Adorno – gesellschaftliche Wirksamkeit über seinen 50sten Todestag hinaus

Gestern war der 50. Todestag eines Menschen, der möglicherweise in der heutigen Zeit aus eben jener gefallen wäre – Theodor W. Adorno. Es ist einer der vielen Todestage und damit jenes Erinnungsschreibanlasses für das Genre Feuilleton, einer journalistischen Abteilung, welche ebenfalls aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Theodor W. Adorno hinterließ mit seiner „Minima Moralia“ jedoch ein „Denkmal“, an dem sich zunächst einmal niemand zusammenrotten kann und rechtsradikale, anti-aufklärende Phrasendrescherei auf die dem Hass nahestehenden und verlorenen, aber gewaltbereiten Seelen nach Höcke`scher und Gauland´scher Art niederprasseln lassen kann.

Adornos „Minima Moralia“ umfasst in literarischer Anwandlung ein „geistig-ästhetisches Denkmal“ nach Art des „ Denk mal – wieder selbst”. Eine Aufforderung zu genau jener intellektuellen Leistung, die im Geiste der Aufklärung den Dingen auf den Grund gehen würde, Hass als Selbst- und Fremdzerstörung erkennen würde und Lösungen außerhalb des Drama-Dreiecks suchen würde, um nicht in einem Perpetuum-Mobile gleich im Dreieck zu springen und im Wechsel der Rollen von Täter-Helfer-Opfer gefangen zu bleiben.

Aber nicht nur jene Fehlgeleiten, jene Totengräber und Vollzugstäter, wie sie in jeder antidemokratischen Walze der Gewalt unsägliches Leid verursachen, auch die sich selbst dem Establishment zugehörig fühlenden und in der inneren wie realen Emigration Befindlichen sei die Erkenntnisdichte der „Minima Moralia“ Adornos nahegelegt. Adornos Untertitel verweist auf das gemeinsam Bezeichnete: „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ – einem Leben, das auch heute von den Bedingungen beeinflusst und beschädigt wird, und damit Ursache für die Schere von Arm-Reich ebenso ist, wie für das würdelose, Empathie freie und die Würde der Mitmenschen verletzende Verhalten in Politik, Gesellschaft und Unternehmertum.

Zitat:

„Die traurige Wissenschaft, aus der ich meinem Freunde einiges darbiete, bezieht sich auf einen Bereich, der für undenkliche Zeiten als der eigentliche der Philosophie galt, seit deren Verwandlung in Methode aber der intellektuellen Nichtachtung, der sententiösen Willkür und am Ende der Vergessenheit verfiel: die Lehre vom richtigen Leben.

Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will, muß dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen.“ (Adorno, Minima Moralia, S. 7)

„Wir deuten auf den Übergang der Zivilisation in den Analphabetismus und verlernen es selber, Briefe zu schreiben oder einen Text von Jean Paul zu lesen, wie er zu seiner Zeit muß gelesen worden sein.“

„Keiner glaubt keinem, alle wissen Bescheid. Gelogen wird nur, um dem andern zu verstehen zu geben, daß einem nichts an ihm liegt, daß man seiner nicht bedarf, daß einem gleichgültig ist, was er über einen denkt. Die Lüge, einmal ein liberales Mittel der Kommunikation, ist heute zu einer der Techniken der Unverschämtheit geworden, mit deren Hilfe jeder einzelne die Kälte um sich verbreitet, in deren Schutz er gedeihen kann.“ (Adorno, Minima Moralia, S. 40)

Lesenswert auch was Thea Dorn in einem Interview beim Deutschlandfunk Kultur zur Wirkung und zum Einfluss Adornos für die Gesellschaft beschrieb.

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Ergänzung vom 11.08.2019:

Rede Adornos vom 06. April 1967 in Österreich

Artikel auf Heise-online: Zur Aktualität der Einschätzung des Rechtsradikalismus seitens Adornos und die Vergleichbarkeit mit der heutigen AfD!