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Die Hauptstadtpresse schaut auf den Kreis Heinsberg – der Kreis als Blaupause in der Corona-Bewältigung?

Wenn der Berliner Tagespiegel einen überlangen Artikel über Heinsberg und einige Menschen, stellvertretend dafür steht der Landrat Stephan Pusch, veröffentlicht, dann ist besondere Aufmerksamkeit geboten. Neben der Verortung des Tagesspiegel sollte auch sein Interesse an einer Berichterstattung über einen weit entfernt liegenden Kreis hinterfragt werden.  

Im Kern wird auf die bitteren Erfahrungen abgehoben, die der Kreis Heinsberg machen musste. Es gab und gibt seit langem Pandemie-Pläne des BBK (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe), deren Vorschläge zur Bevorratung z.B. wohl nicht die notwendige Aufmerksamkeit erhalten haben. Wie am Beispiel des Erkelenzer Krankenhauses nachvollziehbar wird, ist aus betriebswirtschaftlichen Gründen zwar die normale Verbrauchsgröße (rd. 600/Jahr) an Schutzmasken bevorratet worden, aber keine Reserven für die Situation einer Pandemie. Wie übrigens auch in den meisten Arztpraxen diese Aufgabe vernachlässigt wurde. Am größten sind wohl die Versäumnisse im Bereich der Pflegeressourcen zu verzeichnen.

Eine Lehre müsste nach der Bewältigung der Krise unbedingt gezogen werden: weder die Infrastruktur der Gesundheitsversorgung (Krankenhäuser, Notdienste, Arztversorgung auf dem Land etc.), noch die im Bildungswesen (Kitas, Schulen, Hochschulen) dürfen hinsichtlich der Ressourcen den Kriterien des Wettbewerbs unterworfen werden. Diese neoliberale Sicht aus den Blickwinkeln der Beraterunternehmen von Roland Berger Europe bis McKinsey & Company Europe hat zu einer Gefährdung der Daseinsvorsorge-Pflicht des Staates geführt. In beiden Bereichen haben die Bewertungsmerkmale der Beratungsmodelle nichts verloren. Und deshalb sind auch die Entwicklungen zur Privatisierung in beiden Bereichen zu überdenken und zurückzufahren.

Zurück zum Kreis Heinsberg- was ist das Interessante an diesem Kreis und kann es eine „Blaupause“ sein für die anderen Teile Deutschlands wie im Tagesspiegelartikel gefragt wird? Wenn man diese Frage beantworten will, dann sind zunächst einmal das Spezifische der handelnden Personen und die „Lebensart“ der Menschen aus dieser Region zu bedenken.

Landrat Stephan Pusch ist Jurist und somit zur Abwägung von Argumenten ausgebildet. Er beherrscht und kennt die gesetzlichen Rahmenbedingungen für sein Verwaltungshandeln. Und die Mitarbeiter in seinem Krisenstab scheinen auch kenntnisreiche Qualifikationen zu besitzen. Darüber hinaus scheint Landrat Pusch zu wissen, wie die Bevölkerung tickt. Zudem ist er Familienmensch mit schulpflichtigen Kindern und er entwickelt nicht zuletzt deswegen einen empathischen Blick auf die Gesamtlage über seine Funktion hinaus. Was hat er gemacht, so dass ihm zurzeit Respekt von allen Seiten entgegen gebracht wird?

Er hat sofort und angemessen gehandelt (Landesregierung und entsprechende Ministerien einbezogen). Die Bevölkerung mitgenommen und das Handeln des Krisenstabes täglich in Videobeiträgen erläutert. Er spricht in einfachen Worten und auf der Gefühlswellenlänge der Bevölkerung. Er sorgt für Transparenz, bleibt dabei wahrhaftig, was die Zahlen betrifft und scheut sich nicht, Kritik an zögerlichem Verhalten übergeordneter Stellen zu äußern. Er nutzt die Medien, um notwendigen Druck auf Entscheidungsträger im Land und Bund aufzubauen. Man nimmt ihm ab, sich für die Menschen in seinem Kreis einzusetzen. Auch weitreichende Entscheidungen zu treffen, wie Schulschließungen sofort vom ersten Tag an, als der erste Corona-Patient feststand, werden nicht auf die lange Bank geschoben. Hier steht ein Mensch in der Verantwortung, der einen guten und sachorientierten Job macht. Das mag an anderen Stellen und Orten anders gelagert sein.

Was den Kreis auch ausmacht, ist die hohe Vereinszugehörigkeit der Menschen. Es ist eine Lebensform, die diese ländliche Region kennzeichnet. Das ist im urbanen Lebensumfeld völlig anders. Diese Vernetzung der Menschen in den Vereinen hat eine reale Dimension. Sie findet nicht nur im Internet statt oder auf der Ebene von Foren und der sozialen Medien. Die Vereinsverbundenheit hat zwar auch dazu geführt, dass anfänglich durch das gemeinsame Feiern und durch die Teilnahme des ersten, damals schon Infizierten, die Erkrankungswelle begann, auch weil ein weitverbreitetes Verhalten vorlag, im Krankheitsfall noch arbeiten und mitmachen zu wollen, weil man sich ja nicht durch ein wenig Fieber als „Schmarotzer und Verräter an der Sache“ outen und abhalten lassen will. Das jedoch muss zukünftig unbedingt überdacht werden. Dass dieses Verhalten auch bei der jährlichen grippalen Saison vielleicht unvernünftig und betriebswirtschaftlich größeren Schaden anrichtet, wird gerne ignoriert. Andererseits ist gerade diese reale Vernetzung in den Vereinen auch die Grundlage für die notwendige Solidarität in Krisenzeiten. Hilfsbereitschaft, Beistand und ehrenamtliches Engagement sind höchst ausgeprägt in dieser Region. Ob dies als „Blaupause“ für städtisches Leben und Handeln in Pandemiezeiten gelten kann, müssen die Menschen in den Städten und Ballungsräumen beantworten. Eine handelnde Person, wie Landrat Pusch, der Veranwortungsethik statt Gesinnungsethik praktiziert, ist für eine Region ein Glücksfall. Das allerdings kann in der Tat als Blaupause gelten.

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