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Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Wenn die Glosse in der Gosse verkommt

“Der Weg ins Unbewußte der Patienten  wird gebahnt, indem man ihnen die Verantwortung der Reflexion ausredet.” Adorno, Minima Moralia 

Die Glosse ist ein „kurzer und pointierter, oft satirischer oder polemischer journalistischer Meinungstext“, wie Wikipedia dieses Format beschreibt. Diese Textart zu nutzen, sei eine intellektuelle Leistung, wird in den Bildungskreisen kolportiert. Eine intellektuelle Leistung bestehe ja gerade darin, dass über das Spezialwissen hinaus eine Sicht auf die Vorgänge in der Welt auch  philosophisch und politisch universell erfolgt. Meint also, über eine Fachkompetenz hinaus sich verständlich zu machen. Bedeutungshinterfragend und erkenntnisgewinnend kann das Ziel einer Glosse.

Wer jedoch diese Textform nutzt, um die „Reichsbürger-Anhänger“ zu erreichen und ihnen den Spiegel ihrer „Deppen-Argumentation“ vorzuhalten, lässt das Potential der Glosse in der Gosse verkommen. Wer darüber hinaus die „Reichsbürger-Verwirrten“ nur vorschiebt, um die Entlarvung und Gesinnung der politischen und wissenschaftlichen Korruption zu treffen, gräbt sich selber eine Grube, in die er hineintappt mit der „Deppen-Dialektik“, die er den Versagern in politischer und gesellschaftlicher Verantwortung vorwirft.

Zudem wird es zum Vabanquespiel, wenn das in der glossierten Form dargestellte Gedankenexperiment, ein Gegengewicht zur Expertenkultur und deren eigene Versagen zu fordern – wie sie sich oft genug belegen lassen, wer exemplarisch die Beratungsunternehmen und ihre Fehlgutachten anschaut (Ernst & Young = Wirecard-Skandal) –   und sich dabei der „Reichsbürger-Verwirrten“ und ihrer „Gesinnungsdurchleuchtung“ zu bedienen.

Mit der Methode, durch die Glosse mehr Wahrheit zu erreichen, die zudem auch noch dialektisch verbrämt daherkommt, das ist ein zweischneidiges Schwert, auch weil nicht jeder Journalist ein Sokrates ist, der die zu “Bekehrenden” zu leiten versteht. Und wie Nietzsche formulierte, dass “Wahrheit eine Illusion” sei und somit die Schlussfolgerung nahelegt, auch  ein Lügner wie Trump nur jemand sei, der sich nicht an Konventionen halte, könnte gerade dieses negative Vorbild auch bei den „Reichsbürger-Verwirrten“ das Selbstbildnis stärken, dass sie sich lediglich nicht an von ihnen nicht akzeptierten Konventionen halten würden. Die Rolle des Narren, als einziger, der ungestraft die Wahrheit – sprich die Entlarvung von dogmatischem oder esoterischem Blabla oder machtgeleiteten Unwahrheiten –  sagen darf, bedarf in seiner Konsequenz der Qualität und des Mutes eines Sokrates. Die wenigsten Menschen sind dazu bereit. Dagegen finden wir – auch bei der Aufarbeitung der Corona-Thematik – zu viele geistlose Narren in den sozialen Medien, die sich als Klima-Leugner, als Corona-Leugner und faktenbefreite  Verschwörungsschreihälse hervortun.

Statt der Glosse scheint der Weg sinnvoller zu sein, Gauner als Gauner, Lügner als Lügner, Vergewaltiger als Vergewaltiger, Nazis als Nazis und Korrupte als Korrupte zu bezeichnen und durch Fakten zu entlarven. 

Noch sinnvoller jedoch als diese normative und simplifizierende Bewertung ist jedoch das Denken Adornos, wie er es in der negativen Dialektik beschrieben hat und mit der er die wahre Bedeutung gesellschaftlicher Kategorien hinterfragt. Mit seinem Werk “Minima Moralia”, in der er die Bedingungen des Menschseins  unter kapitalistischen und faschistischen Verhältnissen beschreibt, verfügt auch der heutige Mensch über ein Werkzeug, die Beeinflussungsgrößen für die Verhinderung eines lebenswerten Lebens erkennen und beschreiben zu können. Denn im Untertitel lautet Adornos Erweiterung: “Reflexionen aus dem beschädigten Leben”. Und wessen Leben scheint in der heutigen Zeit nicht beschädigt zu sein? Daraus jedoch einen Weg heraus zu finden, ist die heutige gemeinsame Aufgabe der Menschen. Die kann nicht darin liegen, seinen Egoismus unter allen Umständen auszuleben, sondern die Aufgabe zu bewältigen, die “global geschaffene Unmündigkeit” der Menschen zu beseitigen. Gemeinsam mit Horkheimer entwickelte Adorno in dem Werk “Dialektik der Aufklärung” ein Werkzeug, dessen Anwendung auch heute noch bei den aktuellen Problemen helfen kann, diese zu lösen. 

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