Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Der Verlust der Fähigkeit des Zuhörenkönnens

„Der Ästhet verhält sich zur Schönheit wie der Pornograph zur Liebe und wie der Politiker zum Leben.“ – Karl Kraus, Fackel 406/412

„Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr in der Lage sind, zu definieren, was Demokratie ist.“ JWB

Was kennzeichnete die Menschen in den Landesteilen, die bis 1990 einmal das Gebiet der DDR umfasste? Dem Autor dieser Kolumne ist bei der Fahrt übers Land (im Bereich der heutigen Bundesländer Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen) im Frühjahr 1990 prägend hängen geblieben: eine Hilfsbereitschaft und ein ehrliches Interesse an den Mitmenschen waren weitverbreitet– vor allem für und an jenen, die unverdächtig waren, zum Machtapparat der DDR-Führung zu gehören.

Und noch ein Eindruck ist bis heute tief im Gedächtnis verankert: die Fähigkeit bei den dort lebenden Menschen, zuhören zu können! Eine Fähigkeit, die Verlogenheit der Politik genau erkennen und dekodieren zu können.

Wo ist diese Fähigkeit heute geblieben? Denn wer den Zulauf und die Zustimmung zu einer Partei wie der AfD oder Figuren wie die des Ex-Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen oder Björn Höcke als Faschist betrachtet, muss konstatieren, dass diese ursprüngliche Fähigkeit bei vielen Menschen der ehemaligen  DDR allem Anschein nach verloren gegangen ist.

Es scheint so, dass die Sehnsucht nach individueller Entscheidungsfreiheit statt gängelnder Vorschriften durch den Staat die Zwischentöne falscher Versprechungen à la Kohls „blühender Landschaften“ nicht mehr erkennen ließ. Der Anfang vom Ende des Zuhörenkönnens. Dieser Verlust lässt bis heute die Menschen in alte Gewohnheiten zurückfallen: Strukturen der Überwachungheute auch vom Staat schlimmer als jemals von der Stasi praktiziert (*“Wie Facebook, Twitter, Youtube & Co unsere demokratische Kultur verändern!“) – werden nicht einmal mehr hinterfragt. Stattdessen verbreiteten sich Selbst- und Fremdtäuschung – eine Annäherung an jene Eigenart, die auch in der alten Bundesrepublik die Menschen beherrschte. Auf diesem Feld scheint die Einheit hundert prozentig gelungen zu sein. 

Einschub: Individuelle Entscheidungsfreiheit zeigt sich heute als:

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Denn: Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Karl Kraus

Parteien, die das „Solidarische“ als tragenden Teil der Demokratie betonen, werden im Jargon der Faschisten und Nazis als „links-grün-versifft“ diskreditiert und abgelehnt. Stattdessen wird das „nationalistische und ausgrenzende Verhalten“  als Haltung und Gesinnung wieder hervorgekramt aus dem niemals abgelegten und verarbeiteten – und scheinbar genetisch verankerten – familiären und privaten Geschichtsverständnis. Sozusagen als Bestätigung der These: DDR war die Fortsetzung der diktatorischen Verhältnisse seit dem Nationalsozialismus, gleiche unterdrückende Strukturen, nur die Worthülsen wurden geändert. (Dass auch in Westdeutschland bis Ende der 1960 Jahre im Bildungs- und Justizwesen das Denken der alten Nazis verankert war, muss ebenfalls erwähnt werden! Jedoch erfolgte durch die 68er Generation eine Loslösung und Kritik am „Muff von tausend Jahren“ und die leidvolle Erfahrung des Irrweges von „Anti-Autoritärer Erziehung“.). Das Vermächtnis der Faschisten deutscher Prägung als Heilsbringung und Weg heraus aus der Geringschätzung und Erfahrung, nur Menschen zweiter Klasse im neuen Gesamtdeutschland zu sein, lässt – mit einer Verspätung von einem viertel Jahrhundert – die Menschen in den neuen Bundesländern ebenfalls den leidvollen Irrweg von „trail and error“ gehen.

Und weil der Verlust der Fähigkeit zuhören zu können schleichend sich breitmachte, fehlt heute diese Fähigkeit, um die Ursachen für ihre Benachteiligungen im Neoliberalismus zu verorten! Die Flucht in die Arme von AfD und Faschisten ist wie vom Regen in die Traufe zu kommen. Und wer glaubt, „Armin, der edle Ritter“ sei die Rettung, der macht aus dessen Fremdtäuschung einen Selbstbetrug. Jeder hat immer eine Wahl, die Verantwortung für die Folgen ist jedoch immer von jedem einzelnen zu übernehmen. 

(*) Siehe Wolfgang Lieb auf Telepolis

Teil 1

Teil 2

Teil 3

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