Sein oder Haben?

Sein oder Haben?   

Ich will haben, das ist das Motto der Amazon-Saturn-und Alles-Billiger-Schnäppchenjäger und ihrer Gegenparts auf der Anbieterseite. „Black-Friday“ und „Cyber-Monday“ versetzen auf der Nachfrageseite die Mehrheit der Generationen von 14 bis 70 in ein seltsames „Muss-ich-haben“-Fieber.

 Während parallel die Welt wieder mal in Madrid um Klimaziele und ihre Umsetzung ringen, versammelt sich der gesamte „Haben“-Typus um die Töpfe der scheinbar rabattierten Luxus- und Überflussgüter der Anbieter des schönen Scheins und lassen sich materiell und ideell aussaugen.

Wieder einmal wird vom Neoliberalismus der Mythos des Wachstums verkündet und praktiziert. Dabei findet lediglich der Raubzug gegen die Natur und die Ressourcenverschwendung statt, der neue Formen der Verelendung und Ausgrenzung produziert. Fern jeglicher Kenntnis der „Nikomachischen Ethik“ des Aristoteles vertiefen „Black-Friday“ und „Cyber-Monday“ als Gewohnheit den Verlust der Sensibilität für den Angriff auf die Solidarität und die Erweiterung der Empathie-Unfähigkeit. Das neoliberale System ist in jeder Hinsicht perfide, weil es von seinen Opfern – den Schnäppchen-Jägern und Haben-Wollen-Jüngern – verlangt, sie sollen glauben, dass ihr Glück nur in der Beteiligung am Schnäppchen-Erwerb zu finden sei.

Unterdessen wirken die Netzwerke des Faschismus weiter und planen die Angriffe gegen den Rechtsstaat. (*) Sie, die Ausgrenzer und Brandstifter, die Rechtsradikalen und Mitläufer und die Ansammlung der Kleingeistigkeit und des Spießbürgertum im Gewand und unter dem Namen der „Armseligkeit für Deutschland“ starren durch das Wertemonokel ihrer nationalpopulistischen Moral und realisieren im Gleichschritt mit den „Black – und Cyberdays“ und der Anbetung des neoliberalen Habitus eine zivilisatorische und rechtsstaatliche Verarmung. Jegliche Differenzierung und Individualisierung werden dem moralisch-politischen Rigorismus des Faschismus einerseits, und der neoliberalen Wachstumshysterie anderseits geopfert. (* Das Netzwerk der Neuen Rechten) ²) Update vom 05.012.19 zur Thematik “Kein Platz für Antisemtismus und Rassismus”  – Da werden Urteile gefällt, die den Vereinen die Gemeinnützigkeit und damit die Förderung entziehen, die sich deutlich dem Rassismus und  dem Antisemitismus von Rechts entgegenstellen! Welcher Irrsinn! Denn eine bestimmte Definition, was Antisemitismus sei, die wissenschaftliche Mängel enthält, wird instrumentalisiert und zur “Grundrechte-Einschränkung” genutzt! Genau das hat aber die Bedeutung, das “Kind mit Bade” auszuschütten und erweckt den Anschein, dass institutionelle Einrichtungen wie die HRK (HochschulRektorenKonferenz) genau das praktizieren, was undemokratische Kräfte zum Ziel ausgerufen haben: die Kontrolle über die Meinungsfreiheit und die Verbote dieser Grundrechte.

Wenn dann eine Partei wie die SPD wieder mit ihrer neugewählten Vorstandsspitze signalisiert, ein wenig zu ihren sozialen Wurzeln zurück zu kehren, dann schreit die gesamte neoliberale Phalanx Zeter und Mordio und der konservativ-nationalistisch-rechtspopulistische Teil der Gesellschaft bekommt Schnappatmung ob dieser Diversifizierung und Hinwendung zu mehr Differenzierung des Politischen. Da fühlt der Kleinbürger sich bedroht und der Neonazi zum Gewalteinsatz sich wieder berufen. Und wer Parteifreunde hat, braucht keine anderen Feinde mehr. Der innerparteiliche neoliberale Flügel (Seeheimer Kreis um Johannes Kahrs) und die übriggebliebenen Trojaner dieser Provenienz um den ehemaligen Wirtschaftsminister Clement und Weggefährte von Schröder werden nun mit aller verbliebener Macht Gegenwind produzieren. Das Charisma eines Willy Brandt mit seiner Friedenspolitik und seiner demokratischen Toleranz fehlt den Erneuern der SPD gewaltig.

Wofür lohnt es sich zu leben? Ein Weg ist sicherlich, sich der Frage zu nähern: Was ist der Mensch? Der Weg dahin ist nach kantschem Weltbild die Stärkung der Aufklärung und sich fragen: Was kann ich wissen? Was sollt ich tun? Was darf ich hoffen? Schnäppchen beim „Black-Friday“ und „Cyber-Monday“ zu erwerben, sind dabei wohl eher nicht gemeint. Manchmal scheint jedoch der kategorische Imperativ nur noch verballhornt zu existieren:

„Was du nicht willst, dass man dir tut, das tue auch nicht, was willst du denn? (Eins in die Fresse?)“