Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Von Melancholie und der Frage – Was bleibt von uns?

Lebensjahre und Ereignisse, vor allem aber gefühlsbetonte Erlebnisse, fliegen dem Melancholiker in schneller Reihenfolge vor dem geistigen Auge vorbei – die aus dem nachlassenden Gedächtnis hervorgerufen und entweder zur Erinnerung genossen respektive aus aktuellem Anlass zum inneren Diskurs bereitgestellt wurden.

Melancholie als Ausdruck einer sanften Trauer über den Gang der Zeit, nicht selten als Grundstimmung eines hinterfragenden Bedauerns über Entwicklungen von Beziehungen zum Beispiel zu den eigenen Kindern, die Teile ihrer Eltern kränken, weil sie den elterlichen Wertekanon ablehnen und in ihren grenzüberschreitenden Vorhaltungen die eigene Sicht auf die Welt verteidigen. Eine Melancholie, die auch deshalb sich einstellt, weil der entgegengebrachten Respektlosigkeit seitens der Eltern nur mit Schweigen und Rücksichtnahme begegnet wird, um den Druck auf die geliebten Nachkommen nicht noch zu verstärken. Melancholie, nie jedoch Selbstmitleid, entstanden daraus, weil die Erkenntnis vorhanden ist, dass die geliebten Kinder den Belastungen des beruflichen Alltags ausgeliefert sind und die Zeit für das Gemeinsame nicht mehr vorhanden ist. Die Wiederholung dessen, was eine Generation zuvor ebenso verlief und die verlorene Zeit nicht mehr nachgeholt werden konnte, weil der Tod keine Gelegenheit mehr verschaffte.

Am 31.05.2020 verstarb Christo, bekannt durch seine spektakulären Verhüllungsaktionen [(Berlin- Reichstagsgebäude (1995), Paris – Pont Neuf (1985); aber auch in dem Eifel-Städtchen Monschau – mon Schau (1971) oder durch die Umbrella-Installationen zeitgleich in USA/Japan – (1991)]. Das Spektakuläre dieser Aktionen bleibt in Erinnerung, so wie jeder Gigantismus und dennoch anders als der der Architektur in Hitlers 3. Reich.  Christos gigantische Aktionen waren im Vergleich dennoch und immer von der Leichtigkeit der Ästhetik getragen. Auch in Form der monolithischen Beispiele wie beim verhüllten Reichstag, erst recht aber bei den farbenfrohen Schirminstallationen mit ihren diskursiven Anreizen  bei der Gestaltung Natur bezogener Räume.

Eine Melancholie entsteht über den Verlust der Schaffenskraft Christos und das Ende dieser Aktionen mit hohem Potenzial zur fruchtbaren Auseinandersetzung mit dem hintergründigen Sinn seiner temporären Objekte. Eine Traurigkeit entsteht über das Ende der Betrachtungsmöglichkeiten, die Christo über Jahrzehnte verschaffte. Eine Form der kulturkritischen Symbole, die so nicht mehr entstehen werden.

Was bleibt angesichts dieser Erkenntnisse, das ist die Frage nach dem: „Was bleibt von uns?“ – vor allem in Zeiten der Reizüberflutung, des Credos des ewigen Wachstums, des Ausgeliefertseins durch manipulierte Meinungen und kontrollierende Überwachung. Wo sind noch Erinnerungsorte und in welcher Form möglich, in denen das, was die moralisch-ethischen Leistung des dann Verstorbenen ausmachte, noch wirksam werden kann? Das ist dann wichtig, wenn schon nicht das „ewige Leben nach dem Tod ein Versprechen und Trost“ sein wird, um nicht völlig das eigene Leben als sinnlos zu empfinden. Mag sein, dass Walter Benjamins Imagination ein tröstlicher Ersatz und zugleich ein Vermächtnis darstellen:

Zitat:

Alle diese Produkte sind im Begriff, sich als Ware auf den Markt zu begeben. Aber sie zögern noch auf der Schwelle. Dieser Epoche entstammen die Passagen und Interieurs, die Ausstellungshallen und Panoramen. Sie sind Rückstände einer Traumwelt. Die Verwertung der Traumelemente beim Erwachen ist der Schulfall des dialektischen Denkens. Daher ist das dialektische Denken das Organ des geschichtlichen Aufwachens. Jede Epoche träumt ja nicht nur die nächste sondern träumend drängt sie auf das Erwachen hin. Sie trägt ihr Ende in sich und entfaltet es – wie schon Hegel erkannt hat – mit List. Mit der Erschütterung der Warenwirtschaft beginnen wir, die Monumente der Bourgeoisie als Ruinen zu erkennen noch ehe sie zerfallen sind.“  (Walter Benjamin)

Zitatende

Ein heiterer Ausblick mag darin begründet sein,  dass Hilfsbereitschaft, Empathie, Menschenfreundlichkeit, Toleranz und Zusammenhalt im familiären Umfeld praktiziert und vorgelebt werden und somit am Ende eines Lebens ein Loslassen erleichtern.

Die Gestaltung einer besseren Welt mit moralisch-ethisch funktionierenden Regeln ist ein nie endendes Projekt der Menschheit, wenn auch immer wieder Figuren wie Stalin, Hitler, Trump, Bolsonaro, Erdogan und viele weiteren Negativbeispiele diesem Projekt Rückschläge verursachen. Und für diese Figuren bleibt seit jeher die Frage offen: “Wie werden wir diese Figuren rechtzeitig wieder los?” 

image_pdf(c) JvHSimage_print(c) JvHS

Kommentare sind geschlossen.