Ethik als Baustein philosophischer Bemühungen

Ein paar Gedanken zur Ethik als Baustein der Philosophie sollen hier mehr oder weniger ernsthaft aufgeführt werden.

“Man kann sagen, dass der Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat – die teuflischste Variante, die man sich denken kann – nämlich: das Wahrlügen.” – Hannah Arendt 

Dass zum Beginn des philosophischen Denkens die Trennschärfe zur Religion nicht vollständig vollzogen war, zeigt sich an den Zehn Geboten, die als Regelwerk für das „Gute“ und das „Menschengerechte“ sowohl religiöses Korsett wie auch ethische Grundlage war.

Das Dilemma dieser Unschärfe besteht darin, dass bis heute die Fundamentalisten mit ihrer Erbarmungslosigkeit viele Regeln bis aufs Blut durchsetzen wollen – im religiösen Umfeld wie in den philosophischen Feldern von Politik und Wirtschaft – und immer zum Schaden der meisten Menschen.

Und genau diese Fundamentalisten (der Schritt zum Terror und Furor ist nicht weit, wie historisch bis heute nachvollzogen werden kann) scheuen die Fragen nach dem „Warum“, dem „Wann“ und dem „Woher“ wie der Teufel das Weihwasser oder die Politik die Transparenz. Denn „Gewissheiten“ bestehen oft nur im Glauben, im Mythos und im Betrug und der Täuschung. Oder in der Besetzung der Begriffe und Auslegung der Bedeutung – also wer das letzte Wort haben darf.

Und da kommen dann immer der Zweifel und die Skepsis zum Tragen. Und das beinhaltet den Zwang danach zu fragen, ob ein „Gott“ sich denn auch mit einer Identity Card ausweisen kann?

Typen wie Trump gerieren sich als Big-Dealer, die gerne in Anspruch nehmen, „Gott“ bei der Überreichung der Zehn Gebote heruntergehandelt zu haben. Leider hätte er dem Kompromiss zustimmen müssen, dass er Gott neben sich dulden müsse, dass Ehebruch noch aufgeführt sei und Mord nicht erlaubt sei. Aber er habe dennoch erreicht, dass die restlichen Gebote dehnbar seien und  dass erst nach ihm alle Kinder ihre Eltern ehren müssten, egal was die Eltern verbrochen hätten.(Das hören auch heute noch weltweit die Altnazis und Faschisten gerne!) So sei zwar das Lügen und falsches Zeugnis ablegen nicht erlaubt, aber das „Wahrlügen“ und alles Nichtpassende als Fake-News zu bezeichnen schon. Mord sei zwar auch nicht erlaubt, aber der Rufmord schon. Und das Trachten nach fremdem Eigentum hätten die USA mit ihrem Bankwesen, der Wallstreet und den Ratingagenturen durch Gewohnheitsrecht in eine legalisierte Form gebracht. Zumindest habe kein Gott ihm bisher dabei widersprochen.

Platon versuchte den Ansatz der Zehn Gebote in einen Tugendkatalog zu fassen. Sein Grundverständnis von Staat und Staatsbürger beschrieb er in seinem Hauptwerk „Der Staat“. Da für ihn der Staat ein abstrahiertes Abbild der Seele des Einzelnen sei, beschrieb er anhand der Tugenden des Einzelnen auch die des idealen Staates. Die Haupttugend sei die Weisheit, in der sich das Wissen von der Idee des Guten sich realisiere. An der Spitze solle deshalb ein Philosophenkönig stehen, jedoch kein Ökonom und kein Politiker. Aber auch Platon konnte Zweifel nicht ausräumen. Denn eine Fee erschien einem dieser Philosophenkönige und bot ihm die Wunscherfüllung eines von drei Wünschen an: Er könne wählen zwischen Weisheit, Ästhetik und 10 Mrd. Goldstücken. Als Idealist wählte der Philosophenkönig die Weisheit. Im selben Augenblick erstarrte er und wurde schreckensbleich. Ein Mitarbeiter fragte besorgt, was denn sei und erhielt die Antwort: „Ich hätte die Goldstücke nehmen sollen!“

Auch in den christlichen Religionen sind seit Jahrhunderten Fundamentalisten aktiv – von den „Domini Canes“ (den Hunden des Herrn) und der Inquisition bis zum „Opus Dei“–Verbund oder von den Kreuzzügen bis zu den fundamentalchristlichen US-Republikanern – und nehmen die Bibel als Kreationisten ebenso wörtlich wie den biblischen Ausspruch „sich die Welt und die Menschen untertan zu machen!“ Eine Nutzungsform der Bibel, in dem sie  als Mittel den Zweck entheiligt.  Aber Hauptsache der Nutzen für die eigene Geldbörse und das versteckte Bankkonto in den Steuerparadiesen ist erreicht. John Stuart Mill steht als „Heiliger“ der Börsen und als Mitbegründer des Utilitarismus dafür Pate. Und so könnte Melanie Trump auf die Idee kommen, diesen verqueren Ansatz von Ethik für alle Eventualitäten zu nutzen: Auf jeden öffentlichen Termin und den davon gemachten Fotos sollen getragener Schmuck den Anschein erwecken, dass sie Reichtümer besitze, die im Falle einer Trennung von Big-Donald die Nachfolgerin vor Neid erblassen lassen solle.

Und Figuren wie Trump fahren auf dieser Nützlichkeit-Ethik (*)ab. Denn diese zu praktizieren ist für ihn wie wollen, nur krasser.

( * Ergänzung vom 20.11.2020: Zitat aus Der Freitag-online: “In seiner Amtszeit hat Donald Trump nur gelogen und getrickst. Was aber, wenn er selbst eine Wahrheit war? Eine Wahrheit über den Zustand einer Gesellschaft, eine Wahrheit über den Zustand der westlichen Welt? Dann wären ja seine Nachfolger, die weniger lügen und weniger tricksen, eigentlich die größere Lüge.” Zitatende; Das aktuelle Wahrlügen, das Hannah Arendt auf Adolf Eichmann bezog.)

In dem Reigen der historischen Philosophen, die Ethik-Modelle hinterlassen haben, gehört nun mal auch Immanuel Kant erwähnt. Er hat jedoch die Gebotsform der Zehn Gebote in ein abstraktes Prinzip verwandelt. Exemplarisch dafür steht der bekannte „kategorische Imperativ“. In Kants Sprache veröffentlicht als „Handle so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte!“.  Hans Jonas hat Kants kategorischen Imperativ weiter entwickelt zum ökologisch-ökonomischen Imperativ: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten (persönliche Verantwortung übernehmenden) menschlichen Lebens auf Erden.“  Hans Jonas in „Das Prinzip Verantwortung“

Als Verballhornung ist die Formulierung eingängiger und leichter erinnerlich: „Was du nicht willst, dass man dir tut, das tue auch nicht, was willst du denn? – Eins in die Fresse?“ Auch diese Drohung und Umsetzung sind Figuren wie Trump, Orban, Kaczyński und Erdogan nicht fremd! Die Nützlichkeit von Gewaltanwendung, von Säuberungen, von Kriegen und von Erpressungen haben sie erkannt und zum Credo ihres Handelns bestimmt.

Und nicht zuletzt im historischen Reigen darf Friedrich Nietzsche erwähnt werden. Er ist zwar nicht der erste, aber auch nicht der letzte, der die christliche Ethik – und zu ihr gehören auch die Menschenrechte – ersetzen wollte durch den „Willen zur Macht“. Denn “Gott sei Tod”, hatte er verkündet. Und die Überzeugungskraft der individuellen Stärke gehöre nun mal zum Recht des Einzelnen, sich gegen die Masse durchzusetzen. Ein willkommenes Modell zur Selbsttäuschung und Legitimierung aller Größenwahnsinnigen – vom GröFaZ bis zu Trump und Erdogan mit all den von ihnen verursachten Leiden.

In den modernen Zeiten von Internet und den sozialen Medien (welche Täuschung dieser Begriff vornimmt, weil die größten unsozialen Aktionen auf deren Plattformen ja stattfinden!) geben sich ja mittlerweile jedes Unternehmen von Hinz bis Kunz ethische Spielregeln und sogar „Unternehmensphilosophien“. Und vom Freiberufler bis zu den Klerikern heißt die ethische Rahmengebung nicht selten „Berufsethos“. Und auch da wird nicht selten zur utilitaristischen Praxis gegriffen, selbst in einer Notsituation wie im folgenden Witz ersichtlich:

Eine Bank wird von bewaffneten Verbrechern überfallen. Bankangestellte und anwesende Kunden werden Geld, Schmuck und andere Wertgegenstände abgenommen. Plötzlich drückt der eine Kunde seinem Freund einen Geldschein in die Hand. „Was ist das?“, flüstert der ihm ins Ohr und erhält zur Antwort: „Die fünfzig Euro die ich dir noch schulde!“

Wie viel Geld wohl in der Stammzellenforschung noch ethisch definiert den Besitzer wechseln wird, ist wohl im Rahmen der ethischen Regelbemühungen der Menschheit ebenso wenig feststellbar, wie die Verteilung der Kosten für die Corona-Krise gerecht vorgenommen werden wird.