Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Diskursfähigkeit in Medien gestützter Kommunikation

Manchmal regnet es Kommentare. Hierauf eine mögliche Antwort.

Lebenswirklichkeiten unterscheiden sich, auch im Bereich ähnlicher Bedingungen und Einflussfaktoren. Nicht selten wird deshalb sich auf ein pragmatisches Handeln verständigt als die Grundlage und Ausrichtung des Alltags, sozusagen das Arbeitswissen (nach Max Scheler) als einzig akzeptable Methode zur Bewältigung der Anforderungen durch praktisch-technische Beherrschung.

Dem Ansatz stimmen rational orientierte Mitmenschen oft vorbehaltlos zu, weil positiv erfahren wissenschaftliche Erkenntnisse und theoretische Aussagen in einen stützenden Zusammenhang mit dem Handeln gesetzt sind. (Die Schwerkraft lässt nun mal an jedem Ort der Welt Fallobst durchaus auf den Kopf des gerade darunter Stehenden fallen!)

Und die Ehefrau, die in dem bekannten Witz(Platon und Schnabeltier *) ihren vermissten Mann ganz anders bei der Anzeige schildert, als er in Wirklichkeit ist, ist Ausdruck eines Pragmatismus, sich dem Nützlichen ganz zu verschreiben. Und schon (nach William James) wird die eigene Wahrheit danach ausgesucht, was diese für die eigene Wirklichkeit bewirken soll.

(-Die Ehefrau, die einen Wunschmann bei der Vermisstenanzeige beschreibt und haben will und nicht ihren tatsächlichen Mann;

– der Käufer einer teuren Kamera, die die beste der Welt sein soll, egal ob zutreffend, weil sie ja eine Menge Geld gekostet hat;

– und das Aufnahmeverfahren ( analog oder digital), welches die ehrlichste und wahrste Form der Bilderstellung sein soll. )

Dass Horkheimer diese Form der Reduktion des Wissens auf zweckrationales Handeln kritisiert, das sich selbst auch nicht mehr hinterfragt, sei nur am Rande erwähnt. Populär ist dabei die Ausflucht der sich diesem Ansatz Verweigernden in die Plattitüde: Schuld daran sei, weil  man dem Erziehungseinfluss der sogenannten 68er unterworfen war. Nicht selten findet diese Haltung dann ihre Steigerungsform in dem diskriminierenden Ausdruck des Gutmenschtums. Nach Meinung des Autors ebenso dummdeutscher Sprachwurzel entstammend wie andererseits die Antwort auf Belanglosigkeiten mit dem: Du, das macht mich aber echt betroffen… Diese jedoch als Betroffenheitsneurotiker zu bezeichnen ist wieder Grenzüberschreitung und ebenso wenig förderlich.

Was haben die bisherigen Ausführungen nun mit der Diskursfähigkeit zu tun? Nun, Diskursanalyse ist gemeinsamer Forschungsansatz von Sozial- und Sprachwissenschaft (Stefan Meier-Schuegraf) und hat kommunikative Handlungen als soziale Praxis und gesellschaftliches Phänomen zum Gegenstand. Diskurs als Begriff ist danach in Deutschland als Ethik der herrschaftsfreien öffentlichen Debatte verstanden (Frankfurter Schule). In den USA ist Diskurs mehr eine Methode der Gesprächsführung (interpersonales face-to-face Gespräch) und in Frankreich wird der Diskurs verstanden als gesellschaftliche Interaktion zur Konstitution von Gegenständen, Begriffen und Themen. (Gliederung nach Meier-Schuegraf)

Dass in der mediengestützten Kommunikation (Internet) alle Positionen vertreten sind und ggf. sogar in Mischformen erkennbar, ist nicht verwunderlich, schafft aber durchaus und gerade deshalb Ungleichzeitigkeiten, sprich in der Konsequenz Unverständnis für die jeweilige andere Position (auch und gerade in Foren als Bereich ähnlicher Bedingungen und Einflussfaktoren).

Diskurs ist nach  Meier-Schuegraf : „…ein Netzwerk von textlichen Äußerungen, in dem auf gesellschaftlicher Ebene über einen längeren Zeitraum hinweg ein Thema verhandelt wird. Die Bindung der Texte und Textsequenzen untereinander ist durch ein gemeinsames Thema gegeben und realisiert sich über Musterhaftigkeit, intertextuelle (explizite/implizite Referenz) und semantische Bezüge.“

Auf der Basis der zusammenhängenden Themen wie z.B. der Fotografie als Tätigkeit und als Einzelergebnis (in Text- und Bildbeiträgen) erfolgt dennoch nicht selten die Rangelei über die Setzung und Besetzung der Themen in der jeweiligen Gruppe und was das soziale Wissen sein soll (Was darf gesagt und nicht gesagt werden? Was wird sanktioniert?).

Ebenso wird nicht selten erbittert um die Konstruktion der Wirklichkeit gefochten! (Welche Themen werden zugelassen? Was wird als Qualitätsmerkmal für „gute“ Fotografie quasi definiert durch die agierenden Teilnehmer in einem Forum etc.) Veränderungen werden entweder verhindert oder durchgepeitscht, je nach Zusammensetzung der Teilnehmer. Dabei jeweils verkennend, welche Chancen in der Zulassung gegensätzlicher Positionen liegen.

Das aber verlangt, das eigene Tun und Denken zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen und Raum zu geben für das Anderssein.

Wer allerdings auf die Methode der Wiederholung und des Zermürbens setzt á la : … im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss…“ hat damit vielleicht Erfolg. Der Autor hat die Hoffnung, dass dies jedoch schnell durchschaut wird.

*) aus: Platon und Schnabeltier: S. 96, Eine Frau kommt zur Polizei und meldet ihren Mann als vermisst. Der Polizist bitte sie um eine Personenbeschreibung und sie sagt: “1,85  groß, muskulös und mit dichtem, lockigem Haar.” “Hey”, ruft da ihre Freundin, die sie begleitet hat, ” was erzählst du da? Dein Mann ist höchstens 1,65, hat eine Glatze und einen gewaltigen Bierbauch.” Die Frau darauf: “Ja, aber wer will den schon zurückhaben?”

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