Johannes von Heinsberg – Bildsprache – Wortsprache

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

14. Februar 2024
von JvHS
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Archiv zum Thema: Documenta

Wer ängstlich abwägt, der schweigt zu oft oder sagt rein gar nichts. Nur die scharfe (Be)-Zeichnung, die schon die Karikatur streift oder Satire umfasst, erzielt die notwendige Wirkung. – JWB 

Die Karikatur ist die bildliche Form der Satire. – JWB

Documenta 15 – zwischen Aversion und Akzeptanz! Kunst ist was oder was war überhaupt ?

Documenta 15: Skandalfortsetzung – und die Notwendigkeit zum Diskurs über „Kunst zwischen Realität und Idealität“

Documenta 15 – Kontextualisierung statt Diskurs – Vorurteile statt aufgeklärter Versöhnung?

Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch auf Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

documenta 6 – ein exemplarischer Rückblick auf den thematischen Schwerpunkt „Medialisierung“

„People’s Justice“ – ein Banner ethisch und ästhetisch außer Rand und Bann? – documenta Machwerk von Taring Padi verhüllt!

Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?

 

6. Februar 2024
von JvHS
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Der ewige Faschismus und Rechtsextremismus + Merkmale des Ur-Faschismus – in Memoriam Umberto Eco

Spiegel online berichtet von dem Beschluss des Verwaltungsgerichts Köln, dass die AfD-Jugend (Junge Alternative) als gesichert rechtsextremistisch eingestuft gilt und vom Verfassungsschutz überwacht werden darf.

(Ergänzung vom 29.03.2024: Aktuell befasst sich das Oberverwaltungsgericht in Münster im Berufsverfahren mit dem Kölner Urteil)

Die Aufgabe der politischen Parteien (Ampelkoalition: SPD – Die Grünen – FDP), CDU/CSU, Die Linke, BSW, Freie Wähler, etc.) lautet:

Die Akzeptanz von rechtsextremistischen Meinungen (menschenfeindliches Verhalten, Rassismus, Anti-Semitismus, Extremismus und Gewaltbereitschaft, Ausgrenzungsbestrebungen von Gruppen, Intoleranz und im Denken und Verhalten erkennbare Merkmale des Faschismus) von Parteimitgliedern und Funktionären auf allen Ebenen ist zurückzuweisen und aufklärende kritische Stellungnahme dagegen zu äußern!

Nur wenn parteiinterne Diskurse die Verantwortung für die Demokratie stärken, kann der Trend des heimlichen Rechtsrucks (Umberto Eco – Der ewige Faschismus*) in den oben genannten Parteien und in der Bevölkerung gestoppt werden. Denn davon profitieren bis heute die AfD und alle, die die Akzeptanz rechtsradikaler/rechtsextremistischer Meinungen und Verhalten tolerieren! 

(*) „Faschismus und Totalitarismus, Integration und Intoleranz, Migration und Europa, Identität, das Eigene und das Fremde – die zentralen Begriffe in Umberto Ecos fünf Essays könnten kaum aktueller sein. Gerade in ihrer zeitlichen Distanz zeigt sich die Stärke von Ecos Gedanken: Losgelöst vom tagesaktuellen Geschehen, scheinen in ihnen die überzeitlichen Strukturen auf, die unserem Denken und Handeln zugrunde liegen.“ (Quelle: Buchtext) 

Merkmale des Ur-Faschismus nach Umberto Eco

(Text vom 24.06.2020)

In seinem Buch „Der ewige Faschismus“ hat Umberto Eco die Archetypen (Bilder/Anzeichen) einer totalitären und ausgrenzenden Weltanschauung aufgezeigt. In zeitlosen Beschreibungen der Strukturen dieser Ideologie spiegeln sich die aktuellen Ansätze wider, diese menschenverachtenden Handlungen und das dafür manipulierende Denken wieder zu etablieren. Sowohl Trump (USA) wie auch Erdogan (Türkei) oder Orban (Ungarn) oder Putin (Russland) und vor allem Bolsonaro (Brasilien) sind exemplarische Beispiele für Faschismus und Nationalismus á la Naziterrorherrschaft.

Auch wenn Variationen des Faschismus beschreibbar werden, wie er in Deutschland, Spanien und Italien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts etabliert wurde, so gelingt Eco die Kategorisierung eines Ur-Faschismus, der in allen Ausprägungen und Abweichungen hilfreich ist, heutigen Faschismus in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft zu erkennen.

Kult der Überlieferung

Gemeinsam ist allen Faschismen eine Mixtur von Kultformen mit religiösem Eifererpotenzial und okkulten Elementen (SS-Runen oder Heilrufen mit ausgestrecktem Arm wie bei den Römern zur Zeit Cäsars). Ein weiteres Merkmal dieser Kategorie sind die verqueren Bemühungen diese Verhaltensregeln als Tradition zu deklarieren.

Ablehnung der Moderne / + Irrationalismus

Allen faschistischen Ausprägungen ist gemeinsam, dass zwar moderne Technik begehrt ist, zum Beispiel als Waffentechnik oder Überwachungstechnologie, dennoch erfolgt die Ablehnung des modernen, offenen und aus der Tradition der Aufklärung kommenden Denkens. Der Geist der französischen Revolution und der Aufklärung sowie die Forderung nach Transparenz und Diskurs der gesellschaftlichen Themen (Wie wollen wir leben?) wird im faschistischen Denken als das „Verderben des Volkes“ gesehen. Nicht selten wird eine vorgeschobene Kapitalismus-Kritik praktiziert, die jedoch nicht die ökonomischen Fehlentwicklungen in den Blick nehmen, sondern durch eine „Blut und Boden-Ideologie“ oder modern durch eine irrationale völkische Ideologie ersetzt werden soll.

Kult der Aktion anstatt selbstständiges Denken

Denken und selbstständiges kritisches Hinterfragen hinsichtlich des Handelns der Machtinhaber wird als Verrat und „Kastration der Reinheit der Ideologie“ gewertet. Jede satirische und kritisch-literarische Kultur ist dem Faschismus suspekt. Misstrauen gegenüber den Intellektuellen ist „ein Symptom des Ur-Faschismus“ (Umberto Eco). Diskriminierung und Beleidigungen der Kulturschaffenden (Bei den Nazis die „Entartete Kunst“ und das Verbrennen der Bücher / heute im rechtskonservativen und rechtsnationalistischen Weltbild der Sammelbeleidigungsbegriff des „links-grün-versifften“) sind Erkennungszeichen des Faschistischen.

Ablehnung von Kritik

Der Ur-Faschismus wächst und sucht sich Konsens, indem er die natürliche Angst vor dem  Andersartigen ausbeutet und vertieft. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Ablehnung der anderen Gebräuche und Kulturen sind Merkmale des Faschismus und Nazismus. Ablehnung anderer Ethnien und kulthafte Verehrung von „Rasse“ (bei den Nazis/Neonazis: „Blut und Boden-Ideologie“) und Variationen dazu wie Gaulands Ausruf (AfD) “Wir holen uns unser Land zurück…“, sind Belege für faschistische Gesinnung.

Konzentration auf Gleichschaltung

Jegliche Abweichung im Denken und Handeln wird unterbunden. So werden Wissenschaftler, Journalisten, Künstler und liberale Juristen/Richter verfolgt, ihrer Ämter enthoben und mit Berufsverbote belegt. Das praktiziert Erdogan in der Türkei ebenso rigoros wie Orban in Ungarn und die PIS-Partei in Polen. Zuvor haben im letzten Jahrhundert die Nazis und die Faschisten in Italien und Spanien die Blaupause dafür geschaffen.

Individuelle und gesellschaftliche Frustration

„Der Ur-Faschismus entspringt individueller oder gesellschaftlicher Frustration. Darum war eines der typischen Merkmale der historischen Faschismen der Appell an die frustrierten Mittelklassen, die unter einer ökonomischen Krise und/oder einer politischen Demütigung litten( Weltwirtschaftskrise 1928/1932 / Versailler Vertrag) und sich vor dem Druck subalterner gesellschaftlicher Gruppen fürchteten.“ (Umberto Eco)

Propagierung der Fremdenfeindlichkeit

In direkter oder indirekter Form ist Fremdenfeindlichkeit ein eindeutiges Merkmal ur-faschistischen Denken und Handelns. Mit dem Versuch, ein Kriterium zu schaffen, das andere als Fremde bezeichnen hilft, wird abgehoben auf die Vorgabe: „im gleichen Land geboren zu sein“. Das ist die Grundlage für den Nationalismus jeglicher Ausprägung. Und sofern das nicht ausreicht, um andere Ethnien ausgrenzen zu können, kommt die ergänzende Begrifflichkeit von „Blut und Völkischem“ zu Hilfe.

Minderwertigkeitsgefühle gegenüber den Andersdenkenden

Der offensichtlichen Unlogik, dass ein Farbiger, der in Deutschland geboren, aufgewachsen, ausgebildet und berufliche Karriere gemacht hat, perfekter als mancher Nazi die deutsche Sprache beherrscht, dennoch kein Deutscher sei, weil er nicht dem „germanischen“ Volk entspränge, ist nicht nur ein Beleg für die Minderwertigkeitsgefühle der Faschisten, sondern auch Quelle für der Verlagerung des Diskurses auf die Ebene der körperlichen Gewalt gegen andere Ethnien und Religionen. Religionen die jedoch gleiche Merkmale im Handeln zeigen, sind in dieser Ausprägung ebenfalls ur-faschistisch zu nennen.

Ablehnung der Friedensaktivisten und Pazifisten

„Faschisten glauben, ein »Leben für den Kampf« führen zu müssen. Daher ist Pazifismus die “Kollaboration mit dem Feind.” Pazifismus ist schlecht, weil das Leben ein permanenter Krieg ist. Erst nach der „Endlösung“ dem „Endkampf“ ist ein friedliches Leben möglich für den „guten“ Faschisten.“ (Umberto Eco)

Verachtung des Schwachen / Elitedenken auf dem Hintergrund einer militaristischen reaktionären Ideologie

 Dem ur-faschistischen Verständnis eigen ist der Gedanke, dass die einzige Elite, die Gültigkeit haben darf, die der „Zugehörigkeit zum richtigen Volk“ sei. Hierin zeigt sich auch Trumps Faschismus, der im „American first“ und „great again“ propagiert wird. So wird im besten faschistischen Sinne gepredigt: “dass man mit richtigen Hautfarbe und das sind dann nur die Weißen“ zum „besten Volk der Welt“ gehöre. Ein Ur-Rassismus der der Durchsetzung der faschistischen Ideologie dienen soll. Jeder Bürger gehört zum besten Volk der Welt, die Parteimitglieder sind die besten Bürger, und jeder Bürger kann (oder muss) Parteimitglied werden. Da der „Führer“ (Trump, Erdogan wie Orban und die vielen anderen Faschisten im letzten Jahrhundert) weiß, dass er die Macht nicht demokratisch verliehen bekommen hat, sondern gewaltsam oder betrügerisch an sich gerissen hat, weiß er auch, dass seine Stärke auf der Schwäche der Massen beruht — sie sind so schwach, dass sie einen Herrscher brauchen und verdienen. Da die Bewegung hierarchisch organisiert ist (nach militärischem Vorbild), verachtet jeder Unterführer die eigenen Untergebenen, und jeder von diesen verachtet die unter ihm Stehenden. All dies stärkt das Gefühl, zu einer Elite zu gehören. Dass ur-faschistisches Handeln auch im Neoliberalismus zu finden ist, zeigen die dort herrschenden ähnlichen Strukturen. Ein Lobbyismus, der sich in den Machtzentralen mit den willigen Abgeordneten verbünden kann, bereitet letztlich auch die Zerstörung der Demokratien auf anderer Ebene vor.

Heldentum und Heldenverehrung

Mit diesem Merkmal und unter dieser Perspektive werden im Faschismus alle zum Heldentum erzogen. „In jeder Mythologie ist der Held ein Ausnahmewesen, aber in der Ideologie des Ur-Faschismus ist Heroismus die Norm. Dieser Kult des Heroismus ist eng mit dem Kult des Todes verbunden — nicht zufällig war das Motto der Falangisten »Viva la muerte!«. In nicht faschistischen Gesellschaften wird den Leuten gesagt, der Tod sei etwas Unangenehmes, dem man jedoch mit Würde begegnen müsse; den Gläubigen wird gesagt, er sei der schmerzliche Weg zu einem übernatürlichen Glück. Der urfaschistische Held dagegen ersehnt den Heldentod, der ihm als die beste Belohnung eines heroischen Lebens gepredigt wird. Der urfaschistische Held wartet mit Ungeduld auf den Tod. In seiner Ungeduld gelingt es ihm dann nicht selten, andere in den Tod zu schicken.“ (Umberto Eco)

Das Machohafte und die Figur des Machos

Trump gibt sich oder ist machohaft (lange rote Krawatte) und steht als Figur und exemplarisches Merkmal des Ur-Faschismus und für die Synthese als „Mächtiger und Held“ in Sachen „Rettung Amerikas“. „Der Ur- Faschist überträgt seinen Willen zur Macht auf das sexuelle Gebiet. Dort ist er aber seiner Schwäche als Mensch oft unterlegen (Versagen der Potenz). Deshalb neigt der ur-faschistische Held zum Spiel mit Waffen (oder sonstigen Symbolen), die dann sein Phallusersatz werden.“ (Umberto Eco)

Populismus als ur-faschistische Methode und „Führerschaft“ als Ersatz für Mehrheitsentscheid

„Der Ur-Faschismus beruht auf einem selektiven oder qualitativen Populismus. In Demokratien haben die Bürger individuelle Rechte, aber politischen Einfluss können sie nur gemeinsam unter einem quantitativen Gesichtspunkt ausüben — die Mehrheit entscheidet. Für den Ur-Faschismus dagegen haben Individuen keinerlei Rechte, während das »Volksganze« als eine Qualität begriffen wird, eine monolithische Entität, die den gemeinsamen Willen aller zum Ausdruck bringt.“ (Umberto Eco)

Da jedoch eine große Zahl von Menschen keinen gemeinsamen Willen haben kann, wirft sich der Führer zu ihrem Interpreten auf. Nachdem sie ihre Delegationsmacht verloren haben, handeln die Bürger nicht mehr.  „Sie werden nur noch von Zeit zu Zeit als Pars pro Toto zusammengerufen, um die Rolle des Volkes zu spielen. Das Volk ist also nur eine Theaterfiktion. Erkennungsmerkmal dieser Kategorie ist: Wann immer ein Politiker die Legitimität des Parlaments in Zweifel zieht, weil es nicht mehr die »Stimme des Volkes« repräsentiere, riecht es nach Ur-Faschismus.“ (Umberto Eco)

Reduzierung der sprachlichen Fertigkeiten / Verarmung von Sprache

Spracharmut und Sprachregelungen sind Elemente des Ur-Faschismus. Das haben verschiedenen Formen von Diktatur gemeinsam. Alle nazistischen oder faschistischen Schulbücher bedienten sich eines verarmten Vokabulars und einer versimpelten Syntax, um das Instrumentarium für komplexes und kritisches Denken zu begrenzen. Stereotypische Wiederholung von Trump bei allem, was ihm nicht in sein Weltbild passt, als „Fake news“ zu bezeichnen, gehört zu diesem ur-faschistischen Merkmal.

Fazit: Während also nach Umberto Ecos Archetypen/Kategorien ur-faschistische Gesinnung in diktatorisches und freiheitsberaubendes Handeln mündet, in dem gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Gewalttätigkeit zur Umsetzung der eigenen Ideologie eingesetzt wird, das vom „Führer“ als dem „Besten“ der Masse legitimiert wird und populistisch zur Mainstream-Meinung unters „Volk“ gestreut wird, sind in Abgrenzung dazu die Freiheit der Rede, die Pressefreiheit im Sinne der „vierten Kraft“ (und nicht im Sinne eines vorauseilenden Bütteltums), die Versammlungsfreiheit und die Gewaltlosigkeit sowie der Respekt dem Mitmenschen gegenüber seine Freiheit nicht zu begrenzen die Merkmale eines demokratischen Zusammenlebens.

“Die Worte Franklin D.Roosevelts am 4. November 1938 sind es wert, in Erinnerung gerufen zu werden: »Ich wage zu behaupten: wenn die amerikanische Demokratie aufhört, als lebendige Kraft voranzuschreiten, um Tag und Nacht mit friedlichen Mitteln das Los unserer Bürger zu verbessern, wird der Faschismus in unserem Lande an Kraft gewinnen!“ (Umberto Eco)

Freiheitliche Demokratie ist zudem Ausdruck von Toleranz (im Gegensatz dazu sind die systematische Unterdrückung und Entdemokratisierung in Ungarn (Orban), in der Türkei (Erdogan) und in Russland (Putin).   Die Aktionen der AfD wie ihre Bemühungen, Faschismus und völkische Weltsicht salonfähig zu machen, sind ein Beispiel dafür, warum diese nicht nur  faschistisch/neonazistisch genannt werden muss,  sondern ein exemplarisches Beispiel für Intoleranz und Vorurteile darstellt, die Wesensmerkmale des ur-faschistischen Denkens und Handels sind.

Aber der Ur-Faschismus mit seinen negativen Wirkungen auf die Menschen ist nicht nur in politischen Systemen zu finden, sondern auch in Religionen und ihrem fundamentalistischen Zweigen sowie in ökonomischen Systemen, die in ihren Ausprägungen Elemente und Archetypen des Ur-Faschismus erkennen lassen.

“Die gefährlichste Intoleranz ist genau diejenige, die ohne jede Doktrin oder Theorie allein aufgrund elementarer Triebe entsteht. Deswegen kann sie nicht mit Vernunftargumenten kritisiert und aufgehalten werden. Die theoretischen Grundlagen von Hitlers Mein Kampf lassen sich mit einer Reihe von ziemlich elementaren Argumentationen widerlegen, aber wenn die Ideen, die das Buch propagierte, überlebt haben und jeden Einwand überleben werden, dann deshalb, weil sie sich auf eine rohe Intoleranz stützen, die gegen jede Kritik immun ist. Ich finde die Intoleranz von Bossis Lega Nord gefährlicher als die des Front National von Le Pen. Le Pen hat hinter sich immer noch Intellektuelle, die Verrat begangen haben, während Bossi nichts anderes hat als rohe Triebe.” (Umberto Eco)

Noch einmal, die schlimmste Intoleranz ist die der Armen, die immer die ersten Opfer der Verschiedenheit sind. Unter den Reichen gibt es keinen Rassismus. Die Reichen haben höchstens die Doktrinen des Rassismus produziert, die Armen produzieren seine Praxis, die viel gefährlicher ist.

Die Intellektuellen können gegen die rohe Intoleranz nichts ausrichten, denn vor dem rein Animalischen, das kein Denken kennt, ist das Denken wehrlos. Und wenn sie gegen die doktrinäre Intoleranz kämpfen, ist es zu spät, denn sobald die Intoleranz zur Doktrin gerinnt, ist sie nicht mehr zu besiegen, und die es tun müssten, werden zu ihren ersten Opfern.

Erwachsene Menschen, die aus ethnischen und/oder religiösen Gründen aufeinander schießen, zur Toleranz erziehen zu wollen, ist Zeitvergeudung. Zu spät. Die rohe Intoleranz muss an der Wurzel bekämpft werden, durch eine permanente Erziehung, die im zartesten Alter beginnt, bevor sie zu einer Doktrin gerinnt und eine zu dicke und harte Verhaltenskruste wird.

Manche Werte, die typisch für die europäische Sicht der Welt sind, repräsentieren ein Erbe, auf das wir nicht verzichten können. Zu entscheiden und anzuerkennen, was innerhalb einer toleranten Weltsicht für uns intolerabel wäre, ist die Art von Grenzlinie, die wir Europäer jeden Tag neu ziehen müssen, mit Sinn für Gerechtigkeit und ständiger Ausübung jener Tugend, welche die Philosophen seit Aristoteles Klugheit nennen.

Klugheit in diesem philosophischen Sinn heißt nicht Risikoscheu, und sie fällt auch nicht mit Feigheit zusammen. Im klassischen Sinne von phronesis ist Klugheit die Fähigkeit, sich zu beherrschen und durch Gebrauch der Vernunft zu disziplinieren, und als solche ist sie zu einer der vier Kardinaltugenden erhoben und oft mit Weisheit und Einsicht assoziiert worden, das heißt mit der Fähigkeit, zwischen tugend- und lasterhaftem Handeln zu unterscheiden, nicht nur im allgemeinen Sinne, sondern im Hinblick auf richtiges Handeln zur gegebenen Zeit am gegebenen Ort.” (Umberto Eco)

 Quelle: Den Vortrag »Der ewige Faschismus« hielt Umberto Eco am 25. April 1995 in englischer Sprache in New York; Anlass war ein von der Columbia University veranstaltetes Symposium zum 50. Jahrestag der Befreiung Italiens vom Faschismus.

13. Januar 2024
von JvHS
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TikTok – verschwörungsproduzierende Plattform der 14-29 jährigen Altersgruppe?

 

Wenn Emotionen die Basis des Austauschs sind und der soziale Wunsch auch dazu zu gehören, was die eigene Altersgruppe für angesehen hält, dann hat gerade bei den Jugendlichen Teens + Twens (14-29 Jährige) die Plattform Tiktok eine unverhältnismäßig große Bedeutung.

Die Informationsverbreitung geschieht überwiegend über Videos. Stereotypen der Äußerlichkeiten – Gesichter, Mode, Accessoires, Stimmlage und Tränen – wirken direkt auf die visuellen Emotions-Verarbeitungskanäle der Empfänger und Konsumenten. Wird das reine Sehen schon zur Erkenntnisverarbeitung? (Wird nur gesehen, oder auch Erkenntnisse gewonnen und verstanden?) Die kurzen Videos werden von „Hinz und Kunz“, von jeder/jedem der videoaffinen Influencer (jede:r kann sich in diese Rolle begeben),  dabei ohne großen Tiefgang und Recherche hunderttausendfach verteilt.

Erzählungen und ungefilterte Geschichtchen werden zu allen möglichen Themen zu scheinbaren Wahrheiten zusammengebastelt und fluten das Netz. Tiktok als  Medium und Mittel der Meinungsmache und Halbwahrheiten beeinflussen die Gedanken, die Worte, das Handeln und die Gesinnung dieser Altersgruppe.

In dem Artikel „Die Teenie-Querdenker:innen“ auf Krautreporter (für eine Woche frei zugänglich!) schreibt die Autorin (Isolde Ruhdorfer):

„Wenn ich eine alternative Realität besuchen will, öffne ich Tiktok. Dort ist Israel ein zutiefst böser Staat, westliche Medien lügen grundsätzlich und ich bin ein schlechter Mensch, wenn ich mich nicht für Palästina einsetze. In dieser alternativen Realität gibt es Gut und Böse und nichts dazwischen.

Der Hashtag #standwithisrael hat auf Tiktok 500 Millionen Aufrufe, #freepalestine 30 Milliarden, also 60-mal mehr. Auf der Plattform bildet sich ein abgeschlossenes System: Wer sich nur dort informiert, hat unzählige Videos von leidenden Palästinenser:innen gesehen, aber wahrscheinlich kein einziges über die Gräueltaten der Hamas an den Israelis.

Die Wirkung dieser Plattform ist verheerend. Karl Poppers Begriffskategorien zum Handeln in der Welt –  gesinnungsethisch versus verantwortungsethisch – schlägt aufgrund des dominierenden Algorithmus in Tiktok  zum ersteren Begriff aus! Statt das eigenen Handeln auf die Übernahme von Verantwortung auszurichten und die Folgen des eigenen Denkens und Handelns zu bedenken, wird Gesinnung verinnerlicht und Verantwortung hinten angestellt.  

Poppers Regeln der Kommunikation kommen auf Tiktok nicht zum Tragen! 

„Wenn eine 16-Jährige wissen will, warum es im Nahen Osten einen Krieg gibt, dann ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass sie sich diesen langen Krautreporter-Artikel zur Geschichte des Israel-Palästina-Konflikts durchliest. Viel eher wird sie Tiktok öffnen und in die Suchleiste „Israel Palästina Erklärung“ eingeben. Dann wird sie sich einige Videos dazu ansehen, in denen Creator:innen in wenigen Minuten ihre Sicht auf den Krieg darlegen.“

„Die Folgen dieser Entwicklung sind bereits messbar: Wie eine repräsentative Befragung unter Deutschen zum Krieg gegen die Ukraine ergab, sind Verschwörungsmythen unter jungen Menschen besonders verbreitet. Zum Beispiel stimmten zehn Prozent der 16- bis 29-Jährigen der Aussage zu, dass der Krieg in der Ukraine notwendig sei, um die dortige faschistische Regierung zu beseitigen. Unter der gesamten erwachsenen Bevölkerung waren nur 4,7 Prozent dieser Ansicht.“ (Quelle: Krautreporter-Artikel „Die Teenie-Querdenker:innen“!)

Die Generation Z wünscht sich von den Medien „mehr Wahrnehmung und Respekt“ derjenigen gesellschaftlichen Gruppen, die bisher eher im „Dunkeln“ sich befinden.

Laut Krautreporter-Artikel kommt die Bildungsforscherin und Politologin Nina Kolleck zur Schlussfolgerung: „Die Jugendlichen verbringen mehr Zeit mit dem reinen Konsum von Inhalten und werden quasi en passant von verschwörungstheoretischen Inhalten beeinflusst“, sagt Kolleck. Denn wer nur passiv zuschaue, aber nichts aktiv beitrage, hinterfrage die Inhalte nicht kritisch. Die kurzen Videos seien gut darin, Emotionen zu setzen und einen unbewusst zu beeinflussen.“

Diese passive Haltung zeige sich auch daran, wie sich Nutzer:innen auf der Plattform für bestimmte Themen engagieren: Es sei  üblich, in einem Video, dessen Inhalt man wichtig findet, die Uhrzeit zu kommentieren. So sammelten sich unter einem Video schnell die Kommentare und erhöhen die Reichweite.

Die Videoproduzenten würden die Tiktok-Konsumenten benutzen, in dem gezielt Filter und Sounds angeboten würden, um Menschen aus einem bestimmten Land finanziell zu unterstützen – und das, ohne ihnen Geld zahlen zu müssen.

„Du sitzt einfach da, entspannst dich und nutzt einen Sound oder Filter. So einfach ist das!“, sagt dieser Creator in einem Video.

Die Bequemlichkeit wird ausgenutzt und ohne tatsächlich Verantwortung zu übernehmen oder zumindest kreativ zu sein, müsse nur der Sound einfach unter ein Selfie oder das Bild von einer Kaffeetasse gelegt werden. Und schon ist das Gefühl da, man rette die Welt mit!

„Es ist die denkbar einfachste Art, um das Gefühl zu bekommen, etwas Gutes getan zu haben: Man muss nichts schreiben oder sagen, man muss keine Meinung formulieren, man muss kein Geld spenden, man muss das Haus nicht verlassen und nicht einmal das Handy aus der Hand legen.“ (Krautreporterin Isolde Ruhdorfer!) 

Daraus folgt:

  • Tiktok ist die Plattform für kurze Videos
  • Tiktok bietet alternative Realitäten als Wahrheit der Altersgruppe der 14-29 Jährigen
  • Tiktok bedient überwiegend Emotionen, die von Stereotypen nur so strotzen
  • Tiktok produziert parallele Informationen, die als Wahrheit – weil von „sichtbaren“ (KI?) Personen erzählt – über die Ereignisse der Welt gesehen werden
  • Tiktok prägt die Weltsicht der Generation Z, in dem die Kappung zu den anderen Teilen der Gesellschaft  und deren Erfahrungen als Gütemerkmal zählt ,
  • Tiktok bedeutet, dass persönliche Geschichtchen den Stellenwert von historischen Erkenntnissen erhalten und einnehmen
  • Tiktok bedeutet: mehr als 20 Millionen Menschen in Deutschland nutzen die Plattform – überwiegend passiv konsumierend!
  • Tiktok ist massiv manipulierend – auch weil „das vermeintlich Gute getan werden kann“, ohne große Anstrengung zu haben!
  • Tiktok wirkt als verschwörungsproduzierende Plattform auf die 14-29 Jährigen?

Schöne neue Welt für politische Brandstifter und Populisten aller Couleur, die vor allem eines einigt: Feinde der demokratischen Gesellschaft zu sein! 

Karl Popper – Regeln für eine Kommunikation

Ergänzung 

Podcast des Politikwissenschaftlers Claus Leggewie beim Deutschlandfunk als Gegenentwurf zum Tiktok-Einheitsbrei emotionaler Oberflächlichkeit

17. Dezember 2023
von JvHS
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Mephistophelische und Machiavellistische Politik – die Bühne für Erpressung, Verrat, Korruption und Destruktion der Egomanen

Wer aufmerksam das Agieren der politischen Verantwortlichen in den letzten Jahren beobachtet, wird nicht um die Schlußfolgerung herumkommen, dass zu viele Egomanen in den Machtpositionen von Partei- und Regierungsämtern sitzen. Exemplarische Beispiele dafür sind aktuell Viktor Orbán (Ungarn) mit der Erpressung der EU-Partner, Recep Tayyip Erdoğan (Türkei) mit der Erpressung der EU (Migrationswanderung durch Schmiergeldzahlung) und der NATO (Schweden – NATO-Beitritt), aber auch innerdeutsch Friedrich Merz (CDU-Vorsitzender) mit dem größtmöglichen destruktiven Agieren gegen die Ampelregierung, die nicht zuletzt unter den Folgen der 32 Jahre dauernden Politik von Kohl und Merkel mit ihren Investitionsstaus zu kämpfen hat. (Die Fortsetzung dieser neoliberalen Gesinnung praktiziert Christian Lindner und seine FDP in der Ampelkoalition!) 

Die CDU/CSU unter dem verblendet agierenden neoliberalen Egomanen Friedrich Merz (Doppelmoral) und seinen Gesinnungsgenossen verkennt die Gefährdung der Demokratie, indem sie den Anti-Demokraten der AfD – mit ihren Störaktionen und Blockade-Verhalten in Sachen der konzertierte parteiübergreifende Problemlösung für die deutsche Gesellschaft – in die Hände spielt. Da wird die Sicherheit für die Menschen in Deutschland und die Abwehr der Feinde der Gesellschaft dem Karrierewahn des Friedrich Merz und seiner Kumpanen geopfert! Profiteure werden die rechtsextremen Netzwerke der Nazis und der AfD sein! Das ist die Wiederholung der Fehler der Konservativen und Wirtschaftsführer in der Zeit von 1928-1933 vor der Machtübernahme Hitlers! 

Das Mephistophelische (den Pakt mit dem Teufel eingehen) und das Machiavellistische (Gier nach Machterlangung und Machtsicherung politischer Macht ohne Berücksichtigung von Moral und manches Mal auch ohne Rechtsbeachtung) in der Politik sind ohne Widerspruch zur „Normalität“ verkommen! 

Die Akzeptanz einer bedenklichen Form der sogenannten „Realpolitik“ oder des Verständnisses, dass Politik „die Machbarkeit fauler Kompromisse“ sei, ist schon immer Ausgangspunkt heftiger Debatten gewesen. Wenn jedoch die Alternativen zur Doppelmoral und zur sogenannten Realpolitik blockierte werden, muss sich nicht über die destruktiven Wirkungen der o.g. Figuren gewundert werden! Es bedeutet zugleich die Ausklammerung der Erkenntnisse von Immanuel Kant und Hans Jonas.

Immanuel Kant formulierte im „Kategorischen Imperativ“,  der  in einer seiner Grundformen lautet: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

In einer moderneren Form schrieb Hans Jonas in seinem Werk: „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ 

Version vom 08.09.2025 / 18:50 Uhr (Schreibfehler-Korrekturen)

 

13. Oktober 2022
von JvHS
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Ein Angriffskrieg kann niemals legitimiert werden – UN-Charta und Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“

Von See File history below for details.Denelson83, Zscout370 ve Madden – Flag of the United Nations from the Open Clip Art website. Modifications by Denelson83, Zscout370 and Madden. Official construction sheet here.(1946-presentUnited Nations) The United Nations flag code and regulations, as amended November 11, 1952, New York OCLC: 7548838., Gemeinfrei

Die UN-Charta (Verfassung der vereinten Nationen UNO), die auch das Statut des Internationalen Gerichtshofes enthält, wurde am 26. Juni 1945 in der Folge der furchtbaren Folgen des WWII gegründet und trat am 24. Oktober 1945 in Kraft. Über eine lange Zeit (seit mehr als 2500 Jahre) haben Philosophen versucht, eine Theorie für einen „berechtigten Krieg“ zu begründen. ,

Zitat: „Die Charta als völkerrechtlicher Vertrag bindet alle Mitglieder aufgrund der entsprechenden Bestimmungen des Völkerrechts. Änderungen der Charta erfordern eine Zweidrittelmehrheit der Mitglieder der Generalversammlung, darunter die Zustimmung aller fünf UN-Vetomächte.[3]“ (Quelle: wikipedia)

Und dennoch finden auch seit diesem Datum immer wieder Kriege statt, in der nicht selten auch die sogenannten „fünf Veto-Nationen“ verwickelt sind. Und wie seit Jahrtausenden in der Geschichte der Menschheit sind die Motive zu den Kriegen meistens Machtansprüche, Gier oder mit dem moderneren Begriff der „geopolitischen Macht-Verteilung“ bezeichnete Beweggründe feststellbar.

Und immer hat es seit Aristoteles über Cicero, Augustinus, Thomas von Aquin (die letzteren Beide als Versuch des Christentums, Jesus Gewaltverbot auf den „Bedarf an Kriegen“ aufgrund der weltliche Macht der Kirche zu begründen) Erklärungsversuche gegeben für einen „gerechten Krieg“. Die Perversion der „heiligen Kriege“ der Religionen stützte sich nicht zuletzt darauf.

In der Summa Theologica (ST) stellt er die Grundfrage der (christlichen) Friedensethik: »Kann es jemals sittlich erlaubt sein, einen Krieg zu führen?« Aquin gibt die auch zu seiner Zeit schon klassische Antwort: »Zu einem „gerechten Krieg“ sind drei Dinge erforderlich:

  • Erstens die Vollmacht des Fürsten [ auctoritas principis], auf dessen Befehl hin der Krieg zu führen ist.
  • Zweitens ist ein gerechter Grund [causa iusta] verlangt. Es müssen nämlich diejenigen,
    die mit Krieg überzogen werden, dies einer Schuld wegen verdienen. [. . . ]
  • Drittens wird verlangt, dass die Kriegführenden die rechte Absicht [intentio recta] haben, nämlich entweder das Gute zu mehren oder das Böse zu meiden.«
  • Viertens Pro|portionalität –
    als Prinzip aller guten Handlungen bedeutet auf den Krieg übertragen, dass Gewalt wegen der
    mit ihr verbundenen hohen Kosten

    • (i) nur als ultima ratio in Frage kommt,
    • dass sie (ii) begründete Aussicht auf Erfolg haben muss,
    • und dass sie (iii) ein angemessenes Maß nicht überschreiten darf. (Vergleichswert ist die Verteidigung des irdischen Friedens und die Möglichkeit eines heilsorientierten Lebens.)

Welche Bandbreite an missbräuchlichen Interpretationen bis heute damit möglich ist, kann jeder ohne große Geistesanstrengung nachvollziehen, wer die vielen Kriege seit der UN-Charta-Unterzeichnung betrachtet. Aktuell belegt Putin seinen Angriffskrieg mit Propaganda gestützten Pseudo-Argumenten, während die Ukraine sich gegen diesen Überfall wehrt und das Recht der Notwehr in Anspruch nimmt .

Zitat: „Mit der Gründung der UNO 1945 wuchs die Bedeutung des Völkerrechts weiter und nicht selten wird es als »Überwinder der Lehre vom g. K.«[40] betrachtet. Krieg bzw. jede Form internationaler Gewaltanwendung ist nach der UN-Charta verboten und lediglich auf den eng begrenzten Bereich des »naturgegebenen Rechts zur kollektiven und individuellen Notwehr« (UN-Charta, Art. 51) eingeschränkt.

Als solche gilt nun nicht nur die Verteidigung gegen einen erlittenen Angriff (­Notwehr), sondern auch die Nothilfe gegen schwere Menschenrechtsverletzungen. Auch in dieser Argumentationskette besteht der Versuch, kriegerische Handlungen als „Humanitäre Intervention“ zu legitimieren – wie beispielsweise beim Jugoslawienkrieg.

Dabei muss allerdings beachtet werden, dass die Lehre vom gerechten Krieg (LgK) nur eine Art ›Checkliste‹ darstellt, die trotz ihres hohen systematischen Niveaus[54] der eigenverantwortlichen Auslegung und Anwendung bedarf, wenn es darum geht, zumindest »Graduierungen des Katastrophalen«[55] zu ermöglichen.“

Zitatende (Quelle: Sandkühler – Enzyklopädie Philosophie, 2010)

Lesenswert in diesem Zusammenhang ist Immanuel Kants Schrift: „Zum ewigen Frieden“.

Zitat: „Die Präliminarartikel stellen Bedingungen dar, die erfüllt sein sollten, damit Frieden zwischen Staaten dauerhaft und nachhaltig möglich ist. Sie sind als Verbotsartikel formuliert, die das Handeln der Staaten im Interesse des Friedens einschränken. Kant erläutert, dass die Präliminarartikel 1, 5 und 6 strikte und absolute Voraussetzungen eines dauerhaften Friedens sind, während Artikel 2, 3 und 4 regulativ seien, deren Umsetzung und Einhaltung also erst mit dem Friedensschluss erfolgen muss und eine Verzögerung (etwa durch Abrüstung, Entlassung abhängiger Staaten in Autonomie mit bloßer Personalunion bei eigener Gesetzgebung und Rechtsprechung, Rückzahlung von Anleihen) oder sogar durch einen Bestandschutz eingeschränkt sind. Immanuel Kant: AA VIII, 347[4]

  1. „Es soll kein Friedensschluss für einen solchen gelten, der mit dem geheimen Vorbehalt des Stoffs zu einem künftigen Kriege gemacht worden.“
  2. „Es soll kein für sich bestehender Staat (klein oder groß, das gilt hier gleichviel) von einem anderen Staate durch Erbung, Tausch, Kauf oder Schenkung erworben werden können.“
  3. „Stehende Heere (miles perpetuus) sollen mit der Zeit ganz aufhören.“ 
  4. „Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äußere Staatshändel gemacht werden.“
  5. „Kein Staat soll sich in die Verfassung und Regierung eines andern Staats gewalttätig einmischen.“ 
  6. „Es soll sich kein Staat im Kriege mit einem andern solche Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, Anstellung der Meuchelmörder (percussores), Giftmischer (venefici), Brechung der Kapitulation, Anstiftung des Verrats (perduellio) in dem bekriegten Staat etc.“ Zitatende 

Um Missbrauch zu verhindern, bedarf die Struktur – vor allem das Veto-Recht der fünf Veto-Staaten – eine reformierende Überarbeitung.

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