Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Tucholsky und die Satire

Erkenntnis2b

Der Affe, der Erkenntnis sucht

 

„Satire darf alles“, schrieb Kurt Tucholsky am 27. Januar 1919 im „Berliner Tageblatt“. Aber Tucholsky hat durchaus diese Schlussfolgerung erst gezogen, nachdem er erläutert hat, wo die Grenzen von Satire bestehen. Damals schloss er definitiv Krieg und Gewalt aus, selbst wenn das Thema „nur“ die Mittel zum Zweck betraf, in dem er formulierte:

„Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine!“

Und in der Zeichnung oder dem Text, welche für sich in Anspruch nehmen, Satire zu sein, beschrieb Tucholsky:

„Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.“

Dabei bleibt er in seiner Welt, dem Zeitgeist der Zeit von 1900 bis 1930 und nimmt die damaligen Themen unter die Spitze seiner Feder: den prügelnden Unteroffizier, den stockfleckigen Bürokraten,  den Rohrstockpauker und das Straßenmädchen, den fettherzigen Unternehmer und  den näselnden Offizier. Zeitgeistige Figuren eben.

So entblößt Satire einerseits ggf. den Satiriker selbst, oder andererseits den Lügner, Betrüger, Menschenverachter jeglicher Couleur als Gegenstand der Satire.

Heute ist es der neoliberale Unternehmer, der in Bangladesh die Frauen in der Textilindustrie ausbeuten lässt. Der Politiker, der versucht, seine Privilegien als Dienst am Wahlvolk zu verkaufen. Der Religionsführer, der den Mord als “Heiliger Krieg” verbrämt und die vielen Managementsöldner, die nur Verantwortung für das eigene Wohl in den Mittelpunkt stellen. Hier darf und muss Satire diese Seite der Wahrheit in den Vordergrund zerren.

Wie tief aber der neoliberale Geist schon in die Köpfe und Wohnzimmer gekrochen ist, machte in der Tradition von Tucholsky und der Weltbühne der Kabarettist Georg Schramm mit seiner Festrede “Bürgerliche Wohltätigkeit” (Rede im Steigenberger Insel-Hotel Konstanz) klar.

Dass darüber hinaus der Schritt vom “Unwort”: – Leistung muss sich wieder lohnen – zur Pegida-Denke nur ein kurzer ist, kann nicht oft genug betont werden. Die Struktur des Vorurteils und der Hetze ist beiden gleich imanent.

Da mag jede noch so große rhetorische Fähigkeit schnelle Anerkennung finden, für die mechanistische Fähigkeit zum logischen Antworten auf Aussagen und Texte der Beifall eingeheimst werden, zwischen den Zeilen ist dennoch immer die Gesinnung und das Menschenbild ersichtlich.

Und wenn dieses erkennbar das Gegenüber niedermacht, den Respekt verweigert und nur die Schwächen entblößt, dann muss dies auch als Unfähigkeit zum Mitgefühl und vermutlich als misanthropisch benannt werden.

Denn wenn Gesinnungsethik die Verantwortungsethik verdrängt, dann ist das Zusammenleben nur noch schwer möglich. Die Gewalt in den verschiedensten Formen lugt dann schnell um die Ecke. Da wird auch mit dem Weghängen eines Mantels, oder mit dem Anlegen eines uniformen Kleidungstückes nur ein äußerliches Signal gesendet, aber keineswegs die Gesinnung geändert.

Zu viele haben sich im neoliberalen Wohlstandseckchen kleinbürgerlich eingerichtet mit den Brosamen der Mächtigen und Vermögenden. Da ist die Solidarität auf der Strecke geblieben. Und Satire, die nicht diesen Zustand aufgreift, der Kumpanei und dem Vernetzungsterror – egal ob in Foren, Parteien oder Arbeitskollegien – den gespitzten Bleistift oder die Freischreibertastatur entgegen hält, ist in der Tat eine „neoliberale Pseudosatirik eines Mittelstandshumoristen“, wie Henning Venske den durchaus mit diesen Attributen versehenen Dieter Nuhr benannte.

Satire darf, muss boshaft sein, aber unbedingt und immer ehrlich. Satire muss übertreiben und überspitzen, um die Wahrheit übergroß aufzublähen. Aber damit steht sie dem Dilemma gegenüber, was ist die Wahrheit?

Ein Leitfaden, für Tucholsky wie für heutige Satiriker,  was Satire war und welche Themen für den Satiriker bleiben müssen:

  • die Verteidigung der Freiheit, (egal, wer sie einschränken will!)
  • die Benennung der Verletzung der Menschenwürde, (egal von wem verübt!)
  • die Gefährder der Meinungsfreiheit aufzeigen, (egal, wer sie einschränken will!)
  • die Auflistung der Unterdrückung vornehmen,
  • die Vereinnahmung der Welt durch Gier und Gewalt benennen und aufzeigen.

Satire darf alles, wenn Lüge als Lüge, Betrug als Betrug und Mord als Mord benannt wird. Satire darf alles, wenn der Heuchler als Heuchler benannt wird und ein Verbrecher als Verbrecher dargestellt wird. Egal ob der so demaskierte als Politiker, Unternehmer, Mittelstandshumorist, religiöser Fanatiker oder als Banden- und Sektenmitglied agiert, die Fehlleistung darf in der Satire aufs Korn genommen werden.

Wenn aber der Unterdrücker, Mörder, Menschenverächter, Betrüger und Fremdenhasser seine Vorstellungen in Zeichnungen und Texten versucht zu verbreiten, dann ist dies – auch wenn die Stilmittel der Satire benutzt werden – eben keine Satire. Dort findet sie ihre Grenzen. Denn Hetze bleibt Hetze und Vorurteile bleiben Vorurteile.

Wer sich  der Opfer von Charlie Hebdo bedient, dem sei der herbe Kommentar von Deniz Yücel empfohlen.

Ein Pegida-Teilnehmer mit einer Trauerschleife um den Arm, ein Herr Gauland mit einer Trauersymbolik beim Pegida-Aufmarsch ist wahrlich ein Thema für Satiriker und Zeichner a lá Kurt Tucholsky. Die hätten das Thema Heuchelei daran nachvollziehbar gemacht. Bei Satire Zeichnungen hat das Bild leider nicht das letzte Wort. Denn Zeichungen können besetzt und uminterpretiert werden. Im Falle von Charlie Hebdo leider auch von Fremdenhassern und Faschisten, das ist die eigentliche Tragik.

So bleibt nur die Erkenntnis: Wer sich auf Tucholskys Satz zum Thema Satire beruft, sollte den gesamten Kontext zu „Satire darf alles“ schon berücksichtigen. Satire hält alles aus, solange sie wahrhaftig bleibt.

Oder wie der Autor Harald Neuber schrieb: Gute Satire hinterfragt Probleme, spitzt sie zu und polarisiert. Schlechte Satire urteilt ab und spielt mit rassistischen Stereotypen.

Denn nichts ist erregender als die Wahrheit. (Karl Kraus)

Update: 10.01.2015 19.45Uhr

Heribert Prantl in der SZ

Nicht nur die AfD, auch etablierte Parteien aus der Regierungskoalition versuchen Kapital zu schlagen aus den Morden. Prantl verweist zurecht auf das der Heuchelei naheliegenden Verhalten der CSU.

Update 11.01.2015

Vom Mensch und den Leuten

Besonnenheit schließt Mitgefühl und Mittrauer nicht aus. Aber die griffige Formel von “Je suis Charlie” ist durchaus zu ergänzen mit differenzierteren Gedanken. Eine Gesellschaft, die Toleranz als Grundstein des Miteinanders versteht, muss die verschiedenen Stimmen nebeneinander zulassen. Was sie nicht zulassen muss, ist der Aufruf zur Hetze, zum Ausgrenzen, zur Gewalt und zur Gefährdung des Lebens durch Vorurteile – auf keiner Seite.

Nur wer miteinander redet, kann seine Standpunkte ungefährdet klar machen. Dass das Zuhören und Arbeiten an einer Lösung unhaltbarer Zustände dann folgen müssen, ist selbstredend.

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