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Kein „Weiter-so-wie-bisher“ in der Regierung, sondern Abgabe von Macht an Bürgerräte mit Entscheidungskompetenz

„Der Macht, die diese Gesellschaft über den Menschen gewonnen hat, wird durch ihre Leistungsfähigkeit und Produktivität täglich Absolution erteilt.“ – Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch

„Der Philosoph, der in der Öffentlichkeit eingreifen will, ist kein Philosoph mehr, sondern Politiker; er will nicht mehr nur Wahrheit, sondern Macht.“ – Hannah Arendt, Wahrheit und Politik

„Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.“ Michel Foucault

Evolutionär gesehen, scheinen die Prinzipien der Anpassungsfähigkeit und der Widerstandsfähigkeit erfolgreiche Strategien zu sein. Je nach den vorherrschenden Rahmenbedingungen äußern sich die genannten Prinzipien in Form von Größe, Masse und Gewalttätigkeit einerseits, oder Wendigkeit, Genügsamkeit, Kleinheit und Schutzsuche andererseits. Verstellung und Täuschung oder Unauffälligkeit und  Tarnung erweitern das Portfolio der Möglichkeiten ebenso, wie Protzen, Blenden und sich mit fremden Federn schmücken. Alles beobachtbare Erscheinungen, die auch in menschlichen Gesellschaften als Teil der Evolution sichtbar sind.

Aktuell ist der Begriff „Resilienz“ ein wichtiger Bestandteil im menschlichen Leben, um den persönlichen wie gesellschaftlichen Krisen standhalten zu können. Resilienz-Beratung und –Angebote im Rahmen der betrieblichen Fortbildung dienen dazu, die Arbeitskraft zur erhalten, in dem Methoden der schnellen Erholung (am Wochenende, im Urlaub) und Aufladung der „Akkus“ erlernt und angewendet werden sollen, um den Bedingungen der immer schneller werdenden Anforderungen im Beruf standzuhalten.

Dahinter steckt das Kalkül, das Optimum an Ertrag und Produktivität beim schaffenden Menschen herauszuholen. Diese Einstellung folgt der Logik, dass die dafür ursächlichen Rahmenbedingungen (globale Vernetzung der Ökonomie / Wettbewerb als Wachstums- und Verdrängungsmodell) nicht änderbar seien.

Statt Ressourcen (Lösungsmodelle) zur Verbesserung und Veränderung der Rahmenbedingungen vorzunehmen, wird das Augenmerk auf den Erhalt des bestehenden Systems gelenkt, um lediglich die Folgen und Auswirkungen des Systems zu mildern oder möglichst lange standzuhalten, und somit in utilitaristischer Gesinnung  den möglichst größten Nutzen erreichen zu wollen. Anpassung und Widerstand in Form von Selbstschutz werden in den Mittelpunkt gestellt – solange, bis der „Krug“ (das Subjekt, der arbeitende Mensch) bricht und ersetzt wird.

Diese Perspektivverschiebung auf das Standhalten von Einflüssen innerhalb aufkommender Krisen (Finanzkrise, Pandemien) und Katastrophen (Flutkatastrophen / Atomkraftwerkegaus / Umweltzerstörung) sind nicht nur das Individuum betreffende Verschiebungen, es betrifft das Grunddenken ganzer Gesellschaften und der dort praktizierten Politik.

Sichtbar ist aber auch gerade bei den Verantwortlichen der Politik, dass sie der Realität immer hinterherrennen. Der Demaskierung des Fortschrittglaubens hat sie – wie auch im Deutschland der CDU/CSU-Regierungen in den letzten 40 Jahren – nur ein „Weiter-so-wie-bisher“ entgegenzusetzen. Dazu gehört, dass die gesamtgesellschaftlichen Einflüsse und deren Lösungen auf die Ebene des Einzelnen gelenkt werden. „Leistung muss sich wieder lohnen“ ist dabei bis heute bei CDU/CSU und FDP mit neoliberalem Glaubensbekenntnis eine Ursache auch für den Hype bei der Resilienzstärkung. Es bleibt ein Herumdoktern an den Symptomen. Den Betroffenen im Arbeitsprozess bleibt jedoch nicht selten kaum etwas Anderes übrig, als ihre Arbeitskraft über diese Methode zu erhalten. Jedoch ist der einzelne arbeitende Mensch, der sich nur auf seine Resilienz konzentriert und die Voraussetzung für ein gelungenes Leben aus dem Blick verloren hat, dabei, mit seinem sehr verengten Blick auf die Wirklichkeit,  sich selber zu bestrafen.

Mit der Ausrichtung der Lösungswege der Politik auf den Selbstschutz und der Verminderung der Folgen (zum Beispiel beim Klimawandel) ist gleichzeitig der Blick für die notwendigen Veränderungen verstellt. Gehandelt wird nur noch in Form von Reaktionen – und nicht selten mit der Abwehr von Schuld bei der Verursachung oder dem „Nicht-rechtzeit-Handeln“ verbunden – anstatt vorplanend aus den schon gemachten negativen Ereignissen zu lernen.  Diese Rahmenbedingung prägt die Gesellschaft wie jeden einzelnen Menschen in der Form, dass schon mit einer negativen Erwartungshaltung auch die Vorliebe für das Misstrauen – das an vielen Ecken auch Bestätigung erfährt – sich zum allgemeinen Verhaltenskodex entwickelt. Der Blick auf den Selbstschutz und auf die eigene Verteidigung fördert die Entsolidarisierung und in der negativen Weiterentwicklung auch die Egomanie.

Dem entgegenzutreten, das gelingt am besten, offen für notwendige Veränderungen zu sein, dass bisherige System zu hinterfragen und das Prinzip des „Weiter-so-wie-bisher“ abzulehnen. Neue Vereinbarungen zur gemeinsamen Gestaltung der Gesellschaft sind zu treffen. Dazu gehört eine direkte Beteiligung durch Bürgerräte an den gesetzlichen Notwendigkeiten. Nicht durch Konzentration wesentlicher Inhalte auf ein Ministerium mit Veto-Recht ist der richtige Weg, sondern die Abgabe von Macht an Mitbestimmungselemente wie Bürgerräte mit Entscheidungsbeteiligung!