Johannes von Heinsberg – Bilder und Texte

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Verschiebung der Wahrnehmungsfähigkeit – Rechtspopulismus und Neoliberalismus gehen Hand in Hand

Die Kultur endet, indem die Barbaren aus ihr ausbrechen. Quelle: Karl Kraus, Pro domo et mundo, 1919

Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen.

Quelle: Karl Kraus

Die Selbsttäuschung ist Bestandteil des menschlichen Lebens. Wenn sie jedoch in gesellschaftliche und politische Bereiche Einfluss nehmend reicht, werden die demokratischen Strukturen gefährdet. Ablesbar wird dies an Untersuchungen, die das Thema „Selbsteinschätzung der politischen Verortung“ in den Fokus genommen haben.

Wahrnehmbar für alle Beobachter ist die rechtspopulistische Orientierung und Bewertung von gesellschaftlichen Veränderungen. Ein Rechtsruck geht durch dieses Land und durch Europa.

Dies geschieht durchaus auf der Grundlage von voreiligen Urteilen, Vorurteilen, Fremdenfeindlichkeit bis Rassismus, strukturellen ökonomischen Bedingungen, aber auch als gelerntes Verhalten über Generationen, vor allem dann, wenn über Jahrzehnte großer Einfluss durch totalitäre Strukturen des Staates auf Teile der Bevölkerung Einfluss nehmen konnte. Was unter den Nazis in den 1930er Jahren begann, setzte sich in der DDR fort. Das Etikett änderte sich, die Strukturen von Überwachung, Bespitzelung, Denunzierung und staatlich-willkürlicher Gewalt bestanden weiterhin.

Was in der DDR offensichtlicher nachvollziehbar war, wirkte in der BRD der Adenauerischen Welt subtiler. Die wenig aufgearbeiteten Belastungen der Naziherrschaft, die Persilscheine für die unter den Nazis wirkenden Juristen, Verwaltungsbeamten, Schul- und Hochschullehrern und dem Führungspersonal der neuen Bundeswehr ermöglichten eine positive Grundstimmung für alte Ideen und rechtes Gedankengut. Die Unfähigkeit zu trauern, Verdrängung der Mitschuld und Fremd- wie Selbsttäuschung waren Kernbestandteile der sogenannten Wirtschaftswunderjahre. In den Familien wurde die latente Rechtsorientierung weitergelebt. Die erste Nachkriegsgeneration erlebte diese „unter den Teppich kehren-Atmosphäre“ oft als belastend. Eine einheitliche Aufarbeitung erfolgt jedoch nicht.

Aufklärung und gesellschaftlicher Diskurs blieben lange Jahre ungeübt und waren verpönt. Das gilte für viele Bevölkerungsteile noch oder schon wieder. Strömungen wie Popkultur, Esoterik, Hedonismus (Party-Lebensinhalte/ Hippie-Kultur/ Lust- und Genussegoismen) und Konsumorientierung waren oft genug Ersatzinhalte für den Verlust der Diskursfähigkeit und die Mitgestaltung der Entwicklung der Gesellschaft.

Neue Technologien (IT- Einfluss auf die Arbeitsplätze /Smartphones und digitale Netzwerke wie Twitter/Facebook etc.) einerseits, sowie die Durchsetzung des Neoliberalismus andererseits verstärkten die Tendenzen des Rückzugs in die Innerlichkeit und das Private, der Selbstausbeutung und der Orientierungslosigkeit.

Mit den neuen Untersuchungen und Studien wird das über die familiären Kanäle bis heute wirkende vorhandene Potential des rechten Gedankenguts und seine wachsende Akzeptanz  sichtbar und benannt. Das rechte Denken wird wieder salonfähig,  quer durch die überforderten und von Egoismen durchzogenen Gesellschaftsschichten. Parallel dazu wachsen die Gewalt und die Bereitschaft, diese zu akzeptieren.  Die politischen Kräfte in den Parteien sind in zunehmenden Maße dafür unsensibel geworden und steuern nicht oder viel zu spät dagegen. In einigen Teilen wird sogar dem Trend gefrönt und es wird versucht, in den trüben Gewässern des Faschismus und rechten Wählerpotential zu fischen.  

Eine Beschäftigung mit dieser Entwicklung und das Gegensteuern ist Voraussetzung, um die Zerstörung der Demokratie als Staatsform zu verhindern.

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