Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Die Macht der Totengräber

In memoriam:  Freiheit, Demokratie und alternative Lebensentwürfe außerhalb der neoliberalen Geschäftsmodelle.

Kopfarbeit-kl2

Auf den Nachdenkseiten wird ein Gedicht von Wolfgang Bittner veröffentlicht. An dieser Stelle sei darauf verwiesen wie auch zitiert:

Totengräber

von Wolfgang Bittner

Sie lesen unsere Mails,
sie kennen unsere Kontakte,
sie lesen, dass wir sie
Verbrecher nennen.

Sie hören, was wir sagen,
sie hören, worüber wir traurig sind,
sie hören, dass wir wütend sind,
sie hören, dass wir sie
gewissenlos nennen.

Sie kennen unsere Vorlieben,
sie kennen unsere Abneigungen,
unsere Krankheiten,
unseren Kontostand,
sie wissen, was wir kaufen,
sie wissen, wen wir lieben.

Sie sammeln und registrieren,
sie spitzeln und diffamieren,
sie zerstören Existenzen,
verantwortlich für Umsturz und Mord,
sie sind legal-illegal,
Hunderttausende.

Sie wissen, was sie tun,
sie kennen die Verfassung,
die sie missachten,
sie wissen, dass wir sie hassen,
aber sie machen, was sie wollen
und was geduldet wird
von den Totengräbern
der Demokratie.

(In memoriam Aaron Swartz)

Macht der Totengräber

Macht bedeutet in der Definition von Byung-Chul Han, von  der Freiheit des Anderen Gebrauch machen, sich ihrer bemächtigen. Wer das Mitmachen bei Facebook betrachtet, wird erkennen, dass Facebooks Macht darin besteht, dass die meisten Menschen mitmachen wollen. Sie sagen ja und geben ihre Entscheidung nein zu sagen, freiwillig ab. Sobald sie im System erfasst sind, wirken dessen Strukturen.

Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han argumentiert in seinem neuen Buch »Psychopolitik«, Foucault habe übersehen, dass das neoliberale Herrschaftssystem genau diese »Sorge um sich« für sich vereinnahmt. AN DIE STELLE VON Foucaults »Biomacht« setzt Byung- Chul Han die »Psychomacht«:

Von äußeren Zwängen haben wir uns befreit, so die These, heute unterwerfen wir uns inneren Leistungs- und Optimierungszwängen, die wir fälschlicherweise als Freiheit interpretieren. Ob wir uns im Netz freiwillig entblößen oder per Smartphone unseren Körper überwachen: Wir glauben, nur unserem Willen zu folgen, tun aber freiwillig das, was das »neoliberale Regime« von uns will. Das wäre Macht in letzter Perfektion. Zitatende (Quelle: Hohe Luft Ausg. 6/2104)

 

Max Weber definierte:

„Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“.

Die Qualität von Macht wird bestimmt durch die Ressourcen und die Verfügung darüber. So erfolgt im Chaos des Naturzustandes oder auch im Vakuum nach der Zerstörung eines Rechtsstaats oder dem Zusammenbruch von Staaten die körperliche Gewalt als erster Ressourceneinsatz zur Sicherung einer temporären Macht. Aufrüstung mit Werkzeugen kann als neue Ressource zur Veränderung der Machtverhältnisse führen. Eine Aufrüstungsspirale wird damit in Gang gesetzt.

Demokratie im Visier - Freihandel dient nur den Konzernen

Demokratie im Visier – Freihandel dient nur den Konzernen

Ressourcenverfügbarkeit bedeutet, mehr Freiheiten zum Einsatz derselben z.B. in Form von Algorithmen und Informationsdatenbanksystemen (Google, Facebook, NSA) zu haben. Daraus erwachsene Geschäftsmodelle ignorieren die Freiheit der Anderen (z.B. anderer Lebensmodelle), binden Gesetzgebung und Vertragswerke in ihre Ressourcenverfügbarkeit ein. Jede Gefährdung der Geschäftsmodelle wird bekämpft.

Aaron Swartz  erkannte, dass die Geschäftsmodelle der Vereinnahmung, Bereitstellung und Filterung von Daten Freiheitsgefährdung bedeuten. Wissen sollte allen Menschen zur Verfügung gestellt werden und zwar kostenlos über die Bildungssysteme – vor allem, weil diese schon gezahlt hatten. Zudem erkannte Aaron Swartz, dass die Generierung von Wissen im Sinne einer bestimmten Weltsicht oder juristischen Auslegung zur Stabilisierung und Pseudo-Argumentation der Geschäftsmodellinhaber oder deren Investoren führten. Anhand von Untersuchungen der Fachzeitschriften-Datenbanken ließ sich diese Manipulation nachweisen. Machenschaften hinsichtlich dieser „Machtverknüpfungen“ aufzuklären, war nicht im Sinne der Geschäftsmodellbetreiber.

In einem TV-Beitrag wird Swartz`Leben nachgezeichnet. Ein Lehrstück für die Ausschaltung der Gefährdung von neoliberalen Geschäftsmodellen durch die Zusammenarbeit von staatlichen Behörden, durch das Schweigen von Institutionen (MIT) und den staatlichen Rahmenbedingungen.

Alternativer Link zum TV-Beitrag.

 

Die Ausschaltung von Whistleblower ist somit Strategie zur Sicherung von Macht, die am besten funktioniert, wenn sie durch vordergründige Abwesenheit glänzt und systemisch im Hintergrund wirkt.

Filtersystem wie bei Twitter oder bei Facebook führen zur fremdbestimmten Auswahl der Verfügbarkeit von Wissen und Informationen. Filtersysteme der NSA führen zur Spionage und Überwachung von Wissen und Informationen.

Weil die Ideologie des Antikommunismus in den Zeiten des Kalten Krieges, sowie die Ideologie des Neoliberalismus seit Mitte der 70er Jahren in Europa sich ausbreiteten konnten und inhaltlich unhinterfragt von allen Medien breitgetragen wurden, unterstützt von Instituten wie die des INSM und ihrer Adepten, zeigten sie ihre Wirkung in der Bevölkerung. Dies war der Boden für den „medialen Gehorsam“ und des unkritischen Medienkonsums. Die Bereitschaft, sich selbst in dem herrschenden Machtgefüge als Teil zu verstehen, der sich bis zum Ausbrennen ausbeuten ließ, war medial gut vorbereitet und über große Teile der Bevölkerung wirksam.

Sogenannte Alternativen im politischen Umfeld erzeugen ebenso Abhängigkeiten, die nur Pseudo-Alternativen darstellen und noch direkter in die Diktatur führen. Die “Armseligkeit für Deutschland” ist ein exemplarisches Beispiel dafür.

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Macht wird wirksam und wir merken es nicht, sondern fügen uns gehorsam ein in das System der Ausbeutung.

Zitat und Auszug:

Perfektionierte Macht legt nicht nur die Regeln fest, sie steuert auch den Willen des anderen. Erweitern wir die Definition der Macht ein zweites Mal: A hat Macht über P, wenn A die Wünsche und den Willen von P mitgestalten kann. Das ist die stille, die unauffällige, die wirkungsvollste Form der Macht. Wir können also drei Entwicklungsstufen der Macht unterscheiden: Plumpe Macht setzt Willen gegen Willen durch. Raffiniertere Macht setzt dem Willen des anderen den Rahmen und die Regeln. Macht in höchster Raffinesse greift nach dem Willen des anderen selbst.

 Der späte Foucault verstand unter Macht schlicht die Gesamtheit der »Strategien«, mit denen freie Individuenandere zu lenken und zu bestimmen versuchen, von Institutionen über gesellschaftliche Normen und Konventionen bis hin zu Rollenzuschreibungen; diese komplexe Form der Macht nennt er »Gouvernementalität«. Dazu gehören auch »Techniken des Selbst«, also Praktiken, mit denen Individuen ihre eigene Identität ausbilden, etwa durch Formen des Selbstmanagements oder die Wahl einer Lebensform.

Foucault unterscheidet schließlich zwischen drei Ebenen der Macht. Die erste bilden die »strategischen Spiele«, in denen Menschen das Handeln anderer zu lenken versuchen; solche Machtbeziehungen sind instabil, sie können sich verändern. Die zweite Ebene sind die »Zustände der Herrschaft«, in denen sich Machtbeziehungen bereits verfestigt haben. Die dritte sind »Regierungstechnologien«, mit deren Hilfe Herrschaftszustände errichtet oder aufrechterhalten werden. Dazu gehören für Foucault etwa Erziehungsmethoden oder Führungstechniken.

An die »Utopie« einer herrschaftsfreien Kommunikation, wie Jürgen Habermas sie postuliert hat, glaubte Foucault nicht. Die Abschaffung der Macht schien ihm weder möglich noch wünschenswert. Gegen Ende seines Lebens setzte er vielmehr auf rechtliche Regeln und das Ethos der »Sorge um sich«, die es gestatten, »innerhalb der Machtspiele mit einem Minimum an Herrschaft zu spielen«. Doch damit trifft er auf Widerspruch.

Der Berliner Philosoph Byung-Chul Han argumentiert in seinem neuen Buch »Psychopolitik«, Foucault habe übersehen, dass das neoliberale Herrschaftssystem genau diese »Sorge um sich« für sich vereinnahmt. AN DIE STELLE VON Foucaults »Biomacht« setzt Byung- Chul Han die »Psychomacht«:

Von äußeren Zwängen haben wir uns befreit, so die These, heute unterwerfen wir uns inneren Leistungs- und Optimierungszwängen, die wir fälschlicherweise als Freiheit interpretieren. Ob wir uns im Netz freiwillig entblößen oder per Smartphone unseren Körper überwachen: Wir glauben, nur unserem Willen zu folgen, tun aber freiwillig das, was das »neoliberale Regime« von uns will. Das wäre Macht in letzter Perfektion. Zitatende (Quelle: Hohe Luft Ausg. 6/2104)

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