Johannes von Heinsberg – Bildsprache – Wortsprache

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

5. März 2024
von JvHS
Kommentare deaktiviert für Abbild und Bild – Susan Sontag „Über Fotografie“ und ihre Verortung

Abbild und Bild – Susan Sontag „Über Fotografie“ und ihre Verortung

(c) JWB

Susan Sontags Essay „Über Fotografie“ erscheint zu einer Zeit, in der auch die documenta 6 (1977) nicht nur im Diskurs über die Konzeption zu scheitern schien (die Eröffnung der documenta6 wurde um ein Jahr verschoben), sondern Kunst und ihr Selbstverständnis sich in einer tiefen Krise befanden. Die Krisenbewältigung um die kunsttheoretischen Grundlagen versus die Gegenwehr – Kunst zwar nicht als „L´art pour L´art“ zu vereinfachen, jedoch künstlerische Freiheiten nicht in Theoriefesseln zu legen – ließen die Verantwortlichen mal wieder zu einer Kategorisierung dieser Kunstschau greifen. Drei Kataloge geben davon Zeugnis: Bd. 1 „Malerei, Plastik/Environment, Performance“; Bd. 2 „Fotografie, Film, Video“; Bd. 3 „Handzeichnungen, Utopisches Designe“.

Schon in der vorhergehenden documenta5 versuchten politische Ideologen mit ihren Sichtweisen -die rechtsradikale Ursprünge und Wertungen von „entarteter Kunst“ erkennen ließen – Einfluss zu nehmen, in dem auf den Stufen des Fridericianums eine Ladung Mist ausgekippt wurde und sie damit zum Ausdruck brachten, dass Kunst wieder einem engen Ausgrenzungs-Verständnis zu unterwerfen sei. Die faschistische Nazi-Ideologie, in der Exponate einer Heldenverehrung und Rassevorbild zu dienen habe, geisterte auch 30 Jahre nach dem Ende des Terror-Regimes noch immer in den Köpfen der ewig Gestrigen rum. Weder die gezeigten Exponate, noch die documenta6 in 1977 würden diesem Anspruch gerecht. Walter Benjamin („Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“) sah die Gefahr der politischen Vereinnahmung ästhetischer Werke – vor allem durch die Fotografie und den Film – voraus und ihre Vereinnahmung zu Propagandazwecken wird in Diktaturen bis heute hin praktiziert.   

Die Essaysammlung „Über Fotografie“, die Susan Sontag als Gesellschaftsanalyse der Moderne verstand, erreichte ein breites fotoaffines Publikum, auch weil Fotografie und fotografische Profi-Ausrüstungen zum Mittel eigener ästhetischer Kreativität zu verhelfen versprachen. Nicht zuletzt dank der Photokina-Messen in Köln in den siebziger und achtziger Jahren, zeigte sich damals schon der bis heute verbreitete Irrtum, dass mit der jeweils neusten Technik auch die Fotoergebnisse eine Qualitätssteigerung erreichen würden. 

Sontag formulierte ihren bildskeptischen Ansatz und schlussfolgerte, dass die Bilderflut die Rezipienten erschlagen, überreizen sowie das „Sehen“ abstumpfen würde. Zudem sei Fotografie nur Medium, das in der Hand nur von wenigen Fotografen sich zur eigenständigen Bildsprache sich entwickle. In diesem Sinne ist Sontag zu verstehen, wenn sie von der Fotografie als einzigartige Möglichkeit schreibt, die mit einem Knopfdruck Kunst zu produzieren ermöglicht. In einer Zeit, in der das Interesse an Fotografie in der Kunstgeschichte und beim Publikum immer größer wurde (siehe Documenta 6), war Sontags Essay ein  ergänzender Ansatz mit Nähe zu einer wissenschaftlichen Abhandlung und Fototheorie. Neben Walter Benjamin („Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“) und Roland Barthes („Die helle Kammer“) sowie zuvor schon Sontags „Über Fotografie“ sind die Essays dieser Autoren als Bausteine und Klassiker der Fototheorie zu bewerten.

(c) JWB

Was mit der „Übersättigung und Abstumpfung des Sehens“ schon in Zeiten der analogen Fotografie durch Susan Sontags Beschreibung bewusst gemacht wurde, ist in Zeiten der „digitalen“ Mobilphone-Fotografie zu einer potenzierten Flut der Bildmengen gewachsen, die sich vor allem im Selbstbezug durch die Milliarden täglicher Selfies als inhaltliche Verarmung darstellt.

Entwickelten sich mit den Beiträgen im Life-Magazin in der Nachkriegszeit ab 1945 Dokumentationen (Chargesheimer – Karl Heinz Hargesheimer „Unter Krahnenbäumen“) und sozialkritische Reportagen ganz in der Tradition der Fotogenres in der Weimarer Republik (Robert Lebeck „Leopoldville oder Sebastião Salgado „Workers – Kuweit“), ergänzt durch ästhetisch orientierte Lifestyle Bildberichte (Helmut Newton „Sie kommen“; Robert Mapplethorpe „Lisa  Lyon“), die mit der klaren Formsprache und der reduzierten Schwarz-Weiß-Palette kontrastreich den Fokus auf objektivierte Subjekte richtete,  so wurde in den ersten zwanzig Jahren des neuen Jahrtausend auch die zuvor genannte Bildsprache atomisiert und eventueller gesellschaftlicher Wirkungen entzogen.

Jeder Versuch, mittels Fotografie das Abscheuliche, das Unmenschliche, den Fremdenhass, die Menschenfeindlichkeit, die Grausamkeiten der Kriege als Aufwachsignal und Kritik politischen und ökonomischen Versagens zu nutzen, erwies sich in jeder Hinsicht als falsche Hoffnung. Auswirkungen aufrüttelnder Fotografie auf politischen Protest ist kaum mehr zu verzeichnen.

Die von Susan Sontag schon angesprochene Abnutzung und Abstumpfung als Folge der täglichen Bilder-Tsunamis in den sozialen Medien ließ jedes Foto innerhalb von wenigen Augenblicken in seinen Wirkungen verblassen. (Beispiel Junge – ertrunken auf der Flucht) 

Totes Kind am Strand – ertrunken bei der Flucht

Die „Weisheit“ – „ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“, hat längst ihre Gültigkeit verloren. Das Abbild eines beliebigen eingefrorenen Augenblicks im Foto verliert seinen Zauber und seine Wirkung. Das so oder millionenfach schon gesehene Abbild ist gesellschaftlich und subjektiv wertlos. Da mag das gemalte Bild und der van Goghsche Pinselstrich, die gestichelte Grafik Dürers oder der Kohlestrich Käthe Kollwitz eine doch andere innere Kraft besitzen.

5. März 2024
von JvHS
Kommentare deaktiviert für Wallfahrtskirche St. Ottilia – Allgäu

Wallfahrtskirche St. Ottilia – Allgäu

Sankt-Ottilien

Der Ottilienberg ist ein typischer Allgäuer Hügel auf dem Menschen seit jeher siedelten. Der Blick ins Land geht weit, bis zu den Allgäuer Alpen. Höher hinauf ist gleichsam synonym mit: sich einen Überblick verschaffen.

Allgäu-Landkreis-Rand

Deshalb ist in alten Quellen bereits 1440 die Rede von einer „uralten Wallfahrt auf dem Ottilienberg“.  Im Urkundentext steht: „anno 1455 ist die Capell ze Sant Ottill uff dem Berg by altdorff gelegen, neu baut und mit merklicher gezierde versehen.“

Ottilienberg6 Ottilienberg3

Ottilienberg4

Ottilienberg8

1658 wird Philipp von Remchingen Schlossherr auf dem Ottilienberg. Die 1632 von den Schweden im 30jährigen Krieg zerstörte Kapelle lässt er wieder instand setzen. Der Freiherr Franz Josef von Remchingen lässt 1691/92 aus den Resten der Kapelle eine neue Kirche bauen.

1699 werden neue Altäre aufgestellt.

1897/98 erfolgt die Ausmalung der Kirche durch Luitpold Heim aus Augsburg.

Neben der Kirche besteht heute noch ein Bergbauernhof, der schon im 16. Jhdt. zum damalig bestehenden Schloss gehörte.

In der Kirche befindet sich eine „Pietà“ aus der Mitte des 14. Jhdts.

 

Quellen: u.a. Herbert Wittmann, Ebenhofen, 2004

Johann Lederer, Sulzberg, 1858

5. März 2024
von JvHS
Kommentare deaktiviert für Bilder – Fotografien – Symbole – Die Realität des Zynismus

Bilder – Fotografien – Symbole – Die Realität des Zynismus

toter Junge am Strand

Verfremdungen durch grafische Filter lassen einerseits die Betrachtung leichter ertragen, andererseits birgt die Gefahr dieser ästhetisierenden Eingriffe, dass das Blut nicht mehr in den Adern gefriert und der Zorn zu gemäßigt erscheint.

Totes Kind am Strand

Zynisch ist nicht die Fotografie, sondern zynisch sind die Umstände und die Zustände als Folge der Ereignisse, die  bildmäßig erfassten werden.

Nicht die Abbildungen sind das Grauen, sondern  Taten und Handlungen von Menschen, denen der Blick für das Miteinander fehlt. Das Leiden anderer zu betrachten, lähmt das Denken und webt den dunklen Schleier des Verzerrens über die Ursachen und wahren Verursacher.

Es sind die Waffenlieferanten und die Staatslenker, die Kriege führen und mit den Waffen Zerstörung und Leid herbeiführen, auch im Auftrag und im Namen des Kapitals und des Wachstums der Profite und sie sind verantwortlich dafür:

  • dass der kleine Flüchtlings-Junge,  in den Wellen liegend, ohne Leben ist.
  • dass die ertrunkenen Kinder vom Meer an die Strände gespült werden und Zeugnis ablegen für die falsche Wirtschafts- und Finanzpolitik. Da hilft kein TTIP , CETA oder TiSA! Diese Vertragsgestaltungen potenzieren das Elend nur noch.

Bilder und Fotos, die zu Symbolen und teils zu Ikonografien gemacht werden und doch nur Dokumente des verlorenen Lebens sind, alle jene Ausschnitte des Lebens verdichten sich zu inneren Bildern, besetzen Sprache und Denken und sind letztlich Codierungen des Leids, welche Menschen ertragen müssen.

Die einzige Forderung, die schon immer von Menschen geäußert wurde, lautet:

Nie-wieder-Krieg-3

5. März 2024
von JvHS
Kommentare deaktiviert für Wald – Mythos, Narrativträger, Instrument und Gebrauchsartikel

Wald – Mythos, Narrativträger, Instrument und Gebrauchsartikel

Der Wald – dem Thema widmete das TV-Format „Planet Wissen“ einige Sendungen.

Eine Sendung bei „Planet Wissen“ titelten die Macher: „Die Deutschen und ihr Wald – verehrt und dämonisiert„.

Von Caspar David Friedrich bis in die Moderne widmeten sich bildende Künstler und Schriftsteller dem Thema Wald. Von der Mythologisierung bis zur Instrumentalisierung und Ideologisierung diente Wald den Verbrauchern als Träger ihrer Narrative. 

Dass die Nazis den Begriff Wald ideologisch strapazierten und  instrumentalisierten, war nicht verwunderlich, nicht mal in der pervertierten Form, Bäume so zu pflanzen, dass sie im Herbst aus der Luft das Hakenkreuz abbildeten. So mancher verbildlichte röhrende Hirsch versuchte überhöhend und dennoch nichtssagend die Aufgeblasenheit und inhaltlichen Leere der „Blut-und Bodenthematik“ zu ersetzen.  

Dass heute eher reine Sachlichkeit und Distanziertheit den Gebrauchs-Charakter des Waldes  in der bildlichen Darstellung widerspiegeln, das ist dem Zeitgeist geschuldet. Und auch letzterer Begriff steht in der Kritik und selbstverständlichen Hinterfragung der Bedeutungen.

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln. 

… lässt Goethe seinen Faust formulieren. Und den Geist der Zeiten versuchen die Machtinhaber seit jeher selber zu bestimmen. 

Johann Gottfried Herder benutzte den Begriff „Zeitgeist“ in seiner Schrift „Kritische Wälder oder Betrachtungen, die Wissenschaft und Kunst des Schönen betreffend“.

Und der Blickwinkel auf die zeitgeistigen Sonderlichkeiten  richtend, wird von kritischen Geistern sprachlich zum Ausdruck gebracht. So formulierte Hans Magnus Enzensberger als gegenwartsbezogene Kulturkritik: 

„Etwas Bornierteres als den Zeitgeist gibt es nicht. Wer nur die Gegenwart kennt, muß verblöden.“

Inspiriert von Peter WohllebensDie geheime Sprache der Bäume“ und bildnerisch abstrahierend, beschäftigten sich Elke und Günter Winterscheid aus Stolberg/Rhld. mit dem Thema Wald.

 

Günter Winterscheid – Stolberg Rhld. Waldfrevel
 
Ein hübsches Pärchen ging einmal
Tief in des Waldes Gründe.
Sie pflückte Beeren ohne Zahl,
Er schnitt was in die Rinde.
 
Der pflichtgetreue Förster sieht’s.
Was sind das für Geschichten?
Er zieht sein Buch, er nimmt Notiz
Und wird den Fall berichten.     

(WILHELM BUSCH)

Doch jetzt braust’s aus dem nahen Gebüsch,
tief neigen die Erlenkronen sich,
Und im Wind wogt das versilberte Gras.
Mich umfängt ambrosische Nacht: in duftende Kühlung
Nimmt ein prächtiges Dach schattender Buchen mich ein,
In des Waldes Geheimnis entflieht mir auf einmal die Landschaft,
Und ein schlängelnder Pfad leitet mich steigend empor.
Nur verstohlen durchdringt der Zweige laubigtes Gitter
Sparsames Licht, und es blickt lachend das Blaue herein.
Aber plötzlich zerreißt der Flor. Der geöffnete Wald gibt
Überraschend des Tags blendendem Glanz mich zurück.

FRIEDRICH SCHILLER

Elke Winterscheid – Stolberg Rhld.

Seht meine lieben Bäume an,
Wie sie so herrlich stehn,
Auf allen Zweigen angetan
Mit Reifen wunderschön!

Von unten an bis oben ’naus
Auf allen Zweigelein
Hängt’s weiß und zierlich, zart und kraus,
Und kann nicht schöner sein;

Und alle Bäume rund umher,
All alle weit und breit,
Stehn da, geschmückt mit gleicher Ehr,
In gleicher Herrlichkeit.

MATTHIAS CLAUDIUS

Günter Winterscheid – Stolberg Rhld.

Der scheidende Sommer
 
Das gelbe Laub erzittert,
Es fallen die Blätter herab;
Ach, alles, was hold und lieblich,
Verwelkt und sinkt ins Grab.
 
Die Gipfel des Waldes umflimmert
Ein schmerzlicher Sonnenschein;
Das mögen die letzten Küsse
Des scheidenden Sommers sein.
 
Mir ist, als müsst ich weinen
Aus tiefstem Herzensgrund;
Dies Bild erinnert mich wieder
An unsre Abschiedsstund‘.
 
Ich musste von dir scheiden,
Und wusste, du stürbest bald;
Ich war der scheidende Sommer,
Du warst der kranke Wald.
 
HEINRICH HEINE

 

„Und die Menschen gehen und bewundern die Höhen der Gebirge, die gewaltigen Wogen des Meeres, den breiten Fluß der Ströme, den Umfang der Ozeane und den Umlauf der Gestirne, auf sich selbst aber achten sie nicht.“ Aurelius Augustinus

Weiterlesen →

Cookie Consent mit Real Cookie Banner