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Papst Franziskus Sozialenzyklika “FRATELLI TUTTI” – eine Kritik des neoliberalen Weltbilds und Wirtschaftssystems

Papst Franziskus hat seine neueste Sozialenzyklika “Fratelli Tutti” veröffentlicht, in der er sich auf Franz von Assisi und dessen „Schwester- und Brüderlichkeit-Appell“ im Sinne der Menschenrechte und von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bezieht. Sie ist eine aktuelle Kritik am neoliberalen Wirtschaftssystem und an den Absichten der großen Konzerne, mithilfe von politischen und gesellschaftlichen Beeinflussungen (Lobbyismus/Seilschaften) bis in die Gesetzgebung hinein, ihre Macht zu Lasten der Weltbevölkerung auszudehnen. (Amartya Sens Idee der Gerechtigkeit sowie die globale Entwicklung auf der Grundlage des Capability Approachs sind ergänzende Modelle zur Sozialenzyklika durch eine politische Philosophie, die einen menschenfreundlicheren Lebensentwurf gestalten hilft, als das Weltbild des Neoliberalismus es überhaupt zulassen würde!)

“Vergiss die Armen nicht!”

Enzykliken sind Rundschreiben des Papstes an die Einrichtungen der katholischen Kirche, in der die Lehre der katholischen Kirche und ihr aktueller Stand der Sichtweise der Gesellschaft und ihre Analyse als zu berücksichtigendes Weltverständnis sowie theologische Vorgabe verkündet werden. Weil eine Enzyklika nicht nur an die katholischen Gläubigen gerichtet ist, sondern an alle Menschen, die „guten Willens sind“, ihr Verständnis von der Welt und die Gestaltung der Welt auf der Grundlage der Enzyklika handelnd zu beeinflussen, sind gerade die großen Beeinflussenden der wirtschaftlichen und politischen Machtinhaber angesprochen, ihr Handeln im Sinne der Enzyklika zu ändern.

Dass dies den Profiteuren und den Mächtigen der neoliberalen Weltsicht nicht in den Kram passt, ist nachvollziehbar. Denn Figuren wie Larry Fink (Blackrock CEO)  und der ehemalige Blackrock-Deutschland-Vertreter und aktuelle Kandidat für den CDU-Vorsitz und damit möglicher Kanzlerkandidat, Friedrich Merz, wird diese Enzyklika schwer auf dem Magen liegen, wenn der Einfluss der Katholischen Kirche mit einer solchen Ausrichtung ihrer Theologie sich gegen das Finanzgebaren á la Blackrock richtet. Dass die CDU/CSU insgesamt sich auch betroffen fühlen muss, weil sie als Vertreter und Verfechter  des Neoliberalismus bei diesem zu verorten ist, muss jedem Wähler dieser Parteien schwer auf die Füße fallen und sie sich direkt von der Enzyklika kritisiert fühlen. Jedoch ist nicht nur die Union gefordert, die Enzyklika zu berücksichtigen und sich des Bestandteils ihrer Parteinamen (Christlich) wieder zu besinnen, auch die anderen Parteien in Deutschland – von der FDP als neoliberale Wirtschaftspartei bis hin zur SPD und ihren neoliberalen Gruppierungen – sind angesprochen!

Es ist nicht verwunderlich, dass die Kräfte, die vom Neoliberalismus profitieren, ihre Kritik direkt und indirekt mit den Mitteln der Diskriminierung und der Zersetzung – auch der Person des Papstes – in die mediale Welt blasen. Einer von ihnen ist der Präsident des Ifo- Institut für Wirtschaftsordnung, Clemens Fuest, ein Neoliberalist wie er im Buche steht. Er scheut sich nicht, den Papst zu diskreditieren und ihm perfide Vorurteile und Unwahrheiten vorzuwerfen! Dass diese Meinungsäußerung als Kritik bezeichnet wird, ist bedeutungsfälschend par excellence und gleichzeitig Indiz für die Befürchtung, dass die Enzyklika das neoliberale Wirtschaftssystem entlarvt und in die Ecke stellt, in die es gehört – als ein System der Ausbeutung und Unterdrückung der Menschen zum Vorteil weniger Profiteure! Da werden denn auch die innerkirchlichen Gegner des Papstes aktiv und blasen ins gleiche Horn.

So mögen die Auszüge aus der Enzyklika für sich und für Papst Franziskus sprechen:

 Zitat: „Ich habe den großen Wunsch, dass wir in dieser Zeit, die uns zum Leben gegeben ist, die Würde jedes Menschen anerkennen und bei allen ein weltweites Streben nach Geschwisterlichkeit zum Leben erwecken. Bei allen: »Dies ist ein schönes Geheimnis, das es ermöglicht, zu träumen und das Leben zu einem schönen Abenteuer zu machen. Niemand kann auf sich allein gestellt das Leben meistern […]. Es braucht eine Gemeinschaft, die uns unterstützt, die uns hilft und in der wir uns gegenseitig helfen, nach vorne zu schauen. Wie wichtig ist es, gemeinsam zu träumen! […]

Als ich dieses Schreiben verfasste, brach unerwartet die Covid-19-Pandemie aus, die unsere falschen Sicherheiten offenlegte. Über die unterschiedlichen Antworten hinaus, die die verschiedenen Länder gegeben haben, kam klar die Unfähigkeit hinsichtlich eines gemeinsamen Handelns zum Vorschein. Trotz aller Vernetzung ist eine Zersplitterung eingetreten, die es erheblich erschwert hat, die Probleme, die alle betreffen, zu lösen. Wenn einer meint, dass es nur um ein besseres Funktionieren dessen geht, was wir schon gemacht haben, oder dass die einzige Botschaft darin besteht, die bereits vorhandenen Systeme und Regeln zu verbessern, dann ist er auf dem Holzweg.“ Zitatende

Quelle: Enzyklika Fratelli Tutti! 

Ergänzung:

Wenn einer meint, dass es nur um ein besseres Funktionieren dessen geht, was wir schon gemacht haben, oder dass die einzige Botschaft darin besteht, die bereits vorhandenen Systeme und Regeln zu verbessern, dann ist er auf dem Holzweg.”, heißt es in dem obigen Zitat. Und wer glaubt, die Entscheider an den staatlichen Schaltstellen geht es um die Verbesserung von Demokratie und gelingende Lebenswege für alle, der irrt sich gewaltig. 

Es geht den Entscheidern darum, Transparenz und damit Haftbarkeit und Aufklärung über Entscheidungen und Fehlentscheidungen zu vermeiden, damit die Kontrolle über das Tun der Exekutive und Legislative nicht möglich ist. 

Woran diese Einschätzung festgemacht werden kann? Daran! 

Und die Schädigung des Staates durch die Entscheider in den Ministerien geht ungestraft weiter – auch durch ein wucherndes Beratersystem, das sowohl Wissen auf Kosten der Bürger absaugt und zum Geschäftsgegenstand macht, mit dem sie das sich angeeignete Wissen des Staates auch noch diesem Staat extra in Rechnung stellt. Ein Cum-Ex-Skandal der besonderen Art, initiiert und abgesichert durch Minister und Politik und zu Lasten der steuerzahlenden Bevölkerung.

Es ist das Gegenteil von dem, was Papst Franziskus in seiner Enzyklika formuliert:

Zitat:

Ich lege diese Sozialenzyklika als demütigen Beitrag zum Nachdenken vor. Angesichts gewisser gegenwärtiger Praktiken, andere zu beseitigen oder zu übergehen, sind wir in der Lage, darauf mit einem neuen Traum der Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft zu antworten, der sich nicht auf Worte beschränkt.

Jahrzehntelang schien es, dass die Welt aus so vielen Kriegen und Katastrophen gelernt hätte und sich langsam auf verschiedene Formen der Integration hinbewegen würde. So ist zum Beispiel der Traum eines geeinten Europas vorangeschritten, der fähig war, die gemeinsamen Wurzeln anzuerkennen und sich zugleich über die in ihm wohnende Verschiedenheit zu freuen. 
Erinnern wir uns an »die feste Überzeugung der Gründungsväter der europäischen Union […], die sich eine Zukunft wünschten, die auf der Fähigkeit basiert, gemeinsam zu arbeiten, um die Teilungen zu überwinden und den Frieden und die Gemeinschaft unter allen Völkern des Kontinentes zu fördern«

Doch die Geschichte liefert Indizien für einen Rückschritt. Unzeitgemäße Konflikte brechen aus, die man überwunden glaubte. Verbohrte, übertriebene, wütende und aggressive Nationalismen leben wieder auf. In verschiedenen Ländern geht eine von gewissen Ideologien durchdrungene Idee des Volkes und der Nation mit neuen Formen des Egoismus und des Verlusts des Sozialempfindens einher, die hinter einer vermeintlichen Verteidigung der nationalen Interessen versteckt werden.

„Offen sein zur Welt“ ist ein Ausdruck, den sich die Wirtschaft und die Finanzwelt zu eigen gemacht haben. Er bezieht sich ausschließlich auf die Öffnung gegenüber den ausländischen Interessen oder auf die Freiheit der Wirtschaftsmächte, ohne Hindernisse und Schwierigkeiten in allen Ländern zu investieren. Die örtlichen Konflikte und das Desinteresse für das Allgemeinwohl werden von der globalen Wirtschaft instrumentalisiert, um ein einziges kulturelles Modell durchzusetzen. Eine solche Kultur eint die Welt, trennt aber die Menschen und die Nationen, denn »die zunehmend globalisierte Gesellschaft macht uns zu Nachbarn, aber nicht zu Geschwistern«.[9] Wir sind einsamer denn je in dieser durch Vermassung gekennzeichneten Welt, welche die Einzelinteressen bevorzugt und die gemeinschaftliche Dimension der Existenz schwächt.

Aus dem gleichen Grund wird ein Verlust des Geschichtsbewusstseins gefördert, das eine weitere Auflösung hervorruft. Man nimmt das Vordringen einer Art von „Dekonstruktivismus“ in der Kultur wahr, bei dem die menschliche Freiheit vorgibt, alles von Neuem aufzubauen. Aufrecht bleibt nur das Bedürfnis, grenzenlos zu konsumieren, und das Hervorkehren vieler Formen eines inhaltslosen Individualismus. ” 

Zitatende 

Quelle: Enzyklika Fratelli Tutti! 
 

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