Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Erwachsen werden – persönlich, gesellschaftlich, menschlich

Aus der Kindheit in die Jugend und erwachsen werden. 

„Die Welt der Kindheit ist gerade noch da und alles ist in Ordnung. Und dann trifft dich Welt mit voller Wucht!“ 

Ein Satz, der im Film „About a Girl – Das Leben steckt voller Überraschungen“ den Wechsel von der Kindheit in die Pubertät und die Welt der Jugendlichen beschreibt. In der Konfrontation mit den vielen Facetten der Erwachsenenwelt scheint die Zukunft wie ein Blick aus einem dunklen Zimmer durch das Dachfenster in die Nacht. Der Halbmond leuchtet im einzigen freien Fleck der ansonsten von Feuchtigkeit und Wassertropfen bedeckten Scheibe zwar grell und dennoch nicht erleuchtend ins Zimmer. Die entstandene Bedrohlichkeit des unbekannten Lebens verdichtet sich in diesem Bild. Ein Symbol der Einsamkeit und des Alleinseins verankert sich  im Gedächtnis und besetzt die durcheinander gewirbelte Gefühlswelt.

Eine Fünfzehnjährige hat einen Suizidversuch gestartet und überlebt. Das Räderwerk des Staates und seiner Unterstützungs-Institutionen setzt sich in Bewegung – vom Jugendamt bis zur Psychotherapie. Und aus dem Behütet-Sein und dem Gefühl der Geborgenheit der Kindheit trommelt die Realität auf die Jugendliche ein. 

Die Neuverdrahtung im Gehirn, begleitet von Unsicherheit und unbekannten Gefühlen, Wünschen und impulsiven Handlungen führt nicht selten zur Verzweiflung bei Eltern und sich selbst. Erhöht sich die Komplexität des Lebens (Corona-Pandemie / Zukunftsängste) sind Suizidversuche bei Jugendlichen durchaus nicht selten. 

Wer überlebt, ist noch lange nicht gerettet. Der Umbau des Hirns – verbunden mit den Hormonstürmen und der Beantwortung der Frage: Warum hast du das getan? – lässt die Jugendlichen nicht aus der Verantwortung, die Neuorientierung zu bewältigen. Da bleibt oft nur die unbefriedigende Antwort übrig: Das weiß ich nicht! Zumindest zeitweise ist dies den Jugendlichen zuzugestehen. Erwachsene wird aber  zu Recht abgefordert, Verantwortung für die Neuorientierung (in einer Pandemie) vernunftgeleitet zu übernehmen und zu bewältigen. 

Heike Makatsch, als Mutter der suizidgefährdeten Fünfzehnjährigen, ergreift im Gespräch mit einer wenig souveränen Jugendamtsmitarbeiterin Partei für die Jugendlichen und ihre Nöten:

Erinnern Sie sich denn gar nicht daran, wie es war mit fünfzehn? Da wacht man als Jugendliche eines Morgens auf und hat tausend Probleme. Jungs, Pickel, Wirtschaftsmisere (oder Pandemie wie aktuell) … Niemand versteht einen, und man selbst versteht auch nichts mehr. Alle quatschen von der Liebe, von Verliebtsein und selbst versteht man gar nicht, was das sein soll. Auch, weil sich alles so dunkel und sinnlos anfühlt. Leute wie sie glauben, eine Jugendliche, die sich umbringt, da muss das Umfeld, die Eltern, Freunde, die/der Jugendliche selbst etwas falsch gemacht haben. Als Jugendliche glaubt man noch, dass man von Liebe allein leben kann…

Als Eltern muss man sich ständig entscheiden, ob man sein Kind beschützt, es kontrolliert oder zulässt, dass es sich wehtut. Aber viele Mitmenschen, einschließlich die Jugendamtsmitarbeiter und Entscheider in den staatlichen Institutionen ist Ordnung wichtiger, als die Liebe, das Mitgefühl und die Solidarität. Und Kontrolle besser als Vertrauen. Und die Entscheider, die so denken, meinen, dass sie uns kennen, weil einmal ein Hausbesuch gemacht wurde. Heute ist meine Mutter gestorben, und es ist verdammt schwierig, das Gespräch zu führen und ihre Vorurteile wahrzunehmen….

Wir versuchen ihr, die sich umbringen wollte, zu zeigen, dass wir sie lieben und verstehen… Meine Tochter wird nicht eingesperrt, sie wird lernen müssen, mit dem Leben zurechtzukommen. Denn solange sie ein Zuhause und eine Familie hat, wird sie nicht allein sein und muss nirgendwo hingehen.“

Wer in Zeiten einer Pandemie auf sich selbst zurückgeworfen wird, der wird unweigerlich mit seinen Schwächen und Stärken konfrontiert werden. Es hat den Anschein, dass viele der „Querdenker“ und „Spaziergänger“ die Verantwortung für sich und für die Gesellschaft zu übernehmen nicht in der Lage sind. Als wären sie in der Pubertät stecken geblieben. Eine leichte Beute für die Brandstifter gegen die Demokratie und die Ablehnung einer solidarischen Gesellschaft.

Während als Jugendliche Verhaltensmuster ausprobiert und nachgeahmt werden, aber nicht selten zu extremen Konflikten führen, begleitet von psychischer und körperlicher Gewalt gegen andere Menschen, bedeutet erwachsen zu sein, dass die Kompetenz vorhanden ist, sich nicht durch Gruppendynamik zum Mitläufertum verleiten zu lassen. Der Denkfaule, Denkunfähige schlägt gerne diese Sackgasse ein. Im Umfeld von Befehl-und-Gehorsam haben dann Ideologien wie der Faschismus und das Para-Militär stärkeren Erfolg. Idole und falsche Vorbilder verkommen zur Ersatzfamilie. 

Auch in einer Eiswüste lassen sich positive Signale setzen und finden.

Ziel des Lebens ist es, zu verstehen, dass der Tod, die Sterblichkeit des Menschen uns vor Augen führt, dass das Leben ein Geschenk ist. 

Diese Erkenntnis ist auch der Schlusspunkt des o.g. Films. Das zu erkennen, den Jugendlichen zu ermöglichen, ist Aufgabe von Eltern und Bildung.   

Und sich mit der Frage auseinander zu setzten, ob es Sinn ergibt, dass ein Mensch ewig lebt? Wünscht der Mensch sich das? Ist es nicht sinnvoller, „Carpe diem“ zu praktizieren und sich über jeden Tag und jeden Morgen aufzuwachen, freuen kann? Wenn der Mensch ewig lebt, dann wäre die Freude zu leben, die Schönheit in der Welt zu genießen, ja alles völlig egal!

 

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