Johannes von Heinsberg – Bildsprache – Wortsprache

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

3. April 2024
von JvHS
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Sag nein! – Wolfgang Borchert und die Verantwortung für Kriegsteilnahme

Klaus Paier – Das Finale / Fotografie: Michael Tiedt – Eigenes Werk CC BY-SA 3.0 Graffiti des Aachener Künstlers Klaus Paier, Schinkelstraße in Aachen

Die Menschen, die aufmerksam hinschauen und hinhören was die unfriedlichen Zeiten betrifft, kennen die von Galgenhumor gekennzeichneten Sprüche á la „Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin!“ Ein nur scheinbar tröstender Gedanke, jedoch vor allem wirklichkeitsfremd und somit wenig hilfreich.

Eine Friedensbewegung, die spürbar positive Auswirkungen auf die Stimmung im Land hätte, wird vermisst. Warum? Darüber wird es ebenso strittige Antworten geben, wie auch beredtes Schweigen. Eine kraftvolle Demonstration wie die zuvor einige Wochen anhaltenden Proteste gegen „Rechtsextremismus“ und gegen das Wiedererstarken völkisch-radikaler Vorurteile und Einflussmöglichkeiten (AfD und Junge Alternative mit ihrem rechten Flügel unter Höcke und Konsorten) fehlt für die Wiederherstellung des Friedens in den Kriegsregionen weiterhin, obwohl Angriffskriege, Kriegsverbrechen und Terror-Massaker seit Jahren Millionen Menschen in Leid und Elend stürzen.

Politische Parteien, die Egomanen und Diktatoren freie Bahn verschaffen und Demokratien durch Diktaturen ersetzen wollen, sind vor allem in den ehemals freiheitlichen Demokratien auf dem Weg, die Totengräber der Demokratien zu spielen. Figuren wie Donald Trump (Republikaner) stehen am Wegkreuz der Zerstörung der USA oder wie Wladimir Putin in Russland, der das Land schon unter seine Kontrolle gebracht hat. In Ländern wie Russland ist durch die Machtkonzentration in der Hand Putins und seiner Entourage der Zustand des „Mal wieder zu spät sein!“ erreicht.

Dass es in den USA, in der EU und im Nahen Osten nicht flächendeckend zu einem Zustand „Mal wieder zu spät sein!“  kommen darf, das ist nur zu vermeiden, wenn die Wahl der Republikaner um Donald Trump, die Wahl der AfD (Weidel, Höcke ua.) in Deutschland und die Wahl der rechtsradikalen und faschistischen Parteien in der EU unterbleiben. Die Wähler haben es in der Hand, diesen Parteien und Personen keine Machtbefugnisse zu erteilen. Nur dann und im Voraus aktiv sein, dann wird es gelingen, dass es kein „Mal wieder zu spät sein!“ geben wird!

Wolfgang Borchert, deutscher Schriftsteller der ersten Nachkriegsliteratur, starb 1947 schon zwei Jahre nach dem Ende des 2ten Weltkrieges. Die Traumata der Hitler-Diktatur und der Kriegserlebnisse bestimmten Prosa und Lyrik bei Borchert. Kurz vor seinem Tod schrieb er sein letztes Werk „Dann gibt es nur eins“. Wie ein Vermächtnis an die Deutschen und die nachfolgenden Generationen klang die Aufforderung, „Sag nein“ zur Teilnahme an weiteren Kriegen! 

Dieses Ziel wird allerdings nur erreicht, wenn die Wähler bei der Wahl verhindern, dass die anti-demokratischen, extremistischen, faschistischen, rassistischen, völkisch-nationalistischen, menschenfeindlichen, ausgrenzenden, unterdrückungsbereiten,  egomanischen und machtgierigen Kandidaten und Parteien gewählt werden!

„Die“ Wahrheit leidet auf allen Ebenen – besonders jene der Ostermärsche der Friedensbewegungen

„Sag nein“ wirkt nur, bevor die Machtpositionen erreicht werden. Danach ist es zu spät! Das zeigt das Beispiel Putins! Dann wird Krieg wieder als Mittel zum Zweck eingesetzt. Jeder Angriffskrieg führt zum Verteidigungskrieg. Jeder Terrorangriff wird nur mit Waffen abgewehrt können. 

Klaus Paier – Photo: Rehgina a.k.a. Regina Weinkauf / Copyrighted free use

Wolfgang Borchert

Dann gibt es nur eins!
Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre. dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen und Zielfernrohre für Scharfschützengewehre montieren, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN! Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst
statt Puder und Kakao Schießpulver verkaufen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Haßlieder singen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du
sollst die Männer kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Kapitän auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor über die Städte tragen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Schneider auf deinem Brett. Wenn sie dir morgen befehlen,
du sollst Uniformen zuschneiden, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst zum Kriegsgericht gehen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben für den Munitionszug und für den Truppentransport, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!
Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!
Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, wenn IHR nicht nein sagt, Mütter, dann: dann:

In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben

– die Straßenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Straßen

– eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig, unaufhaltsam – der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken –
in den Instituten werden die genialen Erfindungen der großen Ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln

– in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen – das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln — zerbröckeln — zerbröckeln —

– dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch – all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn – wenn – wenn ihr nicht NEIN sagt.
 
Quelle – zitiert aus: Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, Rowohlt 1986, Seite 318 ff 

Ecce homo und Kants „Zum ewigen Frieden“ – oder Golgatha kann jederzeit überall sein

2. April 2024
von JvHS
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„Die“ Wahrheit leidet auf allen Ebenen – besonders jene der Ostermärsche der Friedensbewegungen

 

Im Lichte der Wahrheit

Die Warheit” leidet als Wahrheit in diesen Krisenzeiten auf allen Ebenen. Was dann noch im festgefahren Zustand dazwischen passt, ist allenfalls ein verkleinertes “h”, damit zumindest formal eine Korrektur erfolgen kann. Ansonsten verkommt die eine wie die andere Wahrheit zur Ware- und nicht selten zur Ramschware. Übrig bleiben Friedensmärsche, die bestenfalls gut gemeint, aber schlecht gedacht  und gemacht sind. 

“Das Leben ist voll von Widersprüchen, und von jeder Wahrheit ist auch das Gegenteil wahr.” – Ricarda Huch 

Jede Gelegenheit wird von den Konzernen mit dem neoliberalen (urkapitalistischen) Weltbild genutzt, Kasse zu machen. Das gilt insbesondere in Krisen- und Kriegszeiten. Bei der letzten Pandemie ließ sich diese Ausrichtung besonders effektiv von den Pharmakonzernen umsetzen. Auch eine Wahrheit, die von dem in der Pandemie verantwortlichen Bundesminister für Gesundheit Jens Spahn (CDU) zu tiefst verinnerlicht praktiziert wurde. Erst keine Hilfsmittel (wie Schutzmasken und Tests) bevorratet, dann später Millionen auf den Müll gekippt! Dazwischen dann privatisierte Gewinn-Abschöpfungen in Millionenhöhe durch Polit-Amigos.  

Was den „Wahrheitsgehalt“ der Informationen während der Pandemie und ihren Umgang  damit betraf und das Aufreiben zwischen Spinnern, Verschwörungstheoretikern, rechtsnationalen und kritischen Hinterfragungen durch undifferenzierte Kategorisierung seitens der Mainstream-Meinungen bewirkte, das gleicht aktuell den Ostermärschen und den Forderungen der Friedensbewegungen.  Es sind die Fragen nach Vertrauensverlust und Meinungsfreiheit, nach der Umsetzung von Sicherheit und Freiheit und zu den feststellbaren Widersprüchen. 

Ross und Reiter zu benennen, wer die Angriffskriege der letzten beiden Jahre begonnen hat (Putins Russland / Hamas Terror gegen israelische Zivilisten), aber auch wer den Krieg und den Terror beenden muss, damit Friedensverhandlungen möglich werden, und wer sich auch der Verantwortung stellen muss hinsichtlich der Kriegsverbrechen und des Terrors gegen die Menschlichkeit, das ist den heutigen Friedensbewegungen allem Anschein nach nicht klar! Zudem scheint diese Betonung und Protestakzentuierung nicht erfolgt zu sein! Bei den Berichterstattungen zu den Ostermärschen ist dies nicht sichtbar geworden.

Verbrechen müssen aber als Verbrechen benannt werden, ebenso wie Terror als Terror. Jedoch bringt diese klare Positionierung alleine keinen Frieden. Gegen den Terror und die Angriffskriege müssen sich die Menschen verteidigen können. Es ist der einzige Weg, eine Diktatur und Unterdrückung zu verhindern, wenn Figuren wie Putin in Russland und Trump in den USA nicht zur rechten Zeit an Machtübernahme gehindert wurden. Darin liegt die Mitverantwortung der jeweiligen Bevölkerung, wenn Freiheit verloren geht und ein weiterer Unrechtsstaat entstehen kann.

Putin ist auf einen Weg in den maximal „erweiterten Selbstmord“. Dass Putin und seiner Entourage jedes Mittel recht ist, dass zeigen die Zwangs-Rekrutierungen von Menschen, die an die Front gezwungen werden,  um als „Kanonenfutter“ sich verheizen zu lassen. Dass dabei die eigenen gezwungenen Soldaten von den Vorgesetzten mit Terror und Folter überzogen werden, ist dabei keine Seltenheit. Diese Erbarmungslosigkeit und Menschenfeindlichkeit ist Teil des Systems. Und spiegelt sich in den Kriegsverbrechen und Massaker wie in „Butcha wider! 


Die
NZZ – in der Matrix der Medienverortung eine streng konservativ positionierte und Nato freundliche Zeitung – betonte während der Pandemiezeiten, dass eine Differenzierung der Kritik notwendig für eine kritische Betrachtung der Grundrechte-Einschränkung sein muss. Dabei wird feststellbar, dass das Verharren in der eigenen Weltanschauung (dem sich abschottenden Narrativ z.B. der Identitären und völkisch-rechtsextremen Gesinnung) zur Scheuklappenbetrachtung führen wird. (Was dann im schlimmsten Fall Diktaturen entstehen lässt!)

Ausgrenzung und Ablehnung des Diskurses gelten für jede Filterblase als Erkennungsmerkmal. Besonders nachvollziehbar für jene, die mit erkennbar undemokratischen Zielen und Absichten agieren. Und dazu gehören ohne „Wenn-und Aber“ rechtsnationalistische und rechtsradikal-völkische Kräfte ebenso  wie die Leugner des Holocaust oder die Verächter des Rechtsstaates.

2. April 2024
von JvHS
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Prinzip Hoffnung – oder die Möglichkeiten der Verantwortungsübernahme für Frieden, Freiheit, Menschenfreundlichkeit

„Der Mensch sollte am Gelingen sich orientieren, nicht am Scheitern. Die Natur lebt das Prinzip vor!“ – JWB

„Hoffnung ist eben nicht Optimismus, es ist nicht der Glaube, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn (wenn es dem Frieden, der Freiheit und der Menschenfreundlichkeit dient) hat ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht.“ – Václav Havel

„Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ – E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Bd. 3 

„Unmündigkeit und Gewaltbereitschaft ist ein explosives Gemisch, das sich im Pöbel zeigt. Ist er käuflich, wird er zugleich sinnlos gefährlich; folglich kann er von denen, die die Mittel haben und die an den faschistischen Denkmustern, Unterdrückungsverhalten und geopolitischen Angriffskriegen egomanisch interessiert sind, verblendet und benutzt werden.“ JWB (in Anlehnung an E. Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Bd. 1)

Textversion vom 26. Mai 2022 

2. April 2024
von JvHS
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Flucht – Asyl – Einwanderung – Integration – ein ewiges Menschheits-Schicksal

Quelle: Hans Magnus Enzensberger „Die Große Wanderung. 33 Markierungen, in: Versuche über den Unfrieden“ 

Das Thema „Deutschland – ein Einwanderungsland“ ist längst kein einigendes Thema. So kreisen denn auch die Debatten und Ansätze je nach Gesinnung und Ideologie um nachstehende Aspekte:

Gastfreundschaft galt und gilt in vielen Kulturen als heilig. Begleitet von ritualen Normen, die selbst einem Gast, dem Skepsis gegenüber angebracht war, eine sichere Bleibe im Falle der Not und der existenziellen Bedrohung ermöglichen sollte.

Gastfreundschaft bedeutete aber auch, dass damit kein unbegrenztes Bleiberecht verbunden war. In geografisch schwieriger Umgebung – Wüste, Steppe, keine Zivilisation und außerhalb von Ansiedlungen – garantierte die Gastfreundschaft das Überleben. Ein Anrecht zu bleiben, war nur gegeben, wenn die Aufnahme in die Sippe und Gruppe auf Dauer vereinbart wurde. Das aber war abhängig davon, welcher Gegenwert für das Bleiberecht und die Integration geboten wurde.

Gastfreundschaft wäre vergleichbar mit dem Asylrecht, um die unmittelbare existenzielle Bedrohung abzuwehren. Einwanderung nach bestimmten Regeln dagegen ist die Integration auf Dauer. Als Gegenleistung ist dafür ein Gegenwert in Form von know how, familiärer Bindung oder Stärkung der Gesellschaftsform (Demokratie und Akzeptanz der Lebensweisen) einzubringen.

Einwanderung ist somit regelgeleitet eine Vereinbarung zwischen dem Einwanderungsland und dem Immigranten und ein Abgleich der gegenseitigen Bedürfniserfüllung. Eine Rechtsbasis garantiert ein gegenseitiges Recht, das rechtsstaatlich eingefordert werden kann. Dazu gehört für den Einwanderer in ein neues Land das Sprechen der Landessprache wie auch die Akzeptanz der Staatsform und des Rechtsstaates. Bei Verstoß gegen diese Vereinbarung kann per Rechtsprechung der Verlust des Einwanderungs-Status auch verloren gehen und eine Ausweisung zur Folge haben.

Clanstrukturen, Ablehnung des Rechtsstaates und strafwürdiges Verhalten sind Beispiele für den Verlust des Einwanderer-Status. Staatsangehörigkeit und der Pass als Dokument des Nachweises der Integration ist als letzter Beweis des Ankommens in der neuen Gesellschaft mit allen Pflichten und Rechten verbunden. 

Der jüngst verstorbene Literat Hans Magnus Enzensberger hat das Thema Einwanderung, Asylrecht und Integration in seinem Werk: Die Große Wanderung. 33 Markierungen, in: Versuche über den Unfrieden aufgegriffen.

Bertold Brecht beschreibt seine eigene Flucht und Einwanderung in die USA während des WW II (Weltkrieg 2).

Brecht ließ einleitend zu seinen Flüchtlingsgesprächen  (mp3 – Datei!) einen seiner Protagonisten sagen:

„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Der Pass kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird dieser auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und nicht anerkannt wird.“  

Sascha Lobo schildert autobiografisch in seiner Spiegel-Kolumne eigene Erfahrungen zum Thema „Einwanderung“

Ergänzung

Ausweisung und Rückführung – Wirklichkeit und Utopie

Textversion aus Dezember 2022!

 

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