Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Zwischen Form und Inhalt – zwischen Verstellung und Wahrhaftigkeit – zwischen Mensch und Leute

Zwischen Form und Inhalt – zwischen Verstellung und Wahrhaftigkeit – zwischen Mensch und Leute

Isolation und Alleinsein sind Bedingungen, die existenzielle Erfahrungen machen lassen, die im letzten Jahr zur neuen Form des Normalseins führte. Die Menschen wurden auf sich selbst zurückgeworfen. Menschen, die bis dato diesen Situationen immer ausgewichen sind. Eine Flucht in die Masse oder wenigstens in die Gruppe anderer Menschen – beim Rumhängen, auf der Arbeitsstelle, bei Open-Air-Veranstaltungen, beim Shoppen in überfüllten Kaufhäusern, in vollbesetzten Bars und Bistros und selbst beim Sportausüben in Hallen oder Stadien – um dem Alleinsein zu entkommen.

Eine Lebensgestaltung, die in dieser Form die Menschen in eine Richtung treiben ließ. Mit dem Stromschwimmen als  Teil der Herdentiere oder Lemminge. Das Mitgerissen-Werden als normale Daseinsform. Ein Leben in der Gemeinschaft – der kleinsten Form als Partnerschaft und der noch von den Menschen begreifbaren Form der Familie, Sippe und Freundschaft. Der Mensch als soziales Wesen oder wie Aristoteles definierte als „zoon politikon“. Eine Bestimmung, die ihn als Gemeinschaftswesen ausweist, welches auch die politische Struktur (den Staat) formte.

Aus Sicht der Evolution entwickelte sich das Gemeinschaftswesen Mensch, der nur in der Gruppe überleben konnte.

Was auf der Strecke blieb oder sich noch gar nicht entwickelt hatte, war die Auseinandersetzung mit der eigenen Person. In der Gruppe bildete sich der „Leitwolf“ heraus –  um eine Vokabel aus der Tierwelt zu nutzen. Seine Dominanz und der Führungsanspruch, bestimmt durch das „Un-Recht des Stärkeren“, nicht selten allein durch körperliche Gewalt und Überlegenheit gegenüber den Mitmenschen erlangt, selten jedoch durch Klugheit und Mitmenschlichkeit (Empathiefähigkeit), regelte das Zusammenleben der Menschen in diesen zahlenmäßig überschaubaren Größenordnungen von Gruppe, Familie oder Sippe/Clan. Unterwerfung oder Versklavung der Einzelnen waren und sind bis heute wirksame Formen – auch der Machtausübung in der Gemeinschaft.

Riten, Gewohnheiten, Regeln (Gebote und Verbote), definiert vom Despoten und Diktator oder Vereinbarungen zwischen einer kleinen Gruppe  Gleichgestellter setzen den Rahmen für das Zusammenleben. Einen engen, geschlossenen und hierarchisch organisierten. Erst spät in der Geschichte der Menschheit  eine offene, sich weiteren entwickelnde, kreative und das Potenzial nutzende Plattform, die Verstand und Herz, Vernunft und Menschenfreundlichkeit ihren Freiraum schafft und nicht durch Einengung der Freiheit Strukturen eines autokratisches System installiert.

Das Prinzip Anpassung ist ein evolutionserprobtes Mittel des Überlebens. Wer oder was sich anpasst, hat größere Überlebenschancen. Die Hoffnung des einzelnen Menschen auf größere Sicherheit wird daraus genährt. Das sind die Wirkkräfte, die bis heute als Prinzip Einfluss auf  Gruppen nehmen. Sie bewirken jedoch auch, dass die Beschäftigung mit der eigenen Person und der Frage: Wer bin ich? (meine Stärken und Schwächen) Was macht mich aus? (Fertigkeiten und Fähigkeiten) Wie will ich leben? (in Freiheit, selbstbestimmt etc.) zu oft verdrängt wird.

Der Mensch als lernendes Wesen wird sich entscheiden und für diese Entscheidung auch Verantwortung übernehmen müssen. Die Pandemie hat die Menschen gezwungen – durch das Alleinsein, die Einsamkeit und die Quarantäne bedingte Isolation – sich mit sich selbst und seinen bisherigen Lebensformen zu beschäftigen.

Dieser Blick in den Spiegel des eigenen Daseins hat bewirkt, dass die Selbsttäuschung und das Verstecken der eigenen Persönlichkeitsmerkmale und Verhalten viel schwieriger bis unmöglich wurde. Dieser „Wahrheit“ auszuweichen, das war wohl eine der gängigsten Verhaltensweisen in den letzten Monaten.

Den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, beraubte ihn jedoch auch der Möglichkeit, neue Erkenntnisse und Potenziale zu entdecken und zu nutzen. Die übriggebliebene Variante war die, dass nicht wenige Menschen sich den Narrativen des „Querdenkens“ anschlossen. Die Abgabe der Verantwortung, mit seiner Einsamkeit, seiner Konfrontation mit sich und seinem Charakter sich auseinander zu setzen, wurde eingetauscht mit der vorgegebenen Erzählung „Wir sind jene mit dem Durchblick“ und der Forderung „zurück in die Vergangenheit der alten Normalität“! Das Mitlaufen in der Herde vermittelte trügerische Sicherheit.

Aufgegeben wurde dafür die Freiheit der Selbstbestimmung. Selbsttäuschung ist einfacher als die Arbeit an der eigenen Weiterentwicklung. Die Form ersetzt die Inhalte. Die sind austauschbar, wenn die Struktur bekannt ist – zum Beispiel durch 60 Jahre Fremdbestimmung und Diktatur (1933 bis 1990), wie die Mitbürger in den neuen Bundesländern diese Lebenswirklichkeit erleben mussten und verinnerlicht haben.

Brandstifter und Profiteure, die aus der nationalistisch-konservativen Weltsicht nicht herauskommen und von „wir holen uns >unser< Land wieder zurück“ faseln, befeuern die Vorurteile durch ihre Abgrenzungsäußerungen und ihre Ablehnung der toleranten und zukunftsorientierten Akzeptanz anderer Lebensweisen.

Wer als Mensch über einen Zeitraum von 50 bis 60 Jahre nur eine Diktatur erlebt, in denen die Struktur nach dem Wechsel des Personals weiter Bestand hatte, in dem lediglich die Worte ausgetauscht wurden, der verinnerlicht bei solchen Sozialisationsbedingungen eine Herrschafts- und Machtform der Autokratie und Despotie. Dass das Misstrauen angewachsen ist, scheint als Folge nicht verwunderlich zu sein. Im privaten Hintergrund „blühen“ dann generationsübergreifend die Weltbilder des rechtsnationalistischen GRÖFAZes weiter, wie sich in Hoyerswerda und weiteren Orten schnell offenbarte.

Wenn zudem die Hoffnung auf eine offene Gesellschaft und die unhinterfragte „Sehnsucht“ nach Einführung des Neoliberalismus schnellstens sich als Luftblase erwies, die statt blühender Landschaften überwiegend das Gefühl des Betrogenseins und des Verlierers produzierte, dann ist die Akzeptanz des Rechtsradikalismus und des Verqueren-Denkens mit seinen irrationalen Blasen nur folgerichtig. Mit den Bedingungen des Neoliberalismus konfrontiert, potenziert sich in diesen Landstrichen die Ablehnung des demokratischen Staates. Die Feinde der offenen Gesellschaft erhalten weiteren Zulauf. Ein Prinzip kommt zum Vorschein, das so und ähnlich Entwicklungen in Ungarn, Polen, Türkei und den USA unter Trump ermöglichten.

Wehret diesen Anfängen! Denn wenn der Mensch nur noch zur Masse der „Leute“ transformiert wurde, fehlen alle Elemente einer positiven, zukunftsorientierten, freien und toleranten Gesellschaft. Dazu gehört, die Probleme der Zukunft anzugehen, die Harald Lesch in seinem Tele-Akademie-Beitrag eindringlich „Schafft die Menschheit sich ab?“ erörterte.

image_pdf(c) JvHSimage_print(c) JvHS

Kommentare sind geschlossen.