Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Nach der Pandemie: Zwischen Rollator und Krematoriums-Ofen nehmen wir uns Zeit zu schwofen!

Zum Ende des siebten Jahrzehnts im Leben eines Menschen ist das Nachdenken über den Rest desgleichen nicht fern und ebenso wenig selten. Das Motto wird nicht selten lauten: „Zwischen Rollator und Krematoriums-Ofen nehmen wir uns Zeit zu schwofen!“ Die inhaltliche Füllung reicht dabei von kulturellem Genießen in Kunst, Musik, Schauspiel, Satire, Kabarett bis zum Sport und ehrenamtlichen Engagement.   

Die Realisierung lässt jedoch auf sich warten in Pandemiezeiten. Jüngere Generationen haben da wohl weniger Geduld und sind zu Grenzüberschreitungen und Regelverletzungen wider jede Vernunft eher bereit, wie die täglichen Berichte zu illegalen Partys in Räumlichkeiten und sogar im Freien dies belegen.

Und mit der Pandemie leben wir alle in einer Krisenzeit, die geschichtlich die Menschen  wieder herausfordert. Es ist nicht mehr nur eine Herausforderung nach Marx’scher Provenienz, dass Geschichte eine Geschichte des Klassenkampfes sei. Dieses Verständnis greift zu kurz. Obwohl weiterhin der Neoliberalismus als Finanzkapitalismus sich entwickelte und Macht-Gebilde wie Google, Facebook und BlackRock hervorbrachte, hinterlässt auch der noch immer  verbranntes Land auf individueller, globaler und gesamtgesellschaftlicher Ebene. Krieg, Zerstörung, verwüstete Landschaften durch Abholzung, Bodenvergiftung, Meer-Verunreinigung durch Kunststoff und Plastik bedingen neben der ökologischen Krise und politischen Krise auch weiterhin Hunger und  Ausbeutung und schaffen so sowohl die Existenzkrise des Einzelnen wie der gesamten Menschheit.    

Thomas Seibert hat dazu schon 2017 mit seinem Buch „Ökologie der Existenz“ Stellung bezogen. Er betont das Ineinandergreifen der Struktur der Ausbeutung des Menschen (Hartz IV, Jobcenter, Privatisierung der Arbeitsvermittlung durch Leiharbeit, Scheinselbstständigkeit. Sklavenarbeit in Textilproduktionen etc.) mit der Struktur der Ausbeutung des Planeten (Inbesitznahme von Wasser als allgemeine Ressource wie durch Nestlé oder Ausbeutung seltener Erden und anderer Bodenschätze sowie die Abholzungen des Amazonas-Urwaldes durch Unternehmen und Nationen) und den daraus erwachsenen massiven Folgen für Staatsformen wie der Demokratie.

Die Prekarisierung der Arbeit bedeutet, dass eine Lebenssicherung durch Lohnarbeit oft auch in sogenannten reichen Ländern nicht mehr möglich ist.  Zudem stellt sich Einkommen aus Lohnarbeit in der Form dar, dass der Mensch von früh bis spät und überall ‚auf Abruf‘ bereit sein muss und trotzdem jederzeit ‚freigestellt‘ und von allen Möglichkeiten eines gelingenden Lebens abgeschnitten werden kann. Es heißt darüber hinaus noch, dem neoliberalen (Arbeits-) Markt ausgeliefert zu sein und im  Falle der ‚Freistellung‘ auf sein nacktes Leben – auf ein rudimentäres Leben – reduziert zu werden und bei der Not und dem Minderangebot an bezahlbarem Wohnraum vielleicht neben der arbeitslosen Existenz auch Gefahr läuft, obdachlos zu werden: ein Schicksal, das heute weltweit die Mehrheit der Menschen bedroht. Dieser Werteverfall an Respekt, Wertschätzung und Solidarität greift nicht nur ökonomisch und ökologisch Raum, sondern verändert jeden einzelnen Menschen, der aufgrund dieser sozialen Unfähigkeit bis in die partnerschaftlichen Beziehungen Einfluss nimmt. Das zeigt sich an den vielen Trennungen und dem Scheitern von Beziehungen, denen die Bedeutung des Zusammenhalts: „in guten wie in schlechten Zeiten“ abhandengekommen ist. Was auf der individuellen Ebene nicht mehr gelingt, kann auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene nicht mehr realisiert werden.

Das Spaltungspotenzial des Neoliberalismus zeigt sich als Egoismus, Narzissmus und  Nationalismus jeglicher Couleur. Das Fazit lautet für die menschliche Existenz: „ein-Weiter-so-wie-bisher“ (*) ist nicht mehr akzeptabel. Es sind Korrekturen vorzunehmen in den Bereichen:

  • Die Schere zwischen Arm + Reich schließen und solidarische Ökonomiemodelle installieren;
  • Die Arbeit neu verteilen und besteuern (Maschinen-Produktivität besteuern) und mittels eines bedingungsloses Einkommen (auch als Altersversorgung) die Freiheit in Berufswahl, Arbeitsannahme und Gestaltung des eigenen Lebens zu gewährleisten;
  • Gewinne aus Finanz-Kapital zum hohen Anteil sozialisieren um Bildung, Forschung, Innovationen und Daseinsfürsorge (Gesundheit, Energie, Infrastruktur für Mobilität+Verkehr, Schule+Ausbildung und Wohnung) zu finanzieren;
  • den Rückbau jeglicher Privatisierungen in den o.g. Bereichen voranzutreiben;
  • Demokratiestärkung durch Mitbestimmung (Modelle direkter Demokratie installieren + autokratische, diktatorische und meritokratische Systeme verhindern) gesetzlich zu verankern;
  • Versagen politischer Verantwortlicher (z.B. Gesundheitsministerium, Verkehrsministerium, Innenministerium etc.) mit der Entlassung der Minister und der Hinterfragung der lobbyistischen Berater umstrukturieren;
  • Grund- und Menschenrechte realisieren und sichern;
  • Ökologie auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz ausrichten;

(*) Ergänzung vom 02.02.2021

Ausnahmen scheinen jedoch in der deutschen Politik zurzeit eher zur Normalität zu werden. So befindet sich der Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) noch immer im Amt. Mit der Verbundenheit der Koalitionäre (in dieser Regierungsperiode mal wieder aus CDU/CSU + SPD) hat es den Anschein, dass sich die „Partner“ gegenseitig schonen und ihre geistig-moralischen „Gesinnungsleichen“ im Keller des jeweils anderen unberührt lassen. Wie anders kann es sein, dass die SPD den Rücktritt nicht einfordert? Ob dies damit zu tun hat, dass Olaf Scholz (SPD) nicht im Sumpf des Wirecard-Skandals untergehen soll? Oder ist eher die Tatenlosigkeit der Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Sachen Richtlinienkompetenz daran zu messen, dass ihr Stillhalten und die nicht erfolgte Entlassung des Andreas Scheuer mit ihrem Verhalten beim Wirecard-Skandal und dem heimlichen Gespräch des Wirecard-Lobbyisten und Ex- und Rücktritts-Ministers „zu Guttenberg“ (CSU) zu sehen ist? Und das Maß in diesem Amigo- und Gesinnungskomplott ist noch lange nicht voll, wenn an Familienministerin Franziska Giffey (SPD) und das Skandälchen um ihre Doktorarbeit gedacht wird.

Fazit: Ein unterirdisches Niveau im Ethik- und Moralverständnis herrscht bei der politischen Clique! 

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