Zum Buch „Aufrecht – Überleben im Zeitalter der Extreme“
Obwohl es eine Binsenweisheit ist, dass Menschen verschieden mit Ereignissen umgehen, die weltgeschichtlich so Ungeheuerliches wie den Holocaust betreffen, bleibt diese Erkenntnis immer noch überraschend in Bezug auf die dabei entstehenden Variationen. Zu ergründen, warum immer wieder Menschen den anderen unfassbares Leid zufügen, so wie im Fall der Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern geschehen, das ist meistens nur ein Aufklärungsbedürfnis der nachfolgenden Generationen, die das „Glück der späten Geburt“ hatten, sprich nach 1945 geboren wurden! In Mitscherlichs Werk „Die Unfähigkeit zu trauern“ wurde ein Verhalten diagnostiziert, das sowohl erbärmlich wie beschämend war, und die Realität des Verdrängens und Vergessens der Täter und Mitläufer in den ersten beiden Jahrzehnten nach dem 2ten Weltkrieg beschrieb.
Die Generationen, welche öffentlich Fragen stellten und das Schweigen in den Familien aufbrechen wollten, sind jedoch nochmals zu differenzieren. So sind jene Söhne und Töchter der Täter und Mitläufer gemeint, die 1968 im Selberdenken-Alter waren, zu unterscheiden von denen, die zur Wende-Zeit bis zum Ende der 1990er Jahre mit einem anderen Zeitgeist in Berührung kamen. Einem Zeitgeist, in dem die Gier des Neoliberalismus die Dollarzeichen in die Augen der StartUp-Unternehmen der Dot-Com Unternehmen trieb.
Zur Jahrtausendwende waren die meisten Täter und Mitläufer, die beim Extremismus des Nationalsozialismus an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt waren, einer gerechten Verurteilung schon entkommen! Immer mehr Zeitzeugen verstarben und die wenigen überlebenden Opfer des Holocaust kämpften gegen das Vergessen einen verzweifelten Kampf bis zu ihrem Tod.
Aufgrund dieser bis heute wirkenden Nichtaufarbeitung eines ganzen Volkes – bei dem der Fanatismus und Extremismus eines verbrecherischen Systems, des „Nationalsozialismus“, eine mitmachende Begeisterung entzündete – entstand ein Strukturgerüst des Terrors und der Menschenfeindlichkeit, welches auch heute wieder bei den Anhängern des „Führungssystems“ bis zu 40 % Zustimmung findet.
Vor allem in den Bundesländern der ehemaligen DDR ist die hohe Zustimmung zu einer anti-demokratischen Partei (AfD) besonders unverständlich, weil sie die Strukturen eines Unrechtsstaates miterleben mussten. Und hier wirken die Versäumnisse der Aufarbeitung ein zweites Mal in den Agenden der Familien!
Eine durchgehende, tiefsitzende Despotie-Struktur (Überwachung/Kontrolle und Ausschaltung der Opposition) von 1933 -1989 konnte in der DDR nachhaltig wirksam werden, weil die Begriffe wechselten, aber die Struktur der Unfreiheit im Denken und Handeln nicht. Was für Deutschland galt, trifft auch für andere Länder in Europa zu.
Die philosophische Schriftstellerin Lea Ypi beschreibt in ihrem Werk „Aufrecht – Überleben im Zeitalter der Extreme“ das Leben ihrer Großmutter in Albanien im Zeitraum ab 1941 bis in die Neuzeit nach der Jahrtausendwende.
Zitat: „Lea reist an die Orte von Lemans (Vorname der Großmutter) Leben, um es Stück für Stück anhand von Archivalien, Akten und Anekdoten zu rekonstruieren. Gebannt folgt man ihr in die untergegangene Welt der osmanischen Aristokratie, an die Wiege der neuen Nationalstaaten auf dem Balkan und natürlich nach Albanien, erst unter faschistischer Besatzung, dann unter kommunistischer Herrschaft.“ Zitatende
Alles fängt mit einer Fotografie ihrer Großmutter an, die in den sozialen Medien auftaucht und von Menschen außerhalb der Familie kommentiert wird.
Daraus erwächst die Motivation bei Lea Ypi, eine tiefgründende Reflexion des Lebens ihrer Großmutter zu beginnen und Erkenntnisse über die Zerbrechlichkeit von Wahrheit entlang der Realitäten in besonders extremen Zeiten zu gewinnen. Lea Ypi wird in die Notwendigkeit hineingezogen, in dem sie sich auseinander setzen muss mit ihrer subjektiven Erinnerlichkeit an geliebte Menschen und deren Versuche, Würde zu bewahren! In einer Zeit, in dem Despotie und Terror, sowie das Verhalten gegen anders Denkende „mit Stiefel getreten zu werden“ zur „Normalität“ des Alltags wurde!
Diese Reise in eine Zeit mit einer anderen Realität und Auswirkungen des dort herrschenden Zeitgeistes auf das Leben von Menschen erfordert vom Forschenden, Mutmaßungen zu unterlassen und verlangt gleichzeitig, Empathie nicht zu verdrängen im Urteilen über mögliche moralisch-ethische Mängel im Lebenslauf der Menschen. Als Leser nachzuvollziehen, wie Ypi sich dieser Anforderung stellt, kann durchaus ein exemplarisches Beispiel sein für den Umgang mit der heutigen Realität in vielen Ländern, in denen der Abbau der Demokratie und der Aufbau von Oligarchien zur neuen „Normalität“ von Unfreiheit, Unterdrückung und Missachtung der Menschenwürde sich entwickelt.
Darüber hinaus nimmt Lea Ypi die aktuelle Form des „Gesprächsverlaufs“ auf den Chatplattformen in den Fokus, in dem entlang der Kommentare von unbekannten Trollen zum Foto der Großmutter das Systemversagen der sozialen Medien zum Thema und Gegenstand eines neuen Extremismus gemacht wird. Eines Extremismus der Schamlosigkeit und Skrupellosigkeit, weil die Bandbreite der Mittel – von Lügen, Shitstorm, Dreistigkeiten, Grenzübertretungen, Distanzlosigkeit und Hasstiraden – jede Wahrheit zerfetzt und wie durch den Fleischwolf gedreht zurücklässt.
Es wird fantasiert, fabuliert, faktenlos interpretiert, beleidigt, behauptet und provoziert in den Messenger-Apps auf Teufel komm raus. Mit dem Ziel, alle Mitteln einzusetzen, um die Zielperson zu besiegen oder das eigene Weltbild manipulativ zu verbreiten.
Den Versuchen von Kränkung, Verletzung und Erniedrigung zu widerstehen, frisst beim betroffenen Zielobjekt dessen Seele und nimmt jegliche Energie, sich zu verteidigen. Oder entwürdigt jene, die schon verstorben sind und die Angriffe nicht mehr abwehren können.
Wer in Archiven sucht, wird auch mit Wahrheiten und Fakten konfrontiert, die mit der Frage nach der Verantwortungsübernahme für den Umgang mit den gefundenen Informationen verbunden ist.
„Ich möchte mich in diesem Archiv vorsichtig bewegen. Ich möchte mich den Akten mit Umsicht nähern, sozusagen philosophisch, ja auf eine ästhetische Weise, die sich ganz bewusst vom »gesetzlichen Rahmen« löst. Ich hasse die Regeln, denen wir uns nur unterwerfen, weil wir keine Wahl haben – ich bevorzuge den Gebrauch der Urteilskraft, das freie Spiel von Gefühl und Vernunft, die allmähliche Befreiung aus den geerbten Banden von Familie, Nation und instinktiver Zugehörigkeit. Ich nehme mich selbst zu ernst, könnte man an dieser Stelle einwenden. Dennoch – um klar zu sehen, müssen wir uns unserer Vorstellungskraft bedienen.“
»Ich habe den Antrag als Wissenschaftlerin gestellt«, betont die Autorin in der Ichform ihre Entscheidung, wie sie sich den Fakten ihrer Recherche stellen will. Die Position der Wissenschaftlerin einzunehmen ist zugleich auch die Möglichkeit, sich zu distanzieren von der Familie, sofern die Recherche-Fakten moralisch-ethisches Versagen offenbaren könnten.
Ob die Menschen – die sich arrangieren mussten mit Unfreiheit und Unterdrückung – mit dem Ausspruch: „Hier hat sich nichts verändert“, selbsttäuschend unterwegs sind, oder weil sie denken, dass negatives menschliches Verhalten nur schwer zu ändern ist, auch wenn Albanien, der Ort der Handlungen, kein stalinistisch organisierter Unterdrückungsstaat mehr ist, das wird sich erst auf den nächsten 300 Seiten erweisen.
Fortsetzung folgt…in diesem Prequel von Lea Ypi zu ihrem Werk „Frei“!

