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Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Der “gesunde Menschenverstand” und Strukturen der Despotie

Der sogenannte „gesunde Menschenverstand“ – den es in seiner gerne so gebrauchten Form nicht gibt – wird von Menschen als Beleg aufgeführt und eingebracht, die zu den gegensätzlichsten sozialen Gruppen mit ihren unterschiedlichsten Sozialisationen gehören. Schon alleine daran kann nachvollzogen werden, dass nicht nur die Halbwertzeit des so vorgebrachten Arguments kürzer als eine Nanosekunde sein muss, auch die Nutzbarkeit des „gesunden Menschenverstandes“ ist damit von geringer Qualität.

Auf den sogenannten „gesunde Menschenverstand“ wird sich berufen und als Einleitung zur Gegenargumentation eingebracht, wenn eine Argumentationskette im Diskurs nicht verstanden wird oder sie voller Widersprüchlichkeiten steckt, jedoch die sprachlichen und sachlichen Fertigkeiten fehlen, sie zu widerlegen. Wenn eine Argumentation vor Ideologie nur so strotzt, diese aber salonfähige geworden ist, auch wenn der Hinweis darauf als Mittel zum Zweck der Diskriminierung des Gegenübers benutzt wird, lässt sich der Verweis auf den „gesunden Menschenverstand“ prima nutzen.

Nicht selten ist damit aber verbunden, dass eine populäre Meinung, die mit Macht durch die Medien verteilt wurde oder in Form der Identifikation des Vorbringenden mit einer politischen oder ideologischen Gesinnung verknüpft wird, dieser dann eine größere Legitimation zugeordnet wird, weil die Masse oder die Mehrheit der Gesellschaft diese Meinung, obwohl unhinterfragt übernommen, Recht haben muss. So entsteht auch die Konnotation des Positiven, da unterstellt wird, dass der „gesunde Menschenverstand“ gegenüber dem „kranken, vergifteten Menschenverstand“ die klügere und zutreffende Argumentation produziere.

Eine Steigerung erfährt der Begriff des „gesunden Menschenverstandes“ dann, wenn Figuren wie Trump sich und ihr Verhalten als Inbegriff des „gesunden Menschenverstandes“ etablieren.

Wenn mit diesem Begriff argumentiert wird, dann sollten beim Gegenüber alle Warnlampen aufleuchten! Denn meistens sind die mit dem „gesunden Menschenverstand“ verbreiteten Inhalte verlogen und unwahr, nicht selten menschenfeindlich und fundamentalistisch mit den bekannten Folgen der Bedrohung und Benachteiligung für Menschen. Nicht zuletzt beinhaltet das Handeln nach den Argumenten “des gesunden Menschenverstandes” der Einstieg in eine zerstörende Gewaltbereitschaft. 

Dabei  ist der „gesunde Menschenverstand“ nur zu oft das Ergebnis manipulativer Einflussnahme zur Umsetzung ideologischer und politischer Ziele. Exemplarisch zeigt sich dies darin, dass der eigenen Überwachung durch staatliche Stellen nichts entgegengesetzt wird. Grund dafür ist nicht selten das Argument „Ich habe nichts zu verbergen“, welches aber nicht zu Ende gedacht wurde, weil das Private als Schutzraum nicht mehr gewahrt bleibt. Politik wünscht sich den Bürger und Wähler völlig transparent, sich selbst jedoch nicht. Der Staat und seine Repräsentanten schützen den Bürger erst dann, wenn Regierung und Abgeordnete für die Bürger völlig transparent sind in ihren Aktivitäten, zu welchen Netzwerken sie gehören, wie sie abstimmen und wie staatliche Institutionen wie die Geheimdienste, die Polizei und das Militär durch sie kontrolliert werden.  Transparent müssen auch die Einflussnahmen der Lobbyisten dargestellt werden. Erst wenn der Bürger seine Politiker und Eliten überwacht, ist Transparenz gerecht.

Erhellend zur Wirkung des “gesunden Menschenverstandes” sind Dokumentationen wie der Beitrag des ZDF “Fahrenheit 11/9 von Michael Moore”.  Hier zu sehen, wie Despotie sich entwickeln kann!

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