Johannes von Heinsberg – Bildsprache – Wortsprache

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

25. September 2022
von JvHS
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Documenta 15 – zwischen Aversion und Akzeptanz! Kunst ist was oder was war überhaupt ?

„Wenn die Kunst das Leben nur kopiert, dann brauchen wir sie nicht.“ Anselm Feuerbach

„In Wahrheit spiegelt die Kunst den Betrachter und nicht das Leben.“ – Oscar Wilde

„Kunst ist das, was Welt wird, nicht was Welt ist.“  Karl Kraus

Heute endet die Documenta 15 in Kassel. Die Frankfurter Rundschau (ein Produkt der Ippen-Verlagsgruppe) zitiert den Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, mit den Worten: „Am Ende der Documenta fifteen ist das trotzige Beharren vieler Verantwortlicher und der Rückzug hinter die Mauern der eigenen Arroganz zur traurigen Realität dieses Kunstfestes geworden.“

Jede der 15 Documenta-Ausstellungen seit 1955 ließ am Ende die Frage nach dem „Wie soll es weitergehen?“ entstehen. Niemals aber scheint die Ratlosigkeit so tiefsitzend gewesen zu sein, wie aktuell zum Ende der Documenta 15.  

Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung lautete nicht selten ein Schlusssatz, der auch zuvor schon Mut machen sollte. Den Diskurs fortzusetzen scheint auch diesmal sinnvoll zu sein. Vielleicht sollten die zukünftigen Macher mehr auf dem Boden der Geschichte der Ausstellungen stehen, um sich nicht der Gefahr des geschichtslosen Handelns auszusetzen, von der Cicero schon formulierte:

Wohin wir uns auch wenden, setzen wir den Fuß immer auf ein Stück Geschichte. – Marcus Tullius Cicero

und deren Wirkung sein wird, dass gleichermaßen materialistisch sich realisierende wie auch in der Fantasie angesiedelte Pseudo-Romantik verhindert, Heucheleien, Doppelmoral, Egoismus und Hass zu erkennen. Der Schritt zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit ist dann unvermeidlich. Sie macht das Denken eng und die Gefühle noch beschränkter. 

Vielleicht kann in Zukunft vermieden werden, worauf Karl Kraus verwies:

„Der Dilettantismus ist ebenso untüchtig wie die (darauf aufgebaute) Kunst.“

Documenta 15: Skandalfortsetzung – und die Notwendigkeit zum Diskurs über „Kunst zwischen Realität und Idealität“

Auf diesem Blog ist zum Thema Documenta 15 mehrfach berichtet und kommentiert worden. Dass in der Wertung der vergangenen Ausstellungen in Kassel nicht selten zwischen Aversion und Akzeptanz das Fazit pendelte, lässt auch der gleichnamige Titel eines Buches zu den Documenta-Ausstellungen (1992 erschienen) vermuten.

Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch auf Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?

 

19. September 2022
von JvHS
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Herbst – Hoffnung – Durch- und Ausblick

Aufklarendes Wetter als Synonym der Aufklärung. Das, was im Nebel verhüllt und verdeckt war, wird weggeweht und gibt den Blick frei. Die Veränderung hin zu mehr Erkenntnis bewirkt die „Hoffnung“ auf mehr Durchsicht, um das Gesamte wieder in allen Einzelheiten sehen und begreifen zu können.

„Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat. ( Ernst Bloch – Das Prinzip Hoffnung)

Wer anderen Menschen jenes nimmt, was dieser Heimat nennt (und sei es so, dass in jeder Kultur eine andere Erinnerung damit verbunden ist), wer also durch Krieg Zerstörung bringt, oder durch politische sowie wirtschaftliche Macht Bedingungen schafft, welche die Lebensentwürfe nach Freiheit, Frieden und ohne Entfremdung in realer Demokratie leben zu wollen von Menschen verhindert, verwirkt sein Recht auf Teilhabe am Leben.

Zurzeit geschieht dies am offensichtlichsten durch Putin, aber auch durch andere Despoten von Orban, über Erdogan, Bolsonaro bis Xi Jinping und all jenen, die mit dem Fokus auf die eigene Gesinnung und Machterhaltung andere Menschen manipulieren, überwachen, terrorisieren, mit körperlicher und psychischer Gewalt die Freiheit und das Leben nehmen, verwirken auf alle Zeiten ihr eigenes Recht auf Leben. Diese Höllenhunde der Menschheit verwechseln in ihrem Denken und Handeln das, was Schopenhauer die „Verwechslung ihres Wunsches einer Begebenheit (eines Geschehens) mit ihrer Wahrscheinlichkeit“ nannte.

Zum Begriff Hoffnung ist auf diesem Blog schon mancher Splitter des gesamten Kaleidoskop seiner Bedeutung dargestellt worden.

Meinungsfreiheit – manche Politiker wünschen sich die Bedeutung: frei von Kritik und unbehelligt von Analysen zu regieren

 

 

25. August 2022
von JvHS
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Documenta 15: Skandalfortsetzung – und die Notwendigkeit zum Diskurs über „Kunst zwischen Realität und Idealität“

… und zwischen dem Fünfjahres-Abstand der „documenta-Ausstellungen“ (Klaus Paier – Photo: Rehgina a.k.a. Regina Weinkauf / Copyrighted free use) 

Nach der Documenta ist vor der Documenta. Sofern das Format „documenta“ in fünf Jahren noch vorhanden ist, sollte der Diskurs geführt werden zu den Themen:  „Was ist Kunst?“ und „Welche Aufgabe hat die documenta zukünftig“.

Was für die documenta 15 in diesem Jahr handlungsleitend für die Macher „Ruangrupa“ und die kritisierte Gruppe Taring Padi mit ihrem Machwerk „People’s Justice“ war, fluktuiert zwischen  wollen, aber nicht können, sowie zwischen  Vorurteil und unkommentiertem Kuratieren gruppenbezogener Menschenfeindlichkeits – Darstellungen.

Das Unbehagen an der documenta 15 wirkt weiterhin aufgrund der Vermischung und Verwischung historischer Fakten der Unmenschlichkeit (Holocaust) mit naiver Interpretation vermeintlich berechtigter Kritik am Handeln des Staates Israel und den narrativen Interpretationen der Auswirkungen des Neoliberalismus in Form von Armut und Unterdrückung.

Unter dem Stichwort des Antisemitismus in den bildnerischen Produktionen und der misslungenen Aufarbeitung dieses Skandals – auch weil durch die Macher der Documenta 15 „Ruangrupa“ nach dem Prinzip „abstreiten, abwiegeln, aussitzen“ verfahren wird, wie Sascha Lobo formulierte.

Wenn die Absicht der Macher gewesen wäre, die jeweilige inhaltliche Komplexität möglichst umfassend zu durchdringen und das Kuratieren (einordnen, bewerten, auswählen, freigeben) – der Machwerke einerseits und der Kunstwerke andererseits –  als eine Teilhabemöglichkeit an künstlerischen und diskursiven Prozessen zu verstehen, dann wären die Skandale, die der „Spiegel-Lobo“ nochmals in seinem Beitrag aufzählt, nicht entstanden.

Die comicartigen und graffitinahen Collagen des Banners „People’s Justice“ und weiterer Machwerke, die sich der Kritik, antisemitische Bild-Inhalte zu zeigen, durch heimliches Überkleben zu entziehen suchten, macht das pubertäre Verhalten der Künstler- und Machergruppe umso deutlicher. Dem Konzept „documenta“ ist nicht nur ein Image-Schaden entstanden, sondern diese Form der Bestandsaufnahme und des Ausblicks auf die Entwicklung der globalen Kunst ist grundsätzlich in Frage gestellt worden!

Nachstehend wird auf die Artikel zum Thema „documenta 15“ auf diesem Blog verwiesen. Eine chronologische Auflistung erfolgt nach dem Veröffentlichungs-Datum.   

Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?

„People’s Justice“ – ein Banner ethisch und ästhetisch außer Rand und Bann? – documenta Machwerk von Taring Padi verhüllt!

documenta 6 – ein exemplarischer Rückblick auf den thematischen Schwerpunkt „Medialisierung“

Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch auf Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

Documenta 15 – Kontextualisierung statt Diskurs – Vorurteile statt aufgeklärter Versöhnung?

 

 

28. Juli 2022
von JvHS
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Documenta 15 – Kontextualisierung statt Diskurs – Vorurteile statt aufgeklärter Versöhnung?

Das Banner des Anstoßes! Das Recht auf Kunstfreiheit findet seine Grenzen! Denn Freiheit ist immer dort begrenzt, wo es die Freiheit und die Rechte der anderen beeinträchtigt. Und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – versteckt in bildnerischen Produkten – ist nicht hinnehmbar.

Die diesjährige documenta 15 kommt aus der Spirale gegenseitiger Vorwürfe und Anschuldigungen nicht hinaus. Dass nun Politiker fordern, die Kunst der documenta 15 mit einem Monitoring und einer umfassend begutachtenden Bewertung zu durchforsten, gibt dem Diskurs und der teilweise  berechtigten bisherigen Kritik einen besonderen Zungenschlag. Das Feld der Kunst zur Profilierung der Politik zu nutzen, wird nicht unbedingt zur Qualitätssteigerung des Diskurses beitragen. Es hat eher den Beigeschmack, dass die Beurteilung, was gültige und förderberechtigte Kunst ist, nur durch die Politik bewertet werden könne, weil diese auch über die Fördergelder bestimmen. Sozusagen dem Mantra folgend: wer zahlt, bestellt auch die Kunst. Und wenn die Kunst oder was und wie sie inhaltlich zu sein hat, einer solchermaßen wertenden Selektion nicht standhält, der streichen die Herren der Politik dann die Förderung.

„Kunst ist die Signatur der Zivilisation.“ (Jean Sibelius, 1865-1957)

Der Kern der Debatte und die Kritik an der documenta 15 kreist um das Thema, dass platter Antisemitismus in Machwerken zum Ausdruck gebracht wurde, jedoch die Macher dieser Werke in keiner Weise einem ästhetisch-künstlerischen Anspruch gerecht würden. Wer dem Aphorismus Sibelius` folgt, ist Kunst nur in Gesellschaften zu finden, die den Merkmalen der Zivilisation gerecht werden. Was aber setzt Zivilisation voraus? Das sesshafte Leben mit Arbeitsteilung, in Städten lebend und mit einer demokratischen Verfassung als Gesellschaftsvertrag das Zusammenleben bestimmend? Ist ein Gesellschaftsvertrag nur dann als solcher zu bezeichnen, wenn dieser Freiheit, Gleichheit und Solidarität in demokratischer Ausprägung umfasst? Sind in Diktaturen ästhetische Produktionen nicht als Kunst benennbar? 

„Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.“ (Theodor W. Adorno)

Oder bedingt Adornos Aussage, dass Kunst das Faszinierende und das Erhabene enthalten muss, um das Machwerk dann Kunst nennen zu dürfen? Kann das entfernte Werbebanner auf der documenta 15 deshalb nicht Kunst genannt werden, weil es weder magische Anziehungskraft versprüht, noch ästhetischen Ansprüchen genügte? Ist die Kategorisierung Adornos tatsächlich die, dass Kunst keine objektive Wahrheit und faktische Sachlichkeit beinhalten muss, um erst dann als Kunst anerkannt zu werden? Adorno argumentierte für die Anerkennung der Kreativität, die erst spät und oft nach dem Tod der Künstler als Kunst akzeptiert wurde. Als Beispiele dienen die letzten 150 Jahre mit den Kunstrichtungen: Impressionismus, Kubisten, Futuristen, Expressionisten, Neue Sachlichkeit und Avantgardisten oder mit den Werken von Pablo Picasso, Georges Braque, Max Beckmann, Franz Marc, Paul Klee und Piet Mondrian bis hin zur documenta 1 (Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung der „Entarteten Kunst“ der Nazis) und documenta 2 (Kunst nach 1945), welche sich inhaltlich dem Zustand der Kunst in den 1950er Jahren widmeten.

„Kunst ist Anklage, Ausdruck, Leidenschaft!“ (Günther Grass)

Die Definition von Günther Grass dürfte als Maßstab, was Kunst ist, auch für das entfernte Banner bei oberflächlicher Betrachtung vermeintlich zutreffend sein. Wer die Grafiken von Grass betrachtet und  zugrunde legt, wird feststellen, dass über den von ihm verfassten Dreiklang hinausgehend eine andere ästhetische Ausstrahlung vorhanden ist, die gerade im entfernten Banner-Plakat nicht vorzufinden ist.

„Kunst ist ein humanitärer Akt. Kunst sollte in der Lage sein, die Menschheit zu beeinflussen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.“  (Jeff Koons)

Unter diesem formulierten Anspruch dürfte die meisten Kunstwerke wohl deshalb nicht Kunst genannt werden, wenn das politische und handlungsleitende Ziel nicht erkennbar ist. Das aber würde deutlich zu kurz greifen. Zu handeln, wie gehandelt wurde, ist bei der documenta 15 – wie bei jeder bisherigen auch – vom Zeitgeist und den aktuellen Themen der Gesellschaft,  sowie den Personen in der Leitung und Organisation bestimmt.

„Kassel, wir haben ein Problem!“ Die Künstler als kreative, anarchische Rebellen sind nicht mehr sichtbar; aber als Bürger sind sie auch nicht mehr Demokraten. Diesen Spagat haben Taring Padi, protegiert von den Machern der documenta 15 namens „Ruangrupa“, nicht hinbekommen.

Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?

In jeder documenta ist immanent das Ringen um die Übersicht der aktuellen Kunst enthalten. Auch das Ringen darum, welche gesellschaftliche Matrix wirksam ist. Kunst ist immer das Reibeisen, das dem aktuellen Zeitgeist Profil verschafft, ihn herausarbeitet und eine neue Dynamik künstlerischer Strömungen entwickelt. Möglich bleibt aber auch, dass die Kunst trivialisierend verdünnt wird. Die Krise der diesjährigen Documenta zeigt sich auch darin, dass diese Kunstschau ihren Nimbus als anerkannte und nicht antastbare Institution längst verloren hat. 

„People’s Justice“ – ein Banner ethisch und ästhetisch außer Rand und Bann? – documenta Machwerk von Taring Padi verhüllt!

Die documenta 15 hat die Tendenz, eine Kunstvermittlung mit beschränkter Haftung zu werden und wie Hans Platscheck 1977 formuliert: „.. es sind stets die Planungsstäbe, die einem die documenta verekeln.“ (Harald Kimpel „Documenta – Mythos und Wirklichkeit“, S. 180) 

Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch auf Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

25. Juni 2022
von JvHS
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Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch auf Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

Was ist die alle fünf Jahre stattfindende documenta inhaltlich und formal? Eine Werkkunstschau, somit eine zur Schau gestellte Übersicht, Einsicht oder Ansicht von künstlerischen Werken? Oder doch nur ein 100 Tage dauerndes Spektakel mit jeweils anderen Schwerpunkten, ausgewählt von Kuratoren und künstlerischen Leitungen, deren Subjektivität der Auswahlkriterien immer im Diskurs  mit der Fachwelt und der Kasseler Bevölkerung steht, diese zu verteidigen, durchzusetzen oder zurückzunehmen?

Was 1955 mit der Vergangenheitsbewältigung – gleichzeitig auch das Kernthema der documenta 1 – begann, war verbunden mit dem Ziel, eine Korrektur des „Sündenfalls“ der Nazi-Aktionen vorzunehmen – die die Kunst der Modernen als „entartet“ diffamiert und ideologisch motiviert zu vernichten begonnen hatten. Realisiert wurde dieses Ziel in der ersten documenta mit dem Anspruch, die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in ihren bedeutendsten Werken zu präsentieren. Wie sich auch in den nächsten fast sieben Jahrzehnten bis zu documenta 15 zeigen sollte, klaffte nicht selten eine Lücke zwischen Anspruch und Realisierung.

Auch wenn die Vergangenheitsbewältigung 1955 im Mittelpunkt des Ausstellungskonzeptes stand, war die Grundkonzeption schon ausgerichtet auf den Anspruch, eine Übersicht der Gegenwartskunst zu gewährleisten. Das jedoch impliziert, die Kunstrichtungen in ihren Entwicklungen zu erfassen, die Veränderungen der ästhetischen Wahrnehmungen begrifflich zu benennen und im Diskurs die zeitgeistigen Einflüsse und kunsttheoretischen Ansätze miteinander zu verbinden und terminologisch zu vereinbaren.

In diesem Anspruch ist das oftmalige Scheitern – sichtbar an den Skandalen –  immanent schon enthalten. Die nunmehr fast sieben Jahrzehnte von Innen- und Außenausstellungen ist auch eine Geschichte des öffentlichen Nachdenkens über die Inhalte, Motive und Realisationen von Kunst und Kultur, von Anregung und Aufbruch, von Akzeptanz und Ablehnung.

Vor allem die Außenausstellungen mit ihren Objekten sind sowohl für die Stadtentwicklung Kassels wie auch für die kulturelle und ästhetische Weiterentwicklung der Menschen in und über Kassel hinaus von Meinungen und Reaktionsformen gekennzeichnet.

So definierte Harald Kimpel 1992 – noch in der Funktion als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Kulturamt der Stadt Kassel –  in seinem Buch die jeweiligen Reaktionsstufen von der Aversion über Duldung, Gewöhnung, Gleichgültigkeit bis zur Akzeptanz. Ein nachvollziehbarer Ansatz.

An einem exemplarischen Beispiel – >>Rahmenbau<< von Haus-Rucker-Co (Künstler-Gruppe aus Österreich/ Ein riesiger Rahmen, kombiniert mit einem weiteren kleineren Rahmen ergibt eine Begrenzung für den Blick auf das Fulda Tal. Zuvor muss ein dazu gebauter Steg betreten werden!) – macht Kimpel nachvollziehbar, was nach den 100 Tagen nicht selten mit Außenausstellungsobjekten zu bewerkstelligen ist. Da ist vor allem die Duldung oft eine Frage der Finanzierung der Folgekosten!

Die Künstlergruppe Haus-Rucker-Co beschäftigte sich mit den Problemen des städtischen Lebens und der Stadtgestaltung. Ziel dieser Stahlkonstruktion als provisorische Architektur war, „als Vermittlungsform zwischen Architektur und Skulptur den Umraum zu markieren und durch Nutzung eine bewusste Auseinandersetzung des Nutzer in seiner Rolle als Rezipient mit seiner Umwelt zu provozieren“. (Kimpel)

 Ironisch kommentierte Peter Sager im Zeitmagazin 32/1977, S.5 diesen Anspruch mit:

„Den monumentalen Ausguckbetreten die Schaulustigen in der Erwartung, endlich im Rahmen der Kunst das gelobte Land zu erblicken und nicht nur das Fulda-Tal. Manche strengen sich an wie beim Augenarzt, um die verheißenen >neuen Wahrnehmungsfelder< zu entdecken. Einige behaupten: Nichts zu sehen. Manche freilich kehren von diesem Instrument zur allmählichen Verfertigung der Bilder beim Sehen zurück mit einem medienspezifischen Flackern in den Augen.“

Der aversive und ablehnende Augenblick kommt in diesem Beispiel nach dem Ende der documenta 6 zum Tragen. Ein Sturm im November 1977 hatte Spuren an dem Objekt hinterlassen, weil Teile der Konstruktion hinunterhingen. Dieser Zustand war auch noch nicht im Januar 1978 behoben. Da selbst die Absperrbänder aus Plastik schon teilweise zerstört waren, begann die Diskussion um die Wirkung als „negative Visitenkarte“ für die Künstlergruppe wie für die Stadt Kassel. Die Restauration des schon rostenden Rahmens dauerte bis Herbst 1978 an. Die Finanzierung übernahm ein Finanzinstitut. Eine Schenkung an die Bundesgartenschau –ebenfalls in Kassel – integrierte das Objekt dann in dieses Konzept zu Beginn des Jahres 1979. Ende 1979 stürzte dann der kleine Rahmen ab. Eine erneute Reparatur ließ das Objekt dann am gleichen Platz stehen – und wohl im Rahmen der Wahrnehmungssättigung – das ehemalige „Kunstobjekt“ verdrängen im Bewusstsein der Parkbesucher. Verdrängung ist wohl kaum Akzeptanz, vielleicht noch Gleichgültigkeit, zumindest aber Gewöhnung und Nichtmehr-Wahrnehmung.

Die künstlerischen Leitung der documenta 9 wollte dann nach 15 Jahren dieses Exponat abbauen lassen. Aber selbst am Ende der 9ten documenta stand das Ding immer noch.

Nichts ist so haltbar wie ein Provisorium – selbst als „Provisorische Architektur“!

Ergänzung vom 28.06.2022

Ein Kommentar von Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives, zu den antisemitischen Bildern, die das indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi auf der documenta 15 zeigte.

Die Arolsen Archives sind das internationale Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit umfassendsten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes und ist eine wichtige Wissensquelle für die heutige Gesellschaft.

„People’s Justice“ – ein Banner ethisch und ästhetisch außer Rand und Bann? – documenta Machwerk von Taring Padi verhüllt!

Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?

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