Johannes von Heinsberg – Bildsprache – Wortsprache

Fotografie und Philosophie – Sehen und Erkennen

24. Juni 2022
von JvHS
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documenta 6 – ein exemplarischer Rückblick auf den thematischen Schwerpunkt „Medialisierung“

Die „documenta“ zu durchwandern, live Atmosphäre und Werke von rund 650 Kunstschaffende in einem ganz besonderen Rahmen von Innen- und Außerausstellungen zu erleben, dass gab es für mich erstmalig 1977 mit der documenta 6. Mit zwei Staatsexamina in der Tasche, die Lehrerlaubnis für Kunst darin enthalten, war die Begegnung mit Künstlern direkt vor Ort von besonderer  Erlebnisqualität geprägt.

Eine kunstsoziologische Abschlussexamensarbeit zum Thema „Reale und utopische Kommunikationsformen des Stadtlebens“ war erfolgreich und mit „sehr gut“ bei einem der teilnehmenden Künstler zuvor abgelegt worden. Fotografie und Zeichnung waren kunstpraktische wie dokumentarische Mittel und gestaltende Bestandteile der Arbeit.

Die documenta 6 war von besonderem Interesse für mich, da ihr Schwerpunkt unter dem Stichwort „Medialisierung“ stand. Damit wurde nicht nur die Mediengesellschaft thematisiert, vor allem waren Fotografie und Film (Video) als Kunstform und Gestaltungsmittel in den Fokus der Aufmerksamkeit gestellt worden.

Erstmalig vertraten mit Willi Sitte, Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke  und den Bildhauern Jo Jastram und Fritz Cremer sechs Künstler aus der DDR die Kunst des „Sozialistischen Realismus“ auf der documenta.

Nicht nur im Mittelpunkt der Feuilletons der deutschlandweiten Printmedien standen die Arbeiten „Der vertikale Erdkilometer“ von Walter De Maria, das „Terminal“ von Richard Serra und Die „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ von Joseph Beuys in der Rotunde des Fridericianums. Nachhaltigkeit und Sichtbarkeit reduzierten sich bei Walter De Maria auf eine kleine Plakette im Boden des Friedrichplatzes in Kassel; bei Beuys „Honigpumpe“ nach der temporären Installation in Fotografie und Film.

Dem Happening-Charakter der genannten Kunstaktionen ist Nachhaltigkeit nur in der besonderen Form von Film und Foto gegeben. Ein ästhetischer Dialog wird lediglich für einen kurzen Zeitabschnitt ermöglicht. Danach steht lediglich die zweidimensionale Wahrnehmung zur Verfügung. Eine eher negative Reduzierung auf ein völlig anderes Medium. Ob dies dem Anspruch einer dialektischen Kommunikation genügen kann, mag eine immanente Eigenart der Environments sein. Die Ausweitung der Exponaten-Präsentation zum Environment war dennoch ein Hauptansatz der documenta 6-Konzeption.

Hierzu schreibt denn der Kenner der Documenta-Geschichte und Wissenschaftler beim documenta-archiv, Harald Kimpel, in seinem Buch „documenta – Die Überschau“ zur documenta 6:

Das Selbstdarstellungspotenzial der Beteiligten ließ auch 1977 nicht auf sich warten. Joseph Beuys nutzte bei der Eröffnung die Übertragung des Hessischen Rundfunks die Gelegenheit, seinen Kunstbegriff live zu erläutern ebenso, wie Nam June Paik  (Videokünstler) mit Charlotte Moorman, um ein „musikalischen Fluxus-Ritual“ vorzuführen, wie Kimpel formulierte.

Scheinbar hat wohl jede documenta ihre Skandale und Skandälchen. Zur documenta 6 gehörten die Zerwürfnisse der für die Ausstellungskonzeption der Abteilung Bilder verantwortlichen Klaus Honnef und Evelyn Weiss mit Manfred Schneckenburger, künstlerische Leiter der documenta 6, die ihre Ämter niederlegten. Markus Lüppertz und Georg Baselitz zogen ihre Bilder aus der Ausstellung ebenso zurück, wie Gerhard Richter.  Die Befindlichkeitsskala war bis zum Anschlag auf Rot gestellt wegen der geplanten Umhängeaktion ihrer Bilder und damit nicht akzeptabler „Nachbarschaften“ mit weniger exponierten Künstlern, was für die genannten „Cracks“ und „Kings“ aus ihrer Sicht nicht zumutbar war.

Die Retrospektive zur Geschichte der Fotografie von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis zur aktuellen Gegenwart war ebenso konzeptionell, qualitativ und substantiell gelungen,  wie der Überblick zu den ausgestellten Handzeichnungen der 1960er und 1970er Jahre.

Nicht zuletzt war die Laser-Show von Horst H. Baumann jede Nacht mit dem gespannten Lichtnetz aus roten und grünen Strahlen ein Erinnerungsbaustein der documenta 6, die bis heute traditioneller Bestandteil geblieben ist und damit einen „Laser-Lichtbogen“ schon 1977  in die Zukunft geworfen hat. 

Ergänzung vom 25.06.2022

Was von der documenta 15 bleiben wird, dazu gehört der Skandal um die Exponate des indonesischen Künstlerkollektivs „Taring Padi“ und des darin sichtbaren Antisemitismus. Ein plakativer und wenig gelungener Propaganda Versuch. Decodierbar wird im Verhalten der Gruppe im Vorfeld wie auch in den Versuchen, die „bildnerischer Kuh“ vom Eis zu holen, dass zu viele blinde Flecken auf das gesellschaftliche Umfeld des indonesischen Staates und vor allem eine rassistische Gesinnung sichtbar geworden sind. Eine große Mitverantwortung  liegt bei den Kuratoren und der documenta-Leitung, die in ihrer Beratungsarbeit bei diesem Thema völlig versagt haben.

 Ein wenig Einblick in die bildmäßige Verarbeitung der Inhalte lassen auch die vier Fotos in der FAZ zu, von denen Lars Hartmann (alias bersarin) sagt: 

„Daß ich solche intervenierende Kunst für trivial halte, brauche ich nicht extra dazuzusagen. Zumal solch erweiterter Kunstbegriff am Ende zu einer Entleerung von Kunst überhaupt führt und sich die Sache auf dem Bastel-Bau-und-Heimwerker-Niveau ansiedelt: jeder kann irgendwie irgendwas und kann es eben doch nicht.“ 

Und auch wenn er sich diese vier in der FAZ gezeigten Fotos von Werken ansehe, bleibe er skeptisch! 

Zum Thema documenta 15 auf diesem Blog:

hier und hier!

Ergänzung vom 26.06.2022

Ein Kommentar von Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives, zu den antisemitischen Bildern, die das indonesische Künstlerkollektiv Taring Padi auf der documenta 15 zeigte.

Die Arolsen Archives sind das internationale Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit umfassendsten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes und ist eine wichtige Wissensquelle für die heutige Gesellschaft.

21. Juni 2022
von JvHS
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„People’s Justice“ – ein Banner ethisch und ästhetisch außer Rand und Bann? – documenta Machwerk von Taring Padi verhüllt!

Recht auf Kunstfreiheit findet seine Grenzen! Denn Freiheit ist immer dort begrenzt, wo es die Freiheit und die Rechte der anderen beeinträchtigt. Und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit – versteckt in bildnerischen Produkten – ist nicht hinnehmbar.

Im Rahmen der documenta 15 ist es mit dem Werk „People’s Justice“ der Gruppe Taring Padi, protegiert von den Machern der documenta 15 namens „Ruangrupa“, zu einem Konflikt gekommen, der die Frage sowohl nach der Handlungsverantwortung aufwirft, wie nach der Beantwortung der Frage „Was darf Kunst?“  

Wenn es im Kunstbereich zu Konflikten kommt, berufen sich Künstler und Kunstagenten gerne auf das Recht der Meinungs- und Kunstfreiheit.

Wie und in welcher Weise ist das verhüllte Plakat als „Bild des Anstoßes“ davon betroffen? Das Verhältnis von Ethik und Ästhetik ist ein weiteres Feld, das die kollektiv geäußerte Kritik betrifft, die mit zum Sanktionsbeschluss geführt hat. Den hat das Kollektiv nach eigener Darstellung selber getroffen.

»Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei«, heißt es im Grundgesetz der BRD (Art. 5, Abschnitt 3.)

Dazu heißt es bei Dagmar Fenner in ihrem Werk „Was kann und darf Kunst?“:

Zitat: In positiver Hinsicht wird damit allen Menschen das Recht auf eine künstlerische Betätigung im Werkbereich, das heißt in der Sphäre des Schaffens, sowie auf die Darbietung und Verbreitung von Kunstwerken im Wirkbereich zugesichert. Unter »Wirkbereich« wird bei dieser aus der Rechtsprechung stammenden Unterscheidung die Darbietung und Verbreitung der Kunst in der Öffentlichkeit verstanden.

Weil Kunst meist erst durch die Kenntnisnahme durch Rezipienten ihre Wirkung voll entfalten kann, wird auch dieser Bereich grundrechtlich geschützt. Negativ betrachtet enthält die Kunstfreiheit das Verbot, auf die künstlerische Tätigkeit eines Menschen einengend oder reglementierend einzuwirken: Weder der Staat noch Einzelpersonen dürfen einem Kunstschaffenden bestimmte Stilrichtungen, Inhalte oder Methoden vorschreiben und andere zu unterdrücken versuchen. Analog dazu bedeutet die Forschungsfreiheit, dass niemand einem Wissenschaftler anordnen darf, was als Wahrheit zu gelten hat und mit welchen Methoden diese zu erforschen sei.

Weder das Recht auf Forschungsfreiheit noch das Recht auf Kunstfreiheit gelten aber absolut. Sie stellen keineswegs einen Freibrief an die Forscher oder Kunstschaffenden dar, alles Beliebige mit allen denkbaren Methoden zu erforschen oder künstlerisch darzustellen. Juristisch gesehen findet das Recht auf Kunstfreiheit genauso wie das Recht auf Forschungsfreiheit seine Grenzen da, wo es mit anderen gesetzlich geschützten Grundrechten kollidiert“ Zitatende

„Es handelt sich dann um eine direkte Handlungsverantwortung gegenüber der vom Handeln in der aktuellen Situation Betroffenen sowie vor der ganzen Diskursgemeinschaft als moralischer Beurteilungsinstanz“, würde Fenner den aktuellen Vorgang werten.

Es sind keine Streubomben, wie in Putins Krieg, jedoch bewegt das „Kunst“-werk die Mitmenschen und produzierte Signale, die kommunikativ wirkten. Denn die in dem Werk eingearbeiteten Botschaften sind nicht in einem inhaltlich luftleeren Raum entstanden, sondern reagieren auch in diesem Beispiel auf Probleme ihrer – der Künstlergruppe –  Zeit und ihres Lebensumfeldes. Die zeitgeistige Darstellung des Lebensumfeldes ist allerdings erkennbar naiv und höchst subjektiv – um nicht zu sagen ideologisch verbrämt – widergegeben. Jedoch  ist die Kritik an bestimmten Lebens­- und Verhaltensweisen, Gesellschaftsformen oder politischen Systemen ohne kritische Distanz und globalem Blick auch deshalb in die Hose gegangen.

Wie  alle anderen Menschen tragen auch Künstler die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns. Juristisch sind die Zeichen und Symbole in dem auch ästhetisch wenig überzeugenden Exponat mit antisemitischer Bedeutung aufgeladen. Da keine dialektische Codierung erkennbar ist, die eine künstlerische Hinterfragung der genutzten Symbole aufzeigen würde, ist die Sanktionshandlung wohl eine legitime Reaktion der weiteren Kuratoren.

Documenta als Werkkunstschau zwischen Aversion und Akzeptanz – Anspruch auf Übersicht der Gegenwartskunst noch erfüllbar?

 

Ergänzung vom 22.06.2022

Medienberichte als Stimmungs- und Meinungsbild – Beiträge zum Diskurs

TAZ 1

TAZ 2

Der Freitag 

Informationen zum Diskurs mit den Links zu den Feuilletons der FAZ, NZZ, Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und dem ZDF:

FAZ

NZZ

SdZ

Die Zeit

ZDF

21. Juni 2022
von JvHS
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Documenta 15 und das Banner des Anstoßes – Wann sind politische Bildinhalte auch Kunst?

Ist das Kunst – oder kann das weg? (Taring Padi – „Wimmelbild“ genannt im Artikel auf „t-online„)

„Die Einzigartigkeit des Kunstwerks ist identisch mit seinem Eingebettetsein in den Zusammenhang der Tradition.“ – Walter Benjamin

„Das Leben ahmt die Kunst weit mehr nach als die Kunst das Leben.“ – Oscar Wilde

„Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben.“ – Pablo Picasso

Wer die Plane – wohlwollend auch unter Bezug auf eine Technik aus dem Bereich der Internetseiten sich beziehend – als Banner, oder noch differenzierter, als graffitiartiges Plakat bezeichnet, kommt nicht daran vorbei, Inhalte, Form, Licht und Schatten sowie die Farbgestaltung zu hinterfragen.

Kunstsoziologisch und kunstgeschichtlich betrachtet, liegt es nahe, Vergleiche mit Künstlern aus anderen Kunstepochen vorzunehmen. Käthe Kollwitz und ihr Plakat zum Thema „Nie wieder Krieg“, Klaus Staeck mit seinen Plakaten aus den 1970er Jahren und die Graffiti-Malerei eines Klaus Paier sowie die Wandmalereien in den sozialistischen Ländern des Ostblocks sind unweigerlich Maßstäbe, mit dem das documenta15-Machwerk der Gruppe „Taring Padi“ vermessen und gewertet wird.

Walter Benjamin hatte den Terminus »Politisierung der Kunst« für die Bemühungen der Avantgardisten geprägt, die sich einer verqueren »Ästhetisierung der Politik« entgegenstemmten.

Eine ästhetische Bewertung wird nicht ausbleiben dürfen, wie der Diskurs zur Darstellung und der Gestaltung der Plane im Netz jetzt schon nachvollziehbar macht.

Und nach den ersten Wahrnehmungen ist die negative Bewertung die deutlich überwiegende. Lars Hartmann (Pseudonym: bersarin) lässt auf seinem Blog denn auch keine Zweifel aufkommen, dass hier die Grenze überschritten wurde.

Zitat: „Ich bin im Blick auf die documenta dafür, daß alle Kunst Kunst bleiben muß. Aber solcher Agitprop, der Judenhaß zum Thema hat, indem jüdische Stereotype gezeichnet werden, und solches Hetzprogramm als Kunst zu maskieren: das geht nicht, das ist nur noch bedingt von der Kunstfreiheit gedeckt.“ Und weiter… „Dies ist ganz einfach und deutlich gesagt „Stürmer“-Ästhetik, die in bestimmten Kreisen anscheinend hoffähig geworden ist.“ Zitatende  

Und ihm ist zuzustimmen, wenn er schreibt, dass „mit Blick aufs ästhetisch Gemachtsein“ er zu Recht von einem Machwerk spricht, welches in solch plumper Art und Weise daherkomme, dass auch durch Kunst kaschierter Antisemitismus nur Antisemitismus bleibe. Und ein Kunstwerk sei nicht deshalb ein Kunstwerk, weil es in einer Galerie oder einer der wichtigsten Kunstschauen Europas hänge.

Käthe Kollwitz – Nie wieder Krieg Bild: gemeinfrei

Nicht zuletzt sollte ein Verweis auf George Grosz erlaubt sein. Auch Grosz nutzte provokative Darstellungen in seiner Kunst zu politische Aussagen. Und Käthe Kollwitz hat mit ihrem Plakat „Nie wieder Krieg“ eindeutig politisch und moralisch Stellung bezog. Doch die künstlerische Qualität kam nicht zu kurz.  Ästhetisch sind die Werke Kollwitz und Grosz von deutlich anderer Qualität.

Nie wieder Krieg – Klaus Paier – Aachen, Bunker Saarstraße (Copyright CC BY-SA 3.0 oder neuer)

Selbst die Wandmalereien (und im weitesten Sinne Graffiti) eines Klaus Paier, die erst spät in ihrem Erhaltungswert von den Ratsmitgliedern in Aachen als schützenswert eingestuft wurden, spielen künstlerisch und ästhetisch in einer anderen Liga im Vergleich mit dem documenta15-Machwerk, das von den verantwortlichen Machern – in persona der Gruppe „Ruangrupa“ – protegiert wurde.

Nun bleibt noch, dass der Diskurs über künstlerisch-ästhetische Qualität das schon schiefhängende Bild mit dem „antisemitischen Fingerzeig“ im Stile einer agitatorischen Propaganda soweit wie notwendig gerade gerückt werden kann. Jede gruppenbezogene  Menschenfeindlichkeit – ob sprachlich oder bildnerisch geäußert –  muss als solche bezeichnet und kritisiert werden.

Ergänzung I

Die Ungleichzeitigkeit wie die Unbarmherzigkeit der Befindlichkeiten haben wieder zugeschlagen! Nach dem Muster von „Entweder-Oder“ ist der aktuelle Zustand so: Das Werk wurde komplett verhüllt. Die Kürze des Diskurses als kurzer Prozess? Was die Macher vorher wissen konnten und zu bedenken hatten, ist die eine Seite des alltäglichen Dramas. Wieso erst das Kind – hier der vermeintlichen Kunst – in den Brunnen fallen muss, bevor das Denken beginnt, ist die ewige Frage, auch die zur Souveränität einerseits, sowie einer Großzügigkeit beim Umgang mit dem Werk andererseits. Das Prinzip der Bestrafung ist nicht zu übersehen.  

Ergänzung II 

Informationen zum Diskurs mit den Links zu den Feuilletons der FAZ, NZZ, Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und dem ZDF:

FAZ

NZZ

SdZ

Die Zeit

ZDF

Spiegel -Kolumne S. Lobo

Medienberichte als erweitertes Stimmungs- und Meinungsbild – Beiträge zum Diskurs

TAZ 1

TAZ 2

Der Freitag 

Ergänzung III

documenta 6 – ein exemplarischer Rückblick auf den thematischen Schwerpunkt „Medialisierung“

3. Juli 2021
von JvHS
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Hoffnung als Konzept der Problemlösung?

“Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ – Ernst Bloch

“Der Sinn von Politik ist Freiheit.” – Hannah Arendt – Was ist Politik? 

“Diese neue Situation, in der die »Menschheit« faktisch die Rolle übernommen hat, die früher der Natur oder der Geschichte zugeschrieben wurde, würde in diesem Zusammenhang besagen, dass das Recht Rechte zu haben oder das Recht jeden Menschen, zur Menschheit zu gehören, von der Menschheit (auch den Abgeordneten) selbst garantiert werden müsste.” – Hannah Arendt – Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft

“Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?”  Hannah Arendt -Vita activa oder vom tätigen Leben, S. 12 

“Eine Welt, die Platz für die Öffentlichkeit haben soll, kann nicht nur für eine Generation errichtet oder nur für die Lebenden geplant sein; sie muss die Lebensspanne sterblicher Menschen übersteigen.” – Vita Activa oder vom tätigen Leben”

 

Hoffnung ist differenzierbar in „ich hoffe“ als Prinzip des Lebens/des Daseins (im Gegensatz zu „Planen“ ) mit der Gefahr, in Fatalismus abzugleiten, dass alles von einem „Anderen“ vorbestimmt und geleitet wird im Sinne „was erwartet mich“ mit dem Ergebnis, es stoisch zu ertragen. – Sowie „ich hoffe, dass“ im Sinne von „was erwarte ich“ und dazu brauche ich Erinnerung, geschichtliches Wissen, objektivierbare Erkenntnis und Analyse dessen, was geschehen ist.

  

Zitat 1:

„Wer im weiten Sinne hofft, der bangt um einen glücklichen Ausgang, und bei Aufhebung der Ungewissheit wäre dieses hoffende Bangen in Enttäuschung oder freudige Sicherheit übergegangen. Erfüllte H. im engeren Sinne unterscheidet sich davon insofern, als solches ›hoffen‹ dem Erhofften selbst ein Moment von Unbestimmtheit lässt und nicht lediglich der Frage seines Eintretens (analog zur Hegelschen Unterscheidung von Zweifelslehre und ­Skepsis). Der Sache nach scheint die Polarität des ersten Brennpunkts mit dem Unterschied zwischen der H. als ­Leidenschaft resp. ­Affekt (die durch die ­Vernunft geleitet werden muss; die Stoiker und Spinoza bilden die Hauptreferenzpunkte) und H. als­ Tugend resp. »Richtungsakt kognitiver Art« (Bloch) übereinzukommen: im ersten Falle ist der Gegenbegriff zu H. ­Furcht, im zweiten Fall Planung.“ Zitat aus: Hoffnung / Enzyklopädie Philosophie (2010)

Zitat 2:

„Grundlage der Kantischen Bestimmung von H. ist seine Drei- resp. Vierteilung des Feldes der Philosophie in Metaphysik, Moral, Religion und Anthropologie gemäß den drei resp. vier Fragen, in denen sich alles Interesse der Vernunft vereinigt:

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen? und
  4. Was ist der Mensch?

Entscheidend dabei ist, dass die dritte Frage »praktisch und theoretisch zugleich« ist; die Zusammenstimmung von theoretischer und praktischer Vernunft vollzieht sich weder in einem Wissen noch in einem Wollen, sondern in einem Hoffen.“ Zitat aus: Hoffnung / Enzyklopädie Philosophie (2010)

Zunächst sind die Möglichkeitsbedingungen zu analysieren und ggf. zu schaffen, um die Frage:  „Wie wollen wir leben?“, beantworten zu können. Hilfreich dazu dürfte sein, das Konzept der Befähigung (Capability Approach)  zur Mitgestaltung der Bedingungen voranzutreiben, wie sie von Amartya Sen und Martha Nussbaum entwickelt wurden, um globale Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen. Bezogen auf Deutschland sind folgende Arbeiten lesenswert: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit und Soziale Arbeit sowie Der capability approach als integrativer Theorierahmen.  

Obwohl die rheinische Form der Hoffnung gerne und oft zitiert wird: „Et es noch emmer jot jejange“, ist dieses Postulat das Gegenteil zum Befähigungskonzept und von gestaltender Vita activa. (Link inaktiv) (Hannah Arendt)

Offen bleibt für die Debatte über Hoffnung als ein Konzept zur Lösung der aktuellen Probleme, ob wir Ernst Blochs Feststellung: das, was »allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat«, dereinst erreicht haben werden!

Philosophiegeschichtlich haben sich nachfolgende Philosophen mit dem Begriff Hoffnung auseinandergesetzt. In Kernsätzen soll dazu kurz eingegangen werden (Quelle: Philosophie Magazin 04/2021):

Aristoteles: 

„Die Gegenwart ist Gegenstand der Wahrnehmung, die Zukunft Sache der Hoffnung, die Vergangenheit Gegenstand der Erinnerung.“

Apostel Paulus als Urchrist:

„Hoffnung meint das Vertrauen auf Gott, der die Toten lebendig macht.“

Baruch de Spinoza:

„Hoffnung (als irrationaler Affekt!) ist die unbeständige Freude, die aus der Idee eines zukünftigen oder vergangenen Dinges entspringt, über dessen Ausgang wir in gewisser Hinsicht zweifelhaft sind.

Hannah Arendt:

„Es besteht Hoffnung, weil mit jedem neuen Menschen und mit jeder Handlung ein Neuanfang gemacht werden kann, der das Alte durchbricht.“

Albert Camus

„Das Leben hat keinen metaphysischen Sinn, wenn wir auch stets danach suchen. Aus dieser Absurdität gibt es zwei Fluchtwege: Suizid oder Hoffnung. Stattdessen sollten wir das Dasein wie Sisyphos heroisch ertragen.“

Ergänzung:

Ein verheerendes Verständnis von „Befähigungsansatz“ nach FDP-Provenienz gibt nachstehender Link zu einem Gespräch zwischen einem Intensiv-Pfleger und Wolfgang Kubicki wider, in dem nachvollziehbar wird, wie weit Politiker und Abgeordnete vom realen Leben der Menschen weg sind, aber durch die  – von jenen gutsituierten Einkommensempfänger gemachten –  Gesetze extrem beeinflusst wird. Es wird sichtbar, dass das System der parlamentarischen Demokratie kaum noch Interessensvertretung der Menschen, die von Lohneinkommen leben müssen, vornimmt und gewährleistet. Eine weitere direkte Einflussnahme parallel zum Parlament als Korrektiv und als Kontrolle der Umsetzung des Grundgesetzgeistes ist dringend notwendig.

19. Juni 2021
von JvHS
Kommentare deaktiviert für Meinungsfreiheit – manche Politiker wünschen sich die Bedeutung: frei von Kritik und unbehelligt von Analysen zu regieren

Meinungsfreiheit – manche Politiker wünschen sich die Bedeutung: frei von Kritik und unbehelligt von Analysen zu regieren

„Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ – Ernst Bloch

I have a dream – Martin Luther King

I have a dream – proklamierte Martin Luther King in seiner berühmten Rede am 28.08.1963! Ein Traum, der präzisiert und sprachlich kommuniziert wird, der Handlungsanleitungen einschließt und Hoffnung auf Veränderung vermittelt, ist prototypisch für die Formulierung einer Utopie. Bestandteil jeder Utopie sind die Gegenentwürfe zu bestimmten Formen und Normen innerhalb von  Gesellschaften. Für Martin Luther King waren diese in 1963 noch immer Rassismus und Unterdrückung der Bevölkerungsteile, die nicht weißer Hautfarbe waren. 

Meistens sind die Gegenentwürfe zum Thema „Wie wollen wir zukünftig leben?“, wie sie Martin Luther King in seiner Rede vorbrachte, die Forderung nach einem gerechteren Gemeinwesen und die Verbesserung des Lebens für benachteiligte Teile der Gesellschaft auch durch eine Daseinsfürsorge, die vom Staat als grundgesetzliche Aufgabe umzusetzen ist. Wer diesen Gedanken zum Maßstab nimmt, um die Gegenwart – wie sie sich nach 15 Monaten Pandemie-Ausnahmezustand mit Einschränkung der Grundrechte darstellt –  zu bewerten, wer in den letzten 40 Jahren   (32 davon unter den Kohl- und Merkel- Kanzlerschaften der CDU/CSU) die Regierungsverantwortung hatte,  dann kann nur der Schluss gezogen werden, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gegangen ist, weil die Orientierung auf das Wohl der Wirtschaft einseitig den Blick auf die Bedürfnisse der anderen Gesellschaftsteile in engen Grenzen hielt.

Aus der Daseinsfürsorge hat sich die CDU/CSU immer weiter zurückgezogen und stattdessen der Privatisierung den Weg geebnet zulasten des Großteils der Bevölkerung. Die Nachteile einer Parteien-Demokratie, in der zu viele Mitglieder der eigenen Partei in Positionen kommen, für die sowohl der Sachverstand wie auch die Verantwortlichkeit fehlen. Erst recht fehlt dieser Persönlichkeitspart, wenn dann zu dem noch am Posten festgehalten wird. Beispiele für dieses Versagen sind quer durch den Parteienverbund von CDU/CSU zu finden. Im Rahmen der Pandemie-Bewältigung sind Spahn und seine Entourage ebenso zu nennen, wie im Rahmen des Mautskandals der Schuldentreiber Andreas Scheuer.

In seinem Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung“ (ursprünglich vorgesehen mit dem Titel „The dreams of a better life“ und geschrieben im Zeitraum 1938 bis 1947 im amerikanischen Exil) hat Ernst Bloch eine konkrete Utopie beschrieben.

„Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ – Ernst Bloch

Bei der Beantwortung der Frage „Wie wollen wir zukünftig nach der Pandemie leben?“ geht es also um die Gestaltung der Welt zu einer „Heimat für alle“. Aus der Sicht des Autors ist Heimat als Lebensbasis zu verstehen, in der Solidarität nicht als Ausnahme, sondern als Normalität und Handwerkszeug der Gemeinschaft betrachtet wird. 

Was aber bedeutet Solidarität konkret? In der Enzyklopädie Philosophie (herausgegeben von HANS JÖRG SANDKÜHLER)  verweist der Begriff Solidarität mit seinen Querbezügen zu den Themen Gerechtigkeit, Fürsorge, Sozialethik, Vernunft, Demokratie, Staatsformen, Menschenrechte, Grundrechte, Gesellschaftstheorie, Kapitalismus/Neoliberalismus, Eigentum/Besitz, Ökonomieform, Ökologie, Diskursethik/-fähigkeit, Wertschätzung und bürgerliche Gesellschaft auf die Komplexität als Grundwert hin, der in der Bedeutung alle genannten Bereiche des Gesellschaftsvertrages zu berücksichtigen hat und umgekehrt diese Bereiche die Solidarität als unabdingbaren Bestandteil akzeptieren müssen.

Das Teilen (auch als Teilnahme) – der Ressourcen, der Verantwortung, der Mitbestimmung – wird somit zur maßgeblichen Handlungsanleitung. Das „Ich“ teilt das Leben mit dem „Wir“. 

Wer aus diesen Perspektiven die Welt betrachtet, wird erkennen, dass die Bedingungen für diese zuvor beschriebene Weltgestaltung durch Solidarität in der Realität der Politik der Konservativen kaum akzeptiert werden. Stattdessen wird von den Verantwortlichen in den Regierungen der letzten vier Jahrzehnte das „Ich-Prinzip“ und das „Haben-Weltbild“ in den Vordergrund gestellt. Statt Eigentum verpflichtet, wird Eigentum zum Zweck der Profitvermehrung verstanden. 

Alle Versuche der gesetzlichen Regulierung werden von der Fraktion der CDU/CSU blockiert oder so verwässert, dass, wenn  ein neues Gesetz zustande kommt, dieses mehr Lücken zur Umgehung enthält, um den alten Status Quo zu erhalten.  Exemplarisches Beispiel für das Vorgehen der CDU/CSU-Fraktion in dieser Legislaturperiode ist die Verwässerung der Regulierung der Grunderwerbssteuer.

Um nicht nach der Pandemie wieder in das „Weiter-so-wie-bisher“ zurückzufallen, dem auch Armin Laschet allem Anschein nacheifert, darf und muss sich der Aufarbeitung der Pandemie und der dort beobachtbaren Versagen der Politik zuwenden, ergebnisorientiert zwar, jedoch offen für die Teilnahme von Bürgerräten als Beteiligungsform außerhalb der gewöhnlich Aktiven wie Lobbyisten und Abgeordnete. 

Gedanklich zum Thema Solidarität, wie diese weiterhin auch nach der Pandemie einbezogen werden kann, diskutierte im Rahmen der TV-Reihe „Demokratie Forum – Schloss Hambach“  Michel Friedman  mit seinen Gästen darüber, wie Solidarität gelingt. Mit ihm diskutieren Medizin-Ethikerin Alena Buyx, Politikwissenschaftler Rainer Forst und Psychologin und Glücksforscherin Maike Luhmann.

„Seit Beginn der Corona-Pandemie ist ein Wort omnipräsent: Solidarität. Forderungen nach Solidarität sind allgegenwärtig – ganz aktuell die Forderung nach Solidarität zwischen Geimpften und Ungeimpften.“ (Quelle: ARD Mediathek) 

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