Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Unzureichende Vorbereitung der Menschen auf ihre Geschichte – Wohin steuert zukünftig die Geschichte?

Wer aufeinander zufährt, muss Regeln beachten, will er überleben.

„Die Weltgeschichte geht von Osten nach Westen, denn Europa ist schlechthin das Ende der Weltgeschichte, Asien der Anfang.“ – Georg Wilhelm Friedrich Hegel

„Geschichte ist nur das, was in der Entwicklung des Geistes eine wesentliche Epoche ausmacht.“ – Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte

„In der Weltgeschichte ist nicht jedes Ereignis die unmittelbare Folge eines anderen, die Ereignisse bedingen sich vielmehr wechselseitig.“ – Heinrich Heine

„Wer die Enge seiner Heimat ermessen will, reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere Geschichte.“ – Kurt Tucholsky

Der trügerischen Gewissheit folgend – die in den letzten 30 Jahren das Denken der Menschen beherrschte – dass die westlich orientierte Welt des US- und EU-Neoliberalismus das ersehnte Fundament wäre, auf dem eine wohlstandssteigernde, friedensorientierte Ordnung  erst möglich sei, das stellte sich als Selbst- und Fremdtäuschung heraus.

Rückblickend analysierend kristallisiert sich die Erkenntnis heraus, dass sowohl die Ungleichzeitigkeit der Entwicklungen, wie auch die geschichtlich bedingten unterschiedlichen Erfahrungen einen Gleichschritt zu einer demokratischen und solidarischeren Lebenswelt verhinderten. Dabei wurden sogar auch gegenläufige Einflusskräfte hin zu egomanisch gefärbten und vergifteten Tyranneien und Diktaturen übersehen respektive ignoriert.

Im Schatten dieser Weltsicht etablierten sich Figuren wie Putin, Erdogan, Orban, Xi-Jinping. Mit ihrer strukturellen Gewalt und ihren Unterdrückungssystemen konnten sie ihre Macht festigen. Gleichzeitig agierten die neoliberalen Finanzakteure und bauten ihrerseits eine Finanzmacht auf, die die Menschen von anderer Seite her in die Zange nahmen und nehmen.

  • Wir sind nicht vorbereitet auf das rechtzeitige Verhindern von Machtentwicklungen im ökonomischen Bereich (Vermögensverwalter und Privatisierungskampagnen der Finanzmächte).
  • Wir sind als Gesellschaft zudem nicht vorbereitet auf die Abwehr von Autokraten und Gewaltherrschern, die Kriege, Kriegsverbrechen, Unterdrückung und Freiheitsberaubung als Mittel nach innen wie außen einsetzen.
  • Die Aufklärung – als grundsätzliche Sicherung gegen Manipulationen, gegen Verschwörungstheorien als Mittel der Fremdsteuerung, gegen Meinungsmache und Propaganda durch die  Machtinhaber – ist noch immer nicht bei der Mehrheit der Menschen angekommen. Evidenz gestützte Geschichte, logisches Denken und naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten werden zumeist durch Emotionalität und überbordende Gefühlsduselei verdrängt.
  • Wir sind weder vorbereitet auf die Folgen menschengemachter Katastrophen (Klimawandel, Lieferketten-Abhängigkeiten, Armutsausbreitung, Kriege, Wasserknappheit, Hunger und Seuchen) noch bereit zum Diskurs und zur notwendigen Selbstkritik im politischen und ökonomischen Umfeld. Stattdessen werden vorhandene Plattformen der sozialen Medien (Twitter, Facebook, Instagram) und der öffentlichen Medien zur Selbstdarstellung, Beweihräucherung und der Abwehr der Haftung für verursachten Schaden genutzt. Die gesellschaftlichen wie individuellen Ressourcen werden zur Vermeidung von Verantwortungsübernahme und zur Absicherung möglicher Haftung eingesetzt, anstatt in solidarischer Mitarbeit an der Reduzierung von Fehlern und zur Verbesserung der Prozesse des gemeinsamen Handelns zu agieren.

Und obwohl mal wieder in der menschlichen Geschichte wir an dem Punkt gelangt sind, dass der Sturz in eine noch größere Katastrophe durch nicht mehr beeinflussbare Entwicklungen eine reale Gefahr darstellt (Atomkrieg, unumkehrbarer Klimawandel, der den Globus zu einen für Menschen unbewohnbaren Planeten machen wird u.a.), starren die meisten Menschen auf diese  nahe Zukunft wie das Kaninchen auf die zischelnde Schlange vor ihm.

Der Diskurs, ob die menschliche Geschichte A:wellenförmig, B:linear fortschreitend, C:dialektisch hüpfend, D:disruptiv urplötzlich ein neues Zeitalter einläutend oder E: sich in viele irrlichternde Narrative verlaufend darstellt, wird bisher gesellschaftlich und politisch nicht geführt.

,,Alles geht, alles kommt wieder, aber stetig ist Wechsel vorhanden“, formulierte Nietzsche sein Geschichtsverständnis. Schlussfolgernd lässt sich formulieren: So werde es immer Herrscher und Unterdrückte geben, wie es Ausbeuter und Ausgebeutete gebe, seit Menschen den Planeten besiedeln. Und was juckt es die Natur, ob der Mensch vergehen werde, weil der Klimawandel das Leben nach Menschen Art nicht mehr ermöglichen wird?

Kant setzte auf  die Entwicklung der Vernunft, verpflichtete sich dem Narrativ von der Aufklärung als ein in der Geschichtsentwicklung immanent enthaltener Fortschritt. Und Darwins Evolutionstheorie setzte ebenfalls auf die lineare  und fortschreitende Entwicklung der Geschichte als Abfolge von Ursache und Wirkung. Bis in die Psychologie wirkt dieses Geschichtsnarrativ und biologische Muster für das Überleben, weil die Anpassung – egal ob als Leid durch Kriege und Ausbeutung, durch Umweltbeeinflussung wie Klimawandel und Naturkatastrophen –  das Überleben am besten sichern  könne.

In diesem Erkenntnishorizont kommt durch Hegel, Marx und Adorno noch die Dialektik als Zutat zur Vernunft und Evolution dazu. Anders als Kant wird Vernunft nicht als apriorische menschliche Grundausstattung verstanden, sondern ist erst durch Lernen zu erwerben. Sie ist Teil einer Entwicklung, in dem der Fortschritt als Bewusstsein von Freiheit verstanden wird. Das Narrativ der menschlichen Geschichte ist der ständige Kampf – geografisch, ökonomisch und ökologisch – von der Unfreiheit hin zu einer bewussten Freiheit, um das eigene und gesellschaftliche Leben gestalten zu können. Marx betonte dabei, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Die universelle Fortschrittsentwicklung  der Geschichte liegt deshalb nicht alleine in der Entwicklung des Bewusstseins als einzige Form des Geistes, sondern wird zudem bestimmt von den Umwelt- und Lebensbedingungen der Menschen, die Marx mit Fokus auf die Produktionsverhältnisse und Produktivitätskräfte betrachtete. Und Adorno geht noch einen Schritt weiter, in dem er die negative Seite der Dialektik in den Blick nahm. Jeder technische Fortschritt verschlimmert die Lebensbeeinflussungen der Menschen, weil keine moralische Verbesserung damit einhergehe. (Wer sich die Verarmung des ethisch-moralischen Zustandes der Menschheit trotz oder gerade wegen des technischen Fortschritts der IT- und KI-Forschung anschaut, kann einer Bejahung dieser Adorno´schen Beurteilung sich nicht entziehen. „Echter Fortschritt hinsichtlich dieses Geschichtsverständnisses ereignet sich dort, wo er in seiner negativen Form endet“, lautet sein Fazit.

Zum Verständnis, was das disruptive Geschichtsnarrativ beinhaltet, mag der aktuelle Kanzler herhalten: Wie „mit der Bazooka schlägt der Blitz zur Rettung der ökonomischen Katastrophen“ ebenso ein, wie mit dem Ukraine-Krieg sich eine „Zeitenwende“ vollzogen hat. Und auch Trump ist nach diesem Geschichtsverständnis wie der Ausbruch eines Vulkans über die Menschheit hereingebrochen. Der Kern dieses Weltverständnisses ist dann wohl in der Äußerung wiederzufinden: „Da kann man nichts machen!“

Während Michel Foucault Geschichte noch als Geschichte der Herrschaften versteht, legt er deswegen seinen Fokus auf die Mechanismen der Bestrafung, der Kontrolle und Überwachung als Mittel der Herrscher, die gesellschaftliche  Entwicklung zu beeinflussen, wird Geschichte zukünftig geprägt sein als eine Epoche des Ringens um verschiedene Wahrheiten (Querdenker, esoterische Traumtänzer gegen Vertrauensverlust behaftete Wissenschaft, Propaganda in Russland zur Betäubung des eigenen Volkes). Geschichte wird weder kontinuierlich, noch konsistent und konsequent wissenschaftlich sich zukünftig  zeigen, sondern wird als ausgefranste  Teilchen sich gegenseitig behindernd und von sinnvollen wie unsinnigen Narrative beherrscht, unstrukturiert durch die Welt vagabundieren. Als Folge werden Spaltung, Radikalisierung und Gewalt die gesellschaftlichen Prozesse dominieren und nicht selten in weltweiten Konflikten und Kriegen münden.

Welchen Einfluss diese heute schon sichtbaren Entwicklungen auf das „Sein“ der Menschen haben wird, und wie sie das „Bewusstsein“ bestimmen werden, das steht in den Sternen und ist eine gewaltige Aufgaben für die nachkommenden Generationen.

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