Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Die Ungleichzeitigkeit und der Zustand der Aufklärung in der Gesellschaft – statt Vernunft nur noch Gefühlsdominanz

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.” – Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? 

“Skepsis ist der erste Schritt auf den Weg zur Philosophie” – Diderot

Sein und Wissen ist ein uferloses Meer: Je weiter wir vordringen, um so unermesslicher dehnt sich aus, was noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens schließt hundert Bekenntnisse des Nichtwissens in sich – Isaac Newton

Was mittlerweile immer mehr in der Gesellschaft um sich greift, ist der Verlust von Solidarität einerseits und andererseits der Verlust der Fähigkeit, anderen Menschen zu verzeihen. Diese Psychohygiene ist ein Grundpfeiler für die Gesundheit des Einzelnen und der Gemeinschaft. Stattdessen geifern Hass, Gewalt, Betrug und Lügen durch die Gesellschaft und ihre Kommunikationskanäle. Nicht selten initiiert und gesteuert von Profiteure dieser menschenfeindlichen Verhaltensweisen.

Das Vereinnahmen des Denkens, welche ersetzt wird durch Ideologien, die den Menschen in ihrem Zusammenleben schaden, sowie durch die Besetzung von Begrifflichkeiten  und der Unklarheit in der Sprache verengen den Blick auf die Vorteile des wirklichen Querdenkens. Nicht die sich gleichnamig so benennende Bewegung von gewaltbereiten Schreihälsen ist damit gemeint, die nichts anderes zum Ziel hat als die Manipulation der Menschen, die sich durch wenige und einseitige Inhalte wie aufs Glatteis führen lassen, sondern das Prinzip der offenen, sich weiterentwickelnden Ideen und Konzepte einer aufgeklärten Menschheit und ihren positiven Möglichkeiten sind damit verbunden.

Die Ungleichzeitigkeit bei den Menschen in Bezug auf Wissen, Erkenntnisse und echten Querdenker-Ergebnissen führt in Zeiten wie der Pandemie und anderer Krisen zu mehr und mehr rein gefühlsgesteuerten, die Vernunft und das Denken im Sinne Kants (Aufklärung als Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit) außer Kraft setzenden Beziehungen.

In der gefühlsdominierten Negativspirale ist dann Egomanie und nicht selten Gewalt im sozialdarwinistischen Sinne das Ergebnis. Das Selbstbildnis ist eines, das schnell durch übersteigerte Befindlichkeit und fehlendes Vertrauen in das Gegenüber geprägt wird und darüber ständig im Rollenwechsel von Täterschaft, Opfer sein und Helferrolle gefangen bleibt.

Die Radikalität, mit der Vernunft zurückgedrängt wird und an ihre Stelle das Modell gesetzt wird, dass die Natur – auch die des Menschen – sich durch starke und blinde Leidenschaft ausdrückt und diese die eigentlichen Antriebskräfte des Daseins sind, deren Steuerung allenfalls durch den Verstand ermöglicht wird, aber niemals dieser an erster Stelle stehen wird, kann beängstigend sein. Dieses Gedankenmodell machen sich bis heute Religion und Politik zunutze. Zu oft sind die Folgen dieser Vereinnahmung zu sehen an Kriegen und Krisen (wie zwischen Ideologien, Religionen und Staaten – aktuell: Palästina/Israel), ökonomischen Prinzipien (Neoliberalismus), gescheiterten zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch an der Konzentration von Macht in der Hand einzelner Personen wie Trump und ähnlichen Typen egomanischer Despoten.

Zur Bewältigung dieses Konfliktes haben Philosophen darüber nachgedacht, um moralisch-ethische Prinzipien zur Gestaltung und Beantwortung der Frage – wie wollen wir leben? – zur Verfügung zu stellen. Die Antworten der Aufklärung von Kant über Rousseau bis Diderot haben bis heute keinen vollständigen Erfolg gehabt. Ergebnisse wie Menschenrechte, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind immer wieder aufgeweicht und zurückgedrängt worden. Selbst Diderots Konzentration auf die Formel, was tut den Menschen gut und was schadet ihnen,  zu prüfen und als alleiniges moralisches Prinzip zu etablieren, um ein lebenswertes Leben führen zu können, ist bis heute der Ungleichzeitigkeit zum Opfer gefallen.

Diderot habe – so der Autor Philipp Blom in seinem Buch “Böse Philosophen” – für radikale Aufklärung gestanden, welche geprägt gewesen sei von der Gestaltung des Lebens – frei von Angst vor dem Unbekannten und ein klares und gelassenes Erkennen des Platzes der Menschen in der Natur als hochintelligentes und empathisches Wesen. Niemand sei berechtigt, Macht über andere auszuüben und einzig das Prinzip der Solidarität mache ein konstruktives Zusammenleben möglich. Vorhandene Leidenschaften sollten durch Regeln und Selbstkontrolle in Schach gehalten werden. Und die Gestaltung und Entfaltung der menschlichen Lebenskraft in einem Universum, das nicht “in sieben Tagen” erschaffen worden sei und in dem ein gutes Leben nur in einer humanen Gesellschaft möglich sei, die von gegenseitigem Respekt und frei von Sklaventum und Unterdrückung sein müsse, ist die Vision der radikalen Aufklärung und Transparenz, die bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren habe.

Durch die sozialen Medien, durch die Konzentration der wirtschaftlichen Macht auf wenige global Player, durch die Verdrängung der Daseinsfürsorge des Staates und die damit verbundenen Privatisierungen auch in den Bereichen der Grundbedürfnisse (Wohnen, Arbeit, Bildung, Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, Altersvorsorge) scheint die Gesellschaft wieder weit hinter die Ziele der Aufklärung Diderots zurückgefallen zu sein. 

“Für einen guten und edlen Menschen ist nicht nur die Liebe des Nächsten eine heilige Pflicht, sondern auch die Barmherzigkeit gegen vernunftlose Geschöpfe.” – Isaac Newton 

“Der Mensch ist ein mit Vernunft begabtes Tier, das immer die Geduld verliert, wenn es der Vernunft gemäß handeln soll.” – Oscar Wilde

Zur Verantwortungsethik gehört, sich selber in die Pflicht zu nehmen. Wer nur noch “chillen” will, ist dadurch gefährdet, auf einem schmalen Grat zu wandeln, in dem auf der einen Seite die Selbstachtung verloren geht, auf der anderen Seite der Absturz  in den  Egoismus droht. 

Ein paar Aphorismen zu den Begriffen von Gefühl und Vernunft! Mögen die Leser sich dran entlang hangeln und zum Diskurs kommen über die Bedeutung des Jeweiligen. 

“Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid.” – Leonardo da Vinci

“Das Leben ist eine Komödie für den Denkenden und eine Tragödie für die, welche fühlen.” – Hippokrates

“Das Gefühl findet, der Scharfsinn weiß die Gründe” – Jean Paul 

“Die Wahrheit ist vorhanden für den Weisen, die Schönheit nur für ein fühlendes Herz.” “Der Mensch ist, der lebendig fühlende, der leichte Raub des mächtigen Augenblicks.” Friedrich Schiller

“Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig.” Kurt Tucholsky

“Ein Glück für die Despoten, dass die eine Hälfte der Menschen nicht denkt und die andere nicht fühlt.” Johann Gottfried Seume

“Ist’s nicht sonderbar? Die Menschen schämen sich weit öfter, Gefühle zu zeigen, als Gefühle zu heucheln.” Otto Weiss

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“Vernunft hat einen ganz klaren Sinn. Vernunft ist die Wahl der richtigen Mittel zu einem bestimmten Zweck. Die Wahl des Zwecks hat damit nichts zu tun.” Bertrand Russel

“Die Gewohnheit ist stärker als die Vernunft” George Santayana

“Nie kommt ein Mensch aus Vernunft zur Vernunft.” Montesquieu 

“Durch Vernunft, nicht durch Gewalt soll man Menschen zur Wahrheit führen. Wenn man mir sagt, es gebe Dinge, die über unsere Vernunft hinausgehen, so kann mich das nicht veranlassen, Unsinn zu glauben” Denis Diderot

“Das, was ist zu begreifen, ist die Aufgabe der Philosophie, denn das, was ist, ist die Vernunft.” Hegel

“Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu benutzen.” Galileo Galilei 

Ergänzung vom 17.05.2021

Wer nicht weiß, ersetzt das Wissen durch Glauben. Wissen ist dabei harte Arbeit und die Formulierung von Erkenntnissen, die der ständigen Überprüfung standhalten müssen. Glauben ist die Bequemlichkeit, andere für sich denken zu lassen, oft gepaart mit der Angst vor dem Unbekannten. So wird von den Kreationisten die Schaffung der Erde nach der Erzählung der Bibel erklärt. Und in esoterischer Variante die Form der Erde noch immer als Scheibe beschrieben. Die abenteuerlichsten Erläuterungen müssen dafür herhalten. Diese esoterischen Ansätze haben Konjunktur in Krisenzeiten und arbeiten oft nach dem Muster des Sündenbock-Systems (“Die Juden”, “Die Grün-Rot-Versifften”, “Die  Ausländer”, “Die “XYZ….”). Mit dem System der sozialen Medien verbreiten sich sekündlich immer mehr und größere Wellen an Irritationen. Denen entziehen sich die meisten Menschen durch das “Glauben” an die verwirrtesten Geschichten von “Chemtrails-Vergiftungen” bis zu “Impfzwang” und anderen Verschwörungs-Narrativen á la “Rumpelstilzchen”-Wahrheiten. 

Kant hat sich zum Verhältnis von “glauben”,  “meinen” und “wissen” in seinem Werk “Kritik der reinen Vernunft” geäußert: Glauben ist kein objektiv begründetes Wissen!  “Kritik” bedeutet bei Kant nicht kritisieren im heutigen Sinne, sondern: durchdenken, durchleuchten, überprüfen, hinterfragen und begrenzen. “Kritik der reinen Vernunft” bedeutet deshalb über das Denken, seine Struktur, sein Prinzip und das Verhältnis von Erfahrung durch die Sinne  zur Vernunft als Mittel des Denkens nachzudenken, also in weiterer  Bedeutung: zu forschen. 

In Anlehnung an Ambrose Bierce kann formuliert werden,  das glauben bedeutet,  Dinge für wahr halten,  die jemand verkündet, der über keine logische Beweisführung verfügt, jedoch eher aus seiner Behauptung oftmals Vorteile erzielen will.

Diesem Thema widmet sich ein Beitrag von Harald Lesch und Dirk Steffens auf ZDFinfo aus der Reihe “Terra X”. 

 

 

 

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