Johannes von Heinsberg – Bildsprache – Wortsprache

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

Haben oder Sein – Existenzweisen gegen oder für ein gelingendes Leben in Freiheit und Selbstbestimmung

„Die Krise des europäischen Daseins hat nur zwei Auswege: Den Untergang Europas in der Entfremdung gegen seinen eigenen rationalen Lebenssinn, den Verfall in Geistfeindlichkeit und Barbarei, oder die Wiedergeburt Europas aus dem Geiste der [aufklärenden] Philosophie.“ – Edmund Husserl  – Die Krisis des europäischen Menschentums

Die Veränderung der Welt in Richtung Egoismus, Autokratien, Tyranneien und Diktaturen dürfte von dem Handlungsdiktat geprägt werden  – politische, religiöse oder ökonomische Gesinnungen wie Hegemonie und Vernichtung des Feindes durch Kriege und Gewalt, ethisch-moralische Konzepte wie gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Unrecht des Stärkeren –  und das Sein bestimmen, weil der einzelne Mensch als Kriterium in der Rangfolge ganz weit hintenan gestellt wird.

Anstatt vom Haben zum Sein sich zu entwickeln, verdrängt das Habenwollen das Sein, welches keine Berücksichtigung im Denken und Handeln erhält. In seinem Werk „Haben oder Sein“ verwies Erich Fromm auf diese für ihn zwei grundlegend verschiedene Existenzweisen und den verschiedenen, teils diametral entgegengesetzte  Arten der Charakterstruktur, deren Dominanz totalitär und einzig jenes bestimmt, was der so handelnde Mensch mit seiner Orientierung am Haben denkt und fühlt.

Wer sein Leben am Haben ausrichtet, der bestimmt seine Existenz und seinen Lebenssinn an dem, was er hat. Das Prinzip der Habe, des Habenwollens und der Habenvermehrung wird total bestimmend. Übertragen auf die Ökonomie, stehen Kapitalismus und dessen Umschreibung als Neoliberalismus exemplarisch für das Lebensprinzip des Wachstums des Habenwollens. Am deutlichsten wird das Prinzip durch Aktienhandel und Börsen. Die Unternehmensform Aktien-Gesellschaft (AG) richtet sich auf die Vermögensvermehrung der Aktionäre. Der Rendite und Wertsteigerung werden alle Aspekte des unternehmerischen Tuns wie Arbeitskraft, Produktivität und sinnerfüllende Arbeit unterworfen. Menschenrechte und ökologische Aspekte werden als Störung des Prozesses der Vermehrung gewertet, die beseitigt werden muss mit allen – legalen und illegalen – Mitteln.

Das so beliebte Scheinargument aller Neoliberalen (FDP u.a.), der „freie Markt“ werde es schon richten „zum Vorteil“ aller Betroffenen (ein uraltes Motto auch der CDU/CSU, dass, wenn es den Unternehmen gut gehe, es auch dem Arbeitnehmer gut gehen werde) ist nichts anderes als Selbst- und Fremdtäuschung und schlimmstenfalls eine bewusste Lüge.

Haben bedeutet, die Verfügungsgewalt über die Mittel, das Kapital (Finanz- und Ressourcen-Kapital) und die Entscheidungsmacht zu besitzen. Fromm formuliert deswegen auch, dass es fast nichts gäbe, was nicht Gegenstand des Habens und der Habenvermehrung sein kann: von den materiellen Dingen bis zur Verfügungsgewalt über andere Menschen. Selbst immaterielle Dinge und Werte können Gegenstand des Prinzips „Haben“ sein: Ehre haben, Ansehen haben, Image haben, Gesundheit, Schönheit oder Jugendlichkeit, selbst im Besitz der „Wahrheit“ zu sein.(*) Die dahinter stehende Gesinnung kann selbst das Denken und Handeln der Menschen im Sinne des Prinzips „Haben“ bestimmen, der kein Finanz- oder Material-Vermögen besitzt und keine immateriellen Gegenstände des Habens sein Eigen nennt. Es bestimmt seine Identität, und wenn es nur im Sinne der Idolverehrung und falscher Vorbilder zu haben erfolgt. (Hier greifen dann TV-Formate wie GNTM „Germanys Next Top Model“, die eine Selbsttäuschung befeuern.) (*) Ergänzung: siehe Bericht der FAZ vom 07.07.2024 und das „Gesicht“ der Pöbeleien aus der AfD, die sich im Besitz der „Wahrheit“ sieht!

Die Selbst- und Fremdtäuschung zu erkennen, wird den Menschen erschwert. Die Umstände des Seins (Umwelt, die den Menschen umgibt) – hier des Habens, des Eigentums und Besitztum oder der Gesinnung und Identitätsbejahung dazu – bestimmen sein Bewusstsein. Die psychischen Fähigkeiten zum Selbstbewusstsein – Fähigkeit zur Liebe, zum Mitgefühl, zur Solidarität, zur Hilfsbereitschaft und zur Menschenfreundlichkeit, aber auch die Fähigkeit zur Vernunft und zur Erkenntnis sowie die Fähigkeiten zur produktiven und kreativen Tätigkeit  – werden oft verhindert durch das Prinzip des Habenwollens und in dessen Folge und der Einfluss von Egoismus, Autokratien, Tyranneien und Diktaturen.

Die psychischen Fähigkeiten in Form von Liebe, Vernunft und der Befreiung von der selbstverschuldeten Unmündigkeit müssen von Anfang an eingeübt, vorgelebt und praktiziert werden. Jede Ideologie, jedes Regierungs- und Parteiprogramm, das lediglich das Habenprinzip fördert anstelle der Förderung der Menschenrechte, verhindert das selbstbestimmte Sein und begünstigt Ungerechtigkeit und Unfreiheit.

Denn Freiheit ohne die Freiheit des anderen mitzudenken ist die Begünstigung der Unfreiheit für die anderen Mitmenschen. Und der bevorzugte Schutz des Eigentums und des leistungslosen Wachstums der Vermögen ist zugleich die Stärkung der Ungerechtigkeit. Denn Eigentum verpflichtet zur Orientierung an einem gelingenden Lebensentwurf, dessen Orientierung weder die Ausbeutung im ökonomischen, noch im ökologischen Sinne ist.

Denn Orientierung am Sein als Baustein eines gelingenden Lebens bedeutet, sich an den psychischen Kräften zu orientieren. Das bedeutet nach Fromm, „die Leitwerte der eigenen sozio-ökonomischen Lebenspraxis so durch die gesellschaftlichen Kräfte und Politik zu verändern, dass im beruflichen Tun, in der eigenen Arbeit (ob als Unternehmer oder Arbeitnehmer), sowie im politischen und gesellschaftlichen Leben die psychischen Kräfte von Vernunft, Liebe (d.h. Empathie, Respekt und Mitgestaltung) und sinnerfüllender produktiven Tätigkeit erleben zu können!“  

Kommentare sind geschlossen.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner