Schöne neue Welt der Algorithmen? Von Datenkraken über künstliche Intelligenz bis zum normierten Menschen

Künstler: Günter Winterscheid – Mensch und Wald

“Bedeutende Erfolge sind auch die Ergebnisse überwundener Krisen.”

“Eine Kultur beruht auf dem, was von den Menschen gefordert wird und nicht auf dem, was sie geliefert erhalten.” – Antoine de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste

“Eine Kultur kann nur an ihrer eigenen Schwäche sterben.” – André Malraux

“Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr in der Lage sind, zu definieren, was Kultur ist.” – Max Frisch

“Wo das Bewusstsein schwindet, dass jeder Mensch uns als Mensch etwas angeht, kommen Kultur und Ethik ins Wanken.” – Albert Schweitzer, Verfall und Wiederaufbau der Kultur

Zu Michel Foucaults zentralen Begrifflichkeiten gehören Macht, Wissen und deren Beeinflussung des Subjekts. Sein Denken bezog sich unter anderem auf die Auswirkungen von Überwachung auf den Menschen. Überwachung erfolgte in den Jahrzehnten seines Lebens bis Anfang der 1980er Jahre noch auf analoger Ebene. Abhören  durch Wanzen, heimliches Filmen und Ablichten, Erspähtes und Gehörtes aufzeichnen, teils noch per Hand und schriftlich.

Die Überwachung der Menschen erfolgt heute nach einem anderen Modell und zu einem allumfassenden Zweck. Die Umsetzung erfolgt mittels der Algorithmen, manchmal – aber eher vereinzelt – zur Abwehr von Terror, meistens jedoch zur Manipulation der Menschen oder als Geschäftsmodell. Big Data auf der politischen und ökonomischen Ebene ist heute anders strukturiert und zu verstehen.

Die Fragen, die heute wichtig sind zu stellen und darauf Antworten zu hören, lauten eher, wie und wozu die Umwandlung von unzähligen Daten (gespeichert in den Informationsdatenbanken der Datenkraken) in Wissen über Menschen erzeugt wird? Wie und wozu dieses Wissen genutzt wird, um Macht auszuüben? (Und welche Macht üben Politik einerseits und Unternehmen andererseits aus?)

Das Wissen, das daraus resultiert, wird in eine bestimmte Form gegossen, die von den Zielen der Datensammler (NSA, Facebook, Google) beeinflusst wird. Dazu konstruieren die Datensammler Algorithmen, die neue Welten des Wissens schaffen, die eindimensional und zielgerichtet sind. Die darin enthaltende Wahrheit ist weder umfassend, noch adäquat, weder ausreichend, noch hinreichend für die Qualität des gelingenden Lebens. Wissen über und von den Menschen wird durch die KI nicht erzeugt, sondern „eingeimpft“ in Maschinen, Gegenstände und Handlungen, als wäre es nur so und nicht anders da. Veränderungen werden nicht als Fortschritt und als Evolution ermöglicht, sondern im Sinne der Potenzierung und Maximierung (von Macht, von Gewinn, von Steuerbarkeit der Menschen etc.) vorgenommen – und zwar durch die Inhaber der Algorithmen und/oder durch eine selbstlernende und seelenlose (sprich von Ethik und Moral unkontrollierter) KI (Künstlicher Intelligenz).

Statt Kreativität, Unterschiedlichkeiten und große Bandbreite in der menschlichen und kulturellen Entwicklung zuzulassen und damit das spontane Leben zu ermöglichen, steuern wir im Machtgefüge der Algorithmen auf Einschränkung, Gleichheit im Gleichschritt, Verwertbarkeit und Berechenbarkeit der Datensammler und Verwerter zu. Die Ungewissheit wird eliminiert, Entscheidungen werden manipuliert und abgenommen. Die menschliche Existenz wird genormt und angepasst, sowie zum Konsumenten reduziert und profiliert. Allumfassende Überwachung sorgt für den Rahmen, der je nach Zielsetzung durch die Machtinhaber modelliert wird.

Für die Vermögensverwalter á la Blackrock ist nur von Interesse, die Kapitalflüsse zu organisieren, die zur Gewinnmaximierung dienen. Dem haben die Algorithmen zu dienen. In der Politik sind deren Akteure und Machtinhaber nur daran interessiert, dass für politische Wahlen die Meinungen und die Entscheidungen der Wähler so zu steuern sind, dass die gewünschten Mehrheiten zustande kommen. Für Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft (und in kleinen Resten) für die Verleger und Verwerter der offiziellen Medien dienen die jeweiligen gesammelten Daten und ihre Verarbeitung  nur der  Ausweitung ihrer Macht, die mittlerweile größer ist, als die nationaler Staaten. Die Berücksichtigung von Zielsetzungen wie Solidarität, wie gelingendes Leben, wie Umweltschutz, wie Daseinsfürsorge, wie Klimakrisenbewältigung oder Berücksichtigung der Ressourcenerschöpfung (wir haben nur eine Welt!) ist weder im Fokus dieser Akteure, noch von Interesse.     

 

Ergänzung vom 19.02.2021 18.00 Uhr:

Es ist  real schon schlimmer, als im vorherigen Textabschnitt kommentiert!

Die E-privacy-Verordnung der EU als EU-Regulation zum Schutz der Privatsphäre ist derart zynisch und belegt – man verzeihe die Formulierung – dass die Kommission anscheinend auf den Datenschutz und den Schutz der Privatsphäre der Menschen “schei..t”.  Da ist wohl der letzte Rest von Anstand und Moral zum Schornstein rausgefeuert worden!