Schluss mit der negativen Weltsicht – Wege zu neuem Bewusstsein und Mitgestaltung der Gesellschaft

Der heutige Journalismus ist überwiegend von negativer Berichterstattung geprägt. Das, was uns täglich an Fehlverhalten, Misslungenem, Verbrecherischem und Menschenfeindlichkeit per Medien (TV, Presse, Internet) als Informationsflut überrollt und mitreißt, ist überwiegend zutiefst negativ gefärbt und vermittelt uns, dass der Mensch und die Leute  von Grund auf schlecht seien!

Und wer genau hinschaut, sieht weltweit zuhauf das Versagen der Politiker, zu oft den Egoismus des Einzelnen (im Privaten wie im Beruf) und erkennt tagtäglich die Auswirkungen des Neoliberalismus und seine Folgen  für die meisten Menschen. So lässt sich nicht verleugnen, dass die Gier Einzelner nach Geld und Macht ursächlich für die Ausbeutung und Versklavung der Menschen ist, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander geht und das Mitgefühl und die Solidarität gegen null tendieren. Konzerne wie Nestlé reißen sich die Wasserrechte in Afrika unter den Nagel (anscheinend durch Bestechung korrupter Politiker) und verkaufen das Gemeingut und ein Grundrecht teuer an die eigentlichen Besitzer und Anspruchsberechtigungen. Vermögensverwalter wie BlackRock Inc. nutzen die Börse, um mit dem eingesammelten Geld (rund acht Billionen Dollar) sich zum mitbestimmenden Faktor bei den größten börsennotierten Aktiengesellschaften weltweit zu etablieren. So wird über den CEO (zurzeit Larry Fink) das Geschäftsgebaren auch der DAX-Konzerne regelmäßig von den Interessen BlackRocks geleitet.

Die feststellbare Erkenntnis: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ ist heute ebenso zutreffend, wie es zu Marx´ Zeiten schon eine Wahrheit war.  Die banale Erkenntnis spiegelt sich auch in bekannte Sprichwörter und Aphorismen wider und geht dennoch darüber hinaus. („Nach jemandes Pfeife tanzen…“/ „Sich mit fremden Federn schmücken…“/„ Vor Neid platzen“ etc.) Die Sozialisation des Menschen bestimmt zudem das Selbstbewusstsein und das Verhalten des einzelnen Menschen und in der Summe das der Gesellschaft. 

Die Weltsicht und die Eigenart, das Augenmerk auf das Negative in der Welt zu richten, ist durchaus genetisch verankert. In der Frühzeit der Menschen war diese selektive Sicht ein Schutz für den Menschen. Denn rechtzeitig Gefahren zu erkennen, die Sinne zu schärfen für alles, was negativ für das Leben der Menschen sein konnte, zu erkennen und sich damit auseinander zu setzen, bestimmte das Überleben. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“. In diesem Umfeld war das Handeln der Vorfahren auf kurzfristige Entscheidung optimiert: Flüchten oder Kämpfen!

Wenn diese Entscheidungen heute auch mit anderen Mitteln und Methoden umgesetzt werden, bleibt die grundsätzliche Verhaltensweise auch heute noch zutreffend. Einen essenziellen Unterschied muss der Mensch heute zusätzlich bewältigen: die Menge der auf ihn einstürzenden negativen Reize ist um ein Vielfaches höher als in der Zeit der Jäger und Sammler. Mit dieser Reizüberflutung kommt die krankmachende Überforderung! Die psychisch-mentalen und die physisch-körperlichen Reaktionen von Burnout, Depression und neurotisch-psychotischen Zuständen sind die Folgen. Ob die verhaltensbasierten Strategien und Therapien in Form „Das Bewusstsein bestimmt das Sein“ wirksam sein können, ist zumindest zu bezweifeln. Die Absicht dahinter ist, den Einzelnen zu verändern anstatt die Welt des Neoliberalismus und deren Benachteiligungen! Denn nach diesem Verständnis liegt die Ursache für das Systemversagen beim Einzelnen, anstatt das Versagen des Systems zu benennen und als Ursache für die Armut, die Ausbeutung und die Ausbreitung von Kriegen zu erkennen. Es ist der alte Diskurs darüber, ob die Veränderung des Verhaltens auch ein verändertes Bewusstsein bewirkt und darüber das Sein sich verändert. Die Frage bleibt, wie diese Veränderung inhaltlich bestimmt ist?

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass mit der Überreizung der Wahrnehmung durch die  Informationsflut und der dadurch bedingten Begrenzung der mentalen Verarbeitung als Ergebnis Menschen sich hilflos und überfordert fühlen.  Wer als Mensch kaum noch das Gefühl entwickeln kann, dass er Presseberichten und Aussagen von Regierungsverantwortlichen trauen kann, auch weil die Fähigkeiten fehlen, die Aussagen auf Objektivität und Wahrhaftigkeit zu prüfen,  der gerät in eine Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit. Diese führt dazu, sich den notwendigen Entscheidungen zu entziehen. Er hört auf, sich den Aufgaben zu stellen. Er flüchtet ins Nichtstun und überlässt gesellschaftliche Entscheidungen anderen. (Nicht zur Wahl zu gehen; sich der Meinung eines „Vordenkers“ anzuschließen und in einer Filterblase zu landen und damit manipulierbar zu werden).  

Das Verhalten der Menschen im Biedermeier ist dafür typisch. Der Rückzug ins Private ist die Konsequenz. Das wird heutzutage sichtbar im Konsum von Formaten des Privatfernsehens mit der Folge, nicht mehr über die Politik und ihre Auswirkungen nachzudenken. Wer das Angebot der Unterhaltungspresse anschaut, sieht, dass die Gartengestaltungsvorschläge in Hochglanzauflagen und die Kochrezept-Vorschläge schon inflationär bis in die Apothekenschau reichen.

Der Spruch: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ hat in dieser apodiktischen Form kaum noch Gültigkeit. Neurologische Forschungen belegen, dass bis ins hohe Alter hinein das Hirn veränderbar bleibt und neue synaptische Verknüpfungen entstehen. 

Ein Motto wie „Das Reden über Probleme schafft Probleme – ein Reden über Lösungen schafft Lösungen“ ist notwendigerweise zu hinterfragen. Wer bestimmt die Lösung und mit welcher Absicht soll diesem Motto gefolgt werden? Dass es wirkt, scheint die Hirnforschung zu belegen, insbesondere, dass neue Erfahrungen machen und ein lebenslanges Lernen Hand in Hand gehen. Denn alles, was der Mensch tut, was er aktiv macht oder nicht macht, verändert ihn und ist in seinen Hirnveränderungen nachvollziehbar. 

Um in der heutigen Zeit der Reiz- und Informationsüberflutung bestehen zu können, bedeutet, die Aufmerksamkeit zu erhalten, die der Mensch zu bekommen wünscht. Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten Ressourcen in der heutigen Zeit. Das wissen sowohl die Werbefachidioten, wie auch der karrieregeile Politiker,  ebenso wie der machtgierige Kollege und Vorgesetzte.

Beim Versagen oder bei Fehlentscheidungen wird alles getan, die Schuld zu vertuschen! (Scheuer u.a. in Untersuchungsausschüssen) Neben der „Schuldzuweisung“ wird auch das „Sündenbockprinzip“ genutzt. (Die Ausländer! Der Kanake! Der Jude! Die Grün-Links-Versifften! Wie zu oft derlei Kommentare und rassistische Vorurteile und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten in den sozialen Medien zu lesen sind, kennt wohl fast jeder Mensch!)

Komplexere Fragen und Probleme verlangen bessere Recherchen und das Bewusstsein, dass es keine Schwarz-Weiß-Wirklichkeit gibt, noch in der Regel die Entweder/Oder-Lösungen der richtige Weg bedeutet.

In einer offenen Gesellschaft wie der Demokratie ist nicht nur nach dem Wer, Wo, Was und Warum zu fragen, sondern auch nach dem: Wie geht es jetzt weiter nach der Pandemie? Die wichtigste Eigenschaft ist deshalb, sich nachdenkend einzubringen. Das gelingt am besten, wenn  der Mensch neben seiner

  • Neugier
  • Über den Tellerrand hinausschauen kann
  • Nachsichtig mit sich und den anderen Menschen ist
  • Zulässt, dass Menschen Fehler machen können und daraus lernen
  • eine andere Diskurskultur und konstruktive Lösungen  notwendig sind
  • eine neue Lern- und Arbeits-Umgebung geschaffen werden muss durch die Gesellschaft, in dem Raum zur Neugier, Forschung und Weiterentwicklung ermöglicht werden. (neue Schulwirklichkeit, andere Arbeitswirklichkeit, Abschaffung der Hartz-IV-Gängelung und Verbot der Zeit- und Leiharbeit; Einführung der bedingungslosen Grundeinkommen!)

Und diese Forderungen sollten auch an die Politik und Regierungsverantwortlichen gestellt werden, wenn sie wieder gewählt werden wollen!