Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Systemfehler – Selbstausbeutung bis zum Zusammenbruch

Kriege schaffen immer Freiräume der Barbarei – vom Holocaust bis zu den Kriegsverbrechern an der Menschlichkeit im Balkankrieg, dem Vietnamkrieg und jedem anderen Kriegsereignis in der Geschichte der Menschen. An die Barbarei in Kriegen erinnert mit einem Lehrstück über die „Bürokratie des Bösen“(siehe Protokoll der Wannseekonferenz!) der Film „Wannseekonferenz“ im ZDF

Ein Tag nach zwei Jahren im Leben der Pandemie lässt den aufmerksamen Beobachter mehr als nachdenklich zurück. Die menschenfeindliche Grundstimmung nimmt überhand – nachvollziehbar in der sich ausbreitenden Rücksichtslosigkeit gegenüber den anderen Menschen und gegenüber anderen Staaten.

Beginnen wir den Tag mit der Fahrt zum Discounter. Zum trüb-grau gefärbten Himmel passen die grauen und fahlen Gesichter der eilig aneinander vorbeilaufenden Mitmenschen. Obwohl Windstille vorherrscht, rast der Straßenverkehr vorüber. Am Steuer der Kastenwagen der Handwerker oder Lieferanten ist kaum einer der Fahrer ohne Mobilphone am Ohr zu sehen. Kaum denkbar, dass die Aufmerksamkeit beim Fahren liegt. In der auf zwanzig Km/h begrenzten  Fahrgeschwindigkeit auf der Straße zu einem Wohngebiet wird aufs Gas gedrückt, um die Grünphase an der Kreuzung noch zu erwischen. Drei Kfz fahren bei gelb-rot bis rot noch in die Kreuzung rein. Ausfahrten sind ebenso wie die Kreisverkehre auf den nächsten zwei Km echte Gefahrenzonen – beinahe Unfälle im Kreisverkehr sind ständig wahrnehmbar, denn Vorfahrt hat der, der sich diese erzwingt.

Scheinbar sind die Mitarbeiter der Tief- und Hochbauarbeiten sowie des Baunebengewerbes in der Tretmühle so drin, dass der Tag ohne Frühstück und ohne Verpflegung für den Arbeitstag begonnen wurde. Die Anzahl der Kasten- und Pritschenwagen ist am frühen Morgen besonders hoch im Parkplatzbereich der Discounter. Belegte Brötchen, Café-to-Go und Chipstüten scheinen das Frühstück zu ersetzen. Drängeln erweist sich als dominantes Verhalten. Von draußen ertönt das Hupen der wartenden Kollegen. Der Arbeitsbeginn beim Auftraggeber wird sich verzögern.

Im Laden der bekannten Discounter agiert eine einzige Kassiererin und versucht den  Ansturm zu bewältigen. In der Gemüseabteilung überwiegen halbleere Regalteile oder an verschiedenen Stellen begrüßen nicht aussortierte und nicht mehr frische Waren den Kunden. Der Personalmangel ist offensichtlich – oder vielleicht auch nur schlechte Personal-Einsatz-Organisation. Die galoppierenden Infektionszahlen lassen aber vermuten, dass in vielen Unternehmen und Arbeitsbereichen die erkrankten Mitarbeiter nicht mehr ersetzt werden können.

Darauf weisen auch die bestenfalls abgesagten Handwerker-Termine oder das Nichterscheinen zum vereinbarten Termin hin. Zum Beginn der Woche war im Bildungsbereich schon Lehrpersonal ausgefallen, wie Schüler ihren Eltern oder Großeltern erzählten. Letztere springen immer öfters für Eltern ein im Falle erkrankter und in die Quarantäne verbannten Schulpflichtige. In den Schulen selbst dominieren dann bei Ausfall mehrerer Lehrer die Aufgaben der noch gesunden Kollegen, auch zwei Klassen gleichzeitig zu betreuen. Die Qualität dieser Unterrichtszeiten nimmt dann noch weiter ab. Denn die Betreuung in der Schule muss gewährleistet sein, wenn Grund- und Orientierungsstufe (1. Bis 6. Klasse) betroffen sind.

Wer Familienangehörige bei der öffentlichen Verwaltung, dem Gesundheitswesen oder bei der Polizei beschäftigt weiß, kennt auch die Auswirkungen der Pandemie auf diese Berufe. Die Arbeit wird auf die vorhandenen Beschäftigten verteilt, Mehrarbeit und Doppelschichten sind keine Seltenheit.  

Im produzierenden Gewerbe machen sich in diesen Zeiten die vertraglichen Knebel der Auftraggeber bemerkbar, die – wie in der Automobilproduktion – „Just-in-time“-Vertragsverhältnisse vorfinden. Das System der Auslagerung der Lagerkosten auf die Straße und des Risikos einer Produktionsablauf-Störung, die der Zulieferer zu tragen hat, ist systemimmanent und dient der Gewinnmaximierung zu Lasten der Allgemeinheit. Die Straßenbelastung durch den LKW-Verkehr, der Zeitdruck beim Zulieferer und das Kostenrisiko durch Regress-Strafen bei nicht rechtzeitiger Lieferung sowie der damit verbundene Stress werden nicht zuletzt auf das Personal im Zulieferunternehmen verlagert. Die Selbstausbeutung hat System und Konjunktur. Die Steigerung erfolgt unweigerlich in Pandemiezeiten.

Die Profiteure sind augenscheinlich die Investoren und Anleger, die von den Gewinnmargen der großen Konzerne ihre leistungslosen Einkommen vermehren. Begünstigt wird dieses System durch willfährige Politik und Gesetzgebung. Das neoliberale Prinzip, Kosten verallgemeinern, Gewinne steuerprivilegiert zu privatisieren, ist global verankert.

Resilienz-Konzepte sollen die Verfügbarkeit der menschlichen Arbeits-Ressourcen möglichst lange erhalten und bereithalten. Das gesundheitsschädliche System offenbart jedoch in Pandemie-Zeiten, wie anfällig es ist, wenn die menschliche Ressource nicht mehr bedarfsmäßig zur Verfügung steht. KI-gesteuerte, automatische Produktionsprozesse stehen noch nicht so umfänglich zur Verfügung, um die menschliche Ressource nicht mehr zu benötigen.   

Der Streit um die Rohstoffe, die als materielle Ressource benötigt wird, spitzt sich parallel in den altbekannten West-Ost und Nord-Süd-Konflikten wieder zu. Exemplarisch stehen dafür – neben den Kriegsschauplätzen im Vorderen-Orient – nun auch die Krise zwischen Ukraine und Russland. Der Frieden ist jetzt auch in Europa gefährdet. Das alte Spiel der Bündnisfolgen droht Gesellschaften in nicht gewollte Kriege hereinzuziehen. Da möchte man den Menschen zurufen: „Überlasst das Schicksal der Völker nicht einzelnen Machthabern und den Waffenproduzenten und noch weniger den Selbstdarstellern in ihren ideologischen Blasen.“

Aber, anstatt dass die Menschen für den Frieden auf die Straße gehen, gehen sie den Brandstiftern mit den Querdenken-Themen auf den Leim. Die Grundstimmung zur Gewalt wird schon immer mehr ins Alltagsgeschehen installiert.

Am Abend, wenn wieder ein Tag in der zweijährig andauernden Pandemie zu Ende geht, stehen immer brutaler agierende Krimis als „Entspannung“ zur Verfügung, oder TV-Formate, welche das Gegenüber mobben, im immer respektloser werdenden Gegeneinander ausschalten soll und mit niedrigen Instinkten hintergehen, erniedrigen und sexuell agierend einen gläsernen Wettkampf ausfechten sollen. Voyeurismus als überwiegende Aktivität anstatt Nachdenken über ein gelingendes Leben in Frieden und den Weg dorthin.

Schöne neue Welt, die ablenkt von den drohenden realen Gefahren um die Demokratie und das jeweilige Leben.

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