkeitsstörungen, affektive Störungen und Suchtkrankheiten als Psychopathologien international in dem ICD –Kategoriensystem klassifiziert. Das Böse wird zur Krankheit.

Die Verantwortung des eigenen Handelns darf aber nicht in Vergessenheit geraten. Und die Verursacher des Bösen dürfen nicht ungestraft bleiben. Das Milgram-Experiment muss als Mahnung für die Eigenverantwortlichkeit im Gedächtnis bleiben. Dann müssten den Brandstiftern á la Höcke und rechte AfDler klare Grenzen aufgezeigt werden.

Wir brauchen kein Heldengedenken. Geht denken, ihr „Helden“.