Johannes von Heinsberg – Bildsprache – Wortsprache

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Die Rückschau auf das eigene Leben und dabei dem Zeitgeist der eigenen Jugend huldigen?

Die gute alte Herrenzimmerzeit – oder die Tugenden des Nationalkonservativen als vermeintlicher Wegweiser in neue Zeiten

Ob konservativ, ob gesellschaftskritisch, ob nonkonformistisch, ob neoliberal oder rechtsextremistisch, für jede Haltung, Weltsicht oder Identifikation eines Menschen kommt irgendwann beim Älterwerden der Zeitpunkt, eine Rückschau auf die eigene Jugend und die zeitgeistigen Identitäten vorzunehmen.

Nicht selten erfolgt eine Abkehr von der Weltsicht, die als rebellischer Jugendlicher gegen die Haltung der Elterngeneration eingenommen wurde. Und in der zweiten Hälfte des eigenen Lebens wird der Wechsel zur diametral entgegengesetzten Weltsicht vorgenommen. Ein Bäumchen-Wechselspiel der besonderen Art, oft vom Regen in die Traufe geraten und sich dann wundern, weshalb man nasse Füße bekommt! Dieser Vorgang wird auch als „Lebensweisheit“ verklärt und ist doch oft nur dem schon lange verleugnetem materialistisch-neoliberalen Zeitgeist und der zweiten Seele in der eigenen Brust geschuldet.

Die Musikvorliebe, der Kleidungscode und die Sprache sind Bereiche, in denen der jugendliche Zeitgeist gegen die Elterngeneration protestiert und zum Ausbruch kommt. Allerdings reiben sich die in die Jahre gekommenen Anhänger so vieler zersplitterter und neuformierter eigener Jugend-Identitäten dann die Augen, wenn nach Jahrzehnten die Protestformen in Wellenbewegungen sich wiederholen, aber dann oft radikaler und von anderen Ideologien in Anspruch genommen, wenn Methoden der linken Gruppen von Rechtsradikalen vereinnahmt wurden.  

Der Streit flammt zwischen den im Zeitgeist ihrer Jugend ehemals verbündeten Kompagnons oft unerbittlich und unnachgiebig auf! Nichts gelernt und die Hälfte vergessen, könnte man meinen! Die menschliche Natur scheint unveränderlich zu sein. Lediglich die Intensität mag sich in diesen wiederholenden Konflikten unterscheiden.  

Aktuell scheiden sich die Geister über die Entstehung der Protestform des „Punk“. Vor rund 50 Jahren war die jugendlich Abgrenzung vom Erscheinungsbild der Elterngeneration durch Frisur und Kleidung besonders krass zum Ausdruck gebracht worden. Dabei ändert sich der Rückblick der Protagonisten des „Punk“ nicht nur aufgrund der sie nun betreffenden Vergesslichkeit, sondern auch, weil Sprache und Emotionserinnerungen vom betrügerisch agierenden Hirn unmerklich über die Zeit verändert wurde zu einem neuen, subjektiven Bild des Punk-Zeitgeistes. Gestritten aber wird dann von 60Jährige wie im Kindergarten!

Die Ungleichzeitigkeit der Erkenntnis und der Urteilsfähigkeit lässt vermeintlich alte Gemeinsamkeiten vergessen und kaleidoskopisch verändert auftauchen. Je nach Abstraktions- und Abstandsfähigkeit kommen Kränkung, Ablehnung, vorurteilige Ausgrenzung und Spaltung zum Tragen. Die Spaltung ehemaliger Verbündeter kommt dabei nur den neuen extremistischen Machtinhabern und neoliberalen Profiteuren zugute.

Ein wenig konkreter werdend und beispielhaft das  Weltbild des „Punk“ aufzeigend, soll auch ein Disput zwischen ehemals Verbündete im Geiste einfließen. 

Als die Lebensweise des „Punk“ im Klassenzimmer sichtbar wurde

Der Autor dieses Textes war zum Zeitpunkt des Auftritts der „Punk-Bewegung“ als Lehrer Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre tätig.  Die Aufklärungsbedürfnisse der 68er-Generation wurden meinerseits nachvollzogen, aber ich war nicht in die rebellischen Aktionen in Berlin, Frankfurt oder anderen Hochschulstädten involviert, sondern ich agierte als aufmerksamer Beobachter, der sich ein eigenes Bild durch Literatur und Wissenschafts-Studien verschaffte über die „Unfähigkeit der Täter- und Mitläufergeneration“ hinsichtlich der Holocaust-Aufarbeitung.

Jede radikale Veränderung konfrontiert die Vorgänger-Generation mit der eigenen Weltsicht. Toleranz und der Diskurs über die Haltung der „Punks“ war den Anhängern der konservativen Weltsicht eher fremd. Der militärische Ton damaliger Sportlehrer im Alter von 60 Jahren war leider durchaus den Schülern nicht fremd. Dagegen wurde als Punk-Fan protestiert.

Als Lehrer an einer Hauptschule tätig, konnte ich die Veränderung zu einem „Weltbild der destruktiven Ablehnung und Selbstaufgabe“ miterleben. Das Erscheinungsbild der Jugendlichen änderte sich radikal in allen Bereichen: von der Kleidungsmode, über die Friseur, die Sprache, über den Musikgeschmack bis zur Verweigerung der schulischen Regeln. Das war für die „Punks“ im Klassenraum selbstverständlich.

Die Begeisterung der Jugendlichen für die Lebensweise des „Punk“ war für mich nachvollziehbar, wurde jedoch nicht ohne Widerspruch hingenommen, sondern der Versuch wurde gestartet, die „Punk-Begeisterten“ zur kritischen Hinterfragung zu bewegen. Denn der Rückzug in die „No-Future-Haltung“ war kaum sachlich zu begründen und wurde dennoch ohne zu hinterfragen von den Jugendlichen übernommen. Einfach um dazu zu gehören!

Auch wenn die „Bedrohungslage“ durch Atomraketen-Aufrüstung (Pershing II),  die wachsende Arbeitslosigkeit und die wirkende Stagflation  und das wirtschaftliche Nullwachstum zwar realistisch  beschrieben und im eigenen Familienalltag erlebbar wurde, aber für eine destruktive und deprimierende Grundstimmung gab es keinen wirklichen Grund. So förderte „Punk-Sein“ eine zu große Affinität zum vorschnellen Aufgeben und zur Resignation, ohne den Versuch zu unternehmen, an einer konstruktiven Alternative mitzuwirken.

Wie so oft beim Generationenstreit wurde nicht erkannt, das, was die Generationen verbindet nicht als wichtiger gesehen wurde als das, was sie trennt. Kulturelle neue Entwicklungen und Veränderungen  werden von Extremisten jeglicher Couleur schon immer  als „Gefahr“ gesehen, anstatt als Chancen begriffen zu werden. Diese Haltung verstärkt eine ausgrenzende Sichtweise, in dem Toleranz missverstanden wird als Öffnung zur  Verstärkung nur des eigenen Weltbildes.

Wie schnell absurde Schlussfolgerungen gezogen werden, lässt sich am Beispiel der Fragen nachvollziehen: „Wer vertritt wen, mit welcher Autorität, auf welcher Rechtsgrundlage und mit welchen Folgen?“

Übertragen auf die aktuelle Situation unter der globalen Erpressung und den Zoll-Dekreten der Präsidentschaft Trumps, der sich über Verfassung und über die Supreme Court-Urteile (oberstes Gericht der USA) hinwegsetzt, und die Erkenntnisse bestätigt, dass „bei jeder kulturellen und rechtlichen Aneignung es die gibt, die Regeln nicht mehr akzeptieren und widerrechtlich handeln, und jene, die dieser „Gewalt“ gegen über ausgeliefert sind,  in dem ihre demokratische Identität durch ökonomische und politische Aneignung sowie exekutiver Missbrauch manipuliert wird, und dessen Folgen zum weltweiten Unrecht führen!“  

Intoleranz ist die gefährlichste Form der Unterdrückung anderer Menschen durch diktatorische und despotische Gewalt, weil sie zugleich Unfreiheit bringt und Weiterentwicklung verhindert. Der im neoliberalen Umfeld aktuelle Eigentumsbegriff bedarf einer völlig neuen Definition, in dem die Bandbreite der kulturellen Entwicklung der Menschheit sich nur entfalten kann, wenn Erkenntnisse und Wissen nicht der egoistischen Ausbeutung durch ökonomische Vereinnahmung unterworfen werden, sondern allen Menschen zugutekommt. 

Bisherige Identitätsmodelle haben oft in den absurden Irrtum geführt. Eine Essenskultur, die oft von den Bedingungen der durch die Natur hervorgebrachten Nahrung und später durch wissenschaftliche Erkenntnisse geförderte Anbaumethoden entwickelt wurde, sowie alle Erfindungen, welche der Menschheit Fortschritt gebracht haben, haben ihre Wurzeln in der Bandbreite der Anpassungsfähigkeit an die Gegebenheiten und den Ideen zur Lösung von Problemen. Die Begrenzung auf den Begriff des Eigentums und der egoistischen Nutzung für privilegierte Gruppen unter Ausschluss und Ausgrenzung der überwiegenden Mehrheit der Menschen führt zu Barrieren und Kriegen. Die kollektive  Kreativität wird verhindert und Möglichkeiten der Inspiration werden der ökonomischen Ausbeutung unterworfen.

Die Menschheit lässt zu, dass sie in Fesseln von Egomanen gelegt wird.  Zugleich lässt sie sich in extremistische Identitätsmodelle treiben. (MAGA / AfD!) 

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