Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Zukunftsreden – vorwärts denken und rückwärts urteilend bedenken! An der Gesellschaft mitbauen!

Wo ist die Weisheit, die wir im Wissen verloren haben? Wo ist das Wissen, das wir an Information verloren haben?

(Original: »Where is the wisdom we lost in knowledge?  Where is the knowledge we lost in information?« )
T.S. Eliot 

„Sie lebten asynchron: In einer Zeit dachten, in einer anderen empfanden, in einer dritten handelten sie“ – schrieb Roger Willemsen in seinem nie vollendeten letzten Werk „Wer wir waren“.

Wer, wie und was waren und sind wir in der Coronazeit? Welches Leben ist zu beobachten?

Asynchron leben, das ist nicht nur in Corona-Zeiten  die Beschreibung menschliches Verhalten. Nicht mehr eins-sein mit sich selber, mit der Natur und mit den Mitmenschen. Und oft genug geschieht in diesen wie in jenen Zeiten, dass nicht einmal mehr gedacht wird, das Empfinden für sich wie für die anderen Wesen unterdrückt und abgestorben ist und das Handeln robotergleich vollzogen wird. Entweder entbehrend jeglicher Vernunft oder im Rausch des „Scheiß-Egal-Seins!“  und reduziert auf eine hormongesteuerte biologische Masse namens homo sapiens.

Und so finden sich die weiteren Sätze Willemsen in seinen Aufzeichnungen, als beschriebe er das Jahr 2020:

„Ja, wir wussten viel und fühlten wenig. Wir durften es nicht fühlen und hörten doch T.S. Eliot fragen: »Where is the wisdom we lost in knowledge? Where is the knowledge we lost in information?«

Hörten es und häuften noch mehr Informationen auf. Als brauchten wir zum Handeln einen neuen Klimabericht, einen neuen Schadensbericht über die Weltmeere, den Regenwald, die grassierende Armut. Aber aus all den Fakten ist keine Praxis entsprungen, die auf der Höhe der drohenden Zukunft wäre.“

Und nun nehmen wir es hin, dass die Kaste der Politiker ihre Dekrete verkünden, Verordnungen verteilen und das Leben der ihnen anvertrauten Menschen reglementieren, einschränken und begrenzen, weil Regierungsmitglieder und Richtlinienkompetenz-Inhaber meinen, dies tun zu können, da die ihnen von den Bürgern temporär verliehene Macht sie dazu ermächtige. Verfassungen und Grundgesetze werden dabei ignoriert.

Politik und Staat, sprich: die Menschen, die Funktionen – die in einem System (nennen wir es Demokratie) eingerichtet wurden zur Verwaltung, Steuerung und Ordnung des Zusammenlebens  –  übernommen  haben, handeln sowohl ideologisch wie auch normativ vor allem in Corona-Zeiten, weil die Bürger ihrer Verantwortung für die Freiheit nicht nachgekommen sind. Sie ist ihnen längst genommen worden in vielen Staaten weltweit, weil sie zugelassen haben, dass autokratische Figuren ihre Macht autoritär verteidigen.  

Zukunftsgestaltung haben sie Google mit seinen Datenbanken überlassen, ebenso wie sie jegliches Denken den Populisten überlassen haben. Nun, da die persönlichen Gewohnheiten von den Sachzwängen der Pandemie geändert werden, der Ablauf des Lebens nicht mehr von Konsum, materieller Freizeitgestaltung und permanenten Feiern geprägt ist, weil ein Virus die Menschen auf sich selber zurückwirft, da wird klar, wir sind nicht frei für den gewohnten Egoismus. Wir sind in dieser neoliberalen Welt umgeben von menschenfeindlichen  und freiheitsbeschränkenden Strukturen.  

Es ist wieder eine Zeit des Wandels gekommen! Dabei darf nicht rückwärts gedacht werden, um das Rückständige, das Nationale, das Kriegstreiben und den Hass als Normalität installieren zu wollen. Zum Vorwärtsdenken gehört beim menschenförderlichen Wandel, dass Konzepte und Ideen wie sie in der Sozialenzyklika „Fratelli Tutti“ des Papst Franziskus benannt sind, in den Mittelpunkt der notwendigen Veränderung gestellt werden müssen. Oder ergänzend wie im Ansatz von Amartya Sen/Martha Nussbaum “Capability Approach”-Modell eine Umsetzung erfolgt unter dem Verständnis, dass gesellschaftlicher Wohlstand nicht alleine am Wirtschaftswachstum zu messen ist, wie der gierige finanz- und vermögensorientierte Neoliberalismus dies verkündet. Amartya Sen betont mit seinem Modell, die Entwicklungsmöglichkeiten der Armen und Schwächsten einzubeziehen. Solidarität und Verhandlungsbereitschaft als essentielle Tugenden zur Erhaltung der Demokratie sind zu stärken.  Zur Zielerreichung der globalen Gerechtigkeit sind nach seinem Verständnis der Abbau der sozialen Ungleichheit vor allem in Bezug auf Bildung und Gesundheit vorrangig in den Fokus zu nehmen und die Ressourcen dafür bereitzustellen. Dem Mythos der zu verteidigenden Kulturen (westliche Wertegemeinschaft/ abzugrenzende und auszugrenzende Ethnien) durch Kriege setzt er entgegen, dass es keinen Krieg der Kulturen geben kann, weil die einzige Identität heißen kann, wir sind weltweit alle gleichberechtigte Menschen!  

Die Baustellen-Inhalte lauten: Freiheit vorleben, Einschränkungen der Grundrechte zurücknehmen, Klimawandel berücksichtigen und Energiewende realisieren, Frieden sichern – Kriege beenden, Steueroasen austrocknen, Gewinne sozialisieren und zur Kostendeckung der Pandemie einsetzen, Armut beseitigen, Algorithmen der Künstlichen Intelligenz der menschenrechtlichen Ethik unterwerfen. Wir wollen überleben mit dem Ziel, unsere Lebensentwürfe so zu gestalten, dass ein lebenswertes Leben ermöglicht wird!

Das vorläufige Ende dieses Beitrages mag wiederum mit Zitaten von Roger Willemsen beschrieben werden, wenn die Aufgaben von allen Menschen angepackt werden, um unsere Baustellen des sozialen Lebens bewusst und selbstverantwortlich zu bewältigen unter Einbezug der nachstehenden Erkenntnisse und der dort beschriebenen Verwerfungen:

„Von den bewusstseinsbildenden Prozessen der Kultur kann nicht gesprochen werden, ohne zu fragen, unter welchen Bedingungen Bewusstsein heute überhaupt zustande kommt“.

Und weiter:

„Der Anspruch an die Disziplin auf allen Feldern bringt Querulanten, Hysteriker, Choleriker, Amokläufer hervor, der Anspruch an die Leistungsfähigkeit (im neoliberalen System) Versager, Ausgebrannte, Depressive, Menschen, die am Projekt der Selbstwerdung scheitern und sich zwischen den öffentlichen Parametern verlorengehen mit dem Refrain:
Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr.“

Sowie:

„Die Souveränität ging von den Staaten auf Finanzsysteme und Konzerne über. Autonomie wurde in immer kleinere Zonen zurückgedrängt, radikal verstanden: undenkbar.
Zugleich aber blies sich das Individuum auf in nie dagewesener, nie möglich erschienener Datenfülle aus dem Einzelleben, das bald ein einziges großes, gleichgeordnetes Massenleben war, das sich in Massenchoreographien durch die Städte  wälzte. Und während sich all dies vollzog, wurde das eigene Ich erreicht von einer Müdigkeit, einem Welken, einem Überdruss an sich selbst, dem es die letzten Selfies ohnmächtig hinterherwarf.“

Und so muss die Arbeit an den Baustellen lauten, dass wir gerade jenes nicht wollen, was Willemsen gegen Ende seines Textes schrieb:

„Wir agierten auf der Schwelle – von der Macht des Einzelmenschen zur Macht der Verhältnisse. Von der Macht der Verhältnisse in die Entmündigung durch Dinge, denen wir Namen gaben wie »System«, »Ordnung«, »Marktsituation«, »Wettbewerbsfähigkeit«. Ihnen zu genügen, nannten wir »Realismus« oder »politische Vernunft«. Auf unserem Überleben bestanden wir nicht.“

 

image_pdf(c) JvHSimage_print(c) JvHS

Kommentare sind geschlossen.