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Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Blindwütigkeit als Folge des drohenden Machtverlustes – das Ringen um den Erhalt der Demokratie in den USA

Alexis de Tocqueville (1805-1859), französischer Schriftsteller, Politiker und Jurist beschreibt den Zustand der US-Demokratie während seiner Reise durch das US-Amerika der Jahre 1831/32. Nur einige Jahrzehnte nach der Unabhängigkeitserklärung am 04.07.1776 und nur wenige Jahrzehnte vor dem amerikanischen Bürgerkrieg. 

Was macht sein Werk „Über die Demokratie in Amerika“, das 1835 erstmalig und 1840 vollständig erschien, für die heutige Beurteilung der Vorgänge rund um die letzten 5 Jahre und den beiden Wahlkämpfen von Donald Trump interessant? Es sind vor allem seine Beobachtungen der US-amerikanischen Gesellschaft und seine Analysen der Einflüsse der Gesetze, der Sitten und Gesinnungen auf die Ausgestaltung der demokratischen Republik in den Vereinten Staaten. Die sind im Wesentlichen als Essenz so zusammen zu fassen:

„In den Vereinten Staaten dienen die Gesetze mehr als die realen Umstände und die Sitten und Gesinnungen mehr als die Gesetze der Erhaltung des demokratischen Staatswesens.“ (*)

Hier wirkt die Struktur durchschlagend auf das Staatswesen stärker ein, als der Diskurs um die zeitgeistigen Inhalte!

Anders ausgedrückt, das was den Zeitgeist der Gesinnungen ausmacht, wirkt am stärksten auf das Wahlverhalten und ist einflussreicher als die realen Umstände! So kann das erfolgen, was bis heute noch wirkt: Gesinnung statt reale Umstände wirken stärker, so dass das unfassbare aktuelle Versagen Trumps beim Covid-Management und das extreme Auseinanderdriften von Arm und Reich ihm kaum geschadet haben, obwohl es aus ethisch-moralischen und verantwortungsbasierenden Fakten hätte geschehen müssen.

Was Tocqueville schon analysierte, scheint auch heute noch zu wirken. Der von ihm beobachtete Individualismus in der Gesellschaft beschreibt er in seinen Wirkungen auf das demokratische Staatswesen so:

Der Individualismus hat seinen Grund eher in einem Fehlurteil als in einem lasterhaften Gefühl. Sein Ursprung liegt ebenso sehr in Irrtümern des Geistes als in der Verkehrtheit des Herzens. Der Individualismus erstickt zunächst nur die Keime der staatsbürgerlichen Tugend, später jedoch greift er auf Dauer alle anderen (Tugenden) an und zerstört sie, um (so) endlich im Egoismus zu enden. Der Egoismus entstammt einem blinden Instinkt und ist an keine besondere Staatsform gebunden.“ (*)

Wie zutreffend diese Beschreibung auf Donald Trump passt, der mittlerweile blindwütig agiert, mit Täuschungen, Lügen, missbräuchlichen Machtaktionen und skrupellos sämtliche Regeln und Tugenden der Staatsführung ignoriert, ist nachvollziehbar, wer Tocqueville liest.

Im Individualismus (glauben die Menschen) … sich selbst zu genügen. Sie gewöhnen sich daran, sich immer nur in ihrer Isolation zu betrachten, und stellen sich gern vor, dass ihr Schicksal nur von ihnen abhinge.“ (*)

Der Schritt zur Despotie ist nicht weit. Auf diesem Weg scheint Trump zu waten. Staatsführung ist nach seiner „Krämerseele“der Tätigkeit des Dealens ähnlich. Nach seinem Selbstbild ist er der beste Dealer, deshalb ist er auch der „beste Präsident“. Wer ihm das streitig machen will, den „vernichtet“ er.  Tocquevilles  Beschreibung für diesen Zustand lautet :

(Der Despot)… lehnt jede Unterstützung  ab. Es genügt ihm, wenn niemand danach trachtet, selbst den Staat zu lenken. Diejenigen, welche ihre Kräfte vereinigen wollen, um das Wohl der Allgemeinheit zu begründen, bezeichnet er als stürmische und unruhige Geister und – den natürlichen Sinn der Worte verkehrend – diejenigen als gute Staatsbürger, die sich kleinlich auf sich selbst beschränken.“ (*)

Trump demnach als Despoten zu bezeichnen, scheint zutreffend zu sein. Nur sind seine Methoden und seine Wortwahl rücksichtsloser, als Tocqueville sich vorstellen wollte. Trump agiert als Brandstifter in seinen Reden und Twitter-Äußerungen und fordert indirekt die rechtsgerichtete Radikalität zum gewaltsamen Widerstand gegen demokratische Gepflogenheiten. Er ist damit das negative Vorbild für rücksichtslosen Egoismus, auch weil er die Tugenden für das Präsidentenamt nicht besitzt und die Gepflogenheiten und Traditionen beiseite schiebt. In seiner Person kristallisiert sich, was Tocqueville beschrieb mit:

„Der Despotismus, der immer gefährlich ist, ist also besonders in demokratischen Zeiten zu fürchten“. (*)

Und in einer weiteren Schlussfolgerung aufgrund seiner Beobachtungen formulierte Tocqueville, als wäre sie gerade erst im Umfeld der gespaltenen US-Gesellschaft mit Blick auf die Anhänger Trumps erfolgt: 

Wenn die Staatsbürger trotz fortschreitender Gleichheit unwissend und ungebildet blieben, so kann man schlecht voraussehen, bis zu welcher törichten Übertreibung sie ihr Egoismus führen könnte, in welches schimpfliche Elend sie sich selber stürzen würden, aus Angst, ihr Wohlergehen teilweise der allgemeinen Wohlfahrt opfern zu müssen.“ (*)

Wer diesen Stillstand zur Entwicklung der Solidarität – der bis heute anhält – und in Teilen der Bürgerschaft, aber besonders in den bewaffneten Anhängern Trumps sich offenbart, versteht einerseits die Ungleichzeitigkeit in der US-Gesellschaft und darüber hinaus, warum Trump mit seinen Zirkus so viel persönlichen Zuspruch erzielen kann, obwohl sein Regierungshandeln weltweit ein Trümmerfeld hinterlassen hat. Möge den US-Bürgern ein Versöhnungsweg gelingen. Das aber kann nur ohne Trump gelingen! Ansonsten träfe Tocquevilles Befürchtung ein weiteres Mal für die nächsten Jahre zu:

„Da die Vergangenheit  die Zukunft nicht mehr erhellt, tastet der Verstand im Dunkeln. Die Nationen unserer Tage vermögen an der Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen nichts mehr zu ändern; von ihnen aber hängt es ab, ob die Gleichheit zur Knechtschaft oder zur Freiheit führt, zu Bildung oder Barbarei, zu Wohlstand oder Elend.“ (*)

(*) Quelle: A. Tocqueville – Über die Demokratie in Amerika 

 

 

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